Parkinson: „Mein neues Leben mit Strom im Kopf“

Von Rex Schober

Kategorien: Medizinreportagen


Datum: 06.04.2015

Irgendwann spürte Iris W. ihren linken Arm nicht mehr, sie machte immer kleinere Schritte und ihre Hände zitterten. Die traurige Diagnose: Parkinson! Sie war gerade 44 Jahre alt, eine Welt brach für sie zusammen. Dank eines kleines Eingriffs im Gehirn geht es ihr heute wesentlich besser, ein Hirnschrittmacher brachte ihr eine neue Lebensqualität. BrandZeilen.de stellt die neue Parkinson-Therapie vor.

Der Teufel im Kopf meldete sich nicht an. Auf leisen Sohlen schlich er sich in Iris Winklers Leben. Die Fleischerei-Verkäuferin aus Dörfchen in der Nähe von Gera in Thüringen war erst Anfang 40, als sie vor zehn Jahren immer öfter merkwürdige Bewegungsstörungen in ihrem Körper verspürte.

„Beim Fahrradfahren zitterte plötzlich mein linker Arm, und er tat höllisch weh“, erinnert sich die zweifache Mutter. „Ein anderes Mal fühlte ich mich wie festgenagelt, weil ich die Bewegungen, die der Kopf meinem Körper befahl, nicht mehr ausführen konnte . Dann hing mein linker Arm herunter, oder ich ging nach vorn gebeugt und machte kleine Trippelschritte.“

 Die Arbeit als Verkäuferin in einer Fleischerei wurden für Iris Winkler  zur Qual. „Wir hatten viel Kundschaft, vor allem mittags war an unserem Imbiss sehr viel zu tun. Doch ich brachte kaum noch etwas in die Verkaufstüten, und meine Bewegungen wurden immer langsamer“, berichtet die heute 51-Jährige. „Es war mir unangenehm, dass die Kolleginnen mir immer öfter helfen mussten. Später zitterten meine Hände so stark, dass Stammkunden schon fragten,  ob ich einen  Schnaps brauche. Dabei war ich völlig nüchtern. Niemand ahnte, wie ich mich dabei fühlte, und wie es in mir aussah. Es war die Hölle.“

Iris Winkler suchte Hilfe im Internet. Sobald sie dort ihre Symptome als Suchbegriffe eingab, landete sie bei Multiple Sklerose oder bei Parkinson. Völlig verunsichert schilderte sie daraufhin ihrem Hausarzt die Beschwerden. Der überwies sie zwar zu einem Neurologen, doch der Facharzt erkannte die Ursache für ihre Beschwerden nicht. 'Unbeweglichkeit' lautete seine Fehldiagnose. „Von Parkinson war zu keiner Zeit der Behandlung die Rede“, so Iris Winkler. „Er verschrieb mir lediglich Tabletten, und als die keine Besserung brachten, meinte er, dass ich unter Depressionen leide.“

So ging sie trotz zunehmender Beschwerden und Schmerzen weiter zur Arbeit und quälte sich von früh bis spät. Von Tag zu Tag wurde sie verschlossener, niemanden ließ sie mehr an sich und ihre gesundheitlichen Probleme heran.

Als Iris Winkler in ihrer Verzweiflung ein Parkinson-Forum besuchte, riet man ihr, sich an einen Spezialisten in  Gera zu wenden: Dr. Christian Oehlwein (58). „Schon beim ersten Besuch hatte ich ein sehr gutes Gefühl und sofort großes Vertrauen“, berichtet Iris Winkler, die sich endlich verstanden fühlte, weil der Arzt sie und ihre Beschwerden ernst nahm. „Ich spürte, dass ich endlich Hilfe bekommen würde.“

Der Neurologe Dr. Oehlwein beschäftigt sich seit 28 Jahren mit Parkinson, er hat sich die Erforschung neuer Therapieansätze auf die Fahnen geschrieben. Parkinson entsteht, wenn das Gehirn kein oder zu wenig Dopamin produziert- so heißt der biochemische Botenstoff,  der die Bewegungsimpulse zwischen den Nervenzellen weiterleitet. Nach einer ersten Untersuchung, die den Verdacht auf Parkinson bestätigte,  schickte er seine Patientin zu einer Nuklearmedizinischen Untersuchung ins Universitätsklinikum Leipzig. Bei dieser sogenannten SPECT-Untersuchung (Single Photon Computed Tomography) lässt sich der Stoffwechsel verschiedener Organe grafisch darstellen. Eine radioaktive Substanz, die der Patientin vorher gespritzt wird, heftet sich dabei an die Zellen. Je stärker der Stoffwechsel des Gehirns ist,  umso größer ist die Anreicherung der radioaktiv markierten Stoffe an seine Zellen. Mehrere Schichtaufnahmen liefern dann ein aufschlussreiches 3-D-Bild.

Dr. Christian Oehlwein erklärt.: „So können jene Zellen sichtbar gemacht werden, die noch Dopamin produzieren. Daraus lassen sich sichere Schlüsse zum Stadium der Krankheit ziehen.“

Auf Grund dieser Untersuchungsergebnisse stellte der Arzt Iris Winkler medikamentös ein und schrieb sie arbeitsunfähig.

Iris Winkler erinnert sich: „Während dieser Zeit schluckte ich pro Tag etwa 30 Tabletten mit schweren Nebenwirkungen. Ich nahm zu, bekam Wasser in den Beinen und wurde depressiv.“ Es war die Zeit, in der Iris Winkler mit ihrem Hobby, der Fotografie, begann.

In den folgenden Jahren machte die Wissenschaft große Fortschritte. Mediziner und Forscher wie Dr. Oehlwein arbeiteten an neuen Parkinson- Studienprojekten. Dabei rückte die elektrische Stimulation von Nerven, die sogenannte Neurostimulation immer mehr ins Blickfeld der Experten. Bei der Neurostimulation unterdrückt ein elektrischer Impuls fehlerhafte Informationen aufgrund Dopamin-Mangels im Gehirn und reduziert dadurch die Parkinson-Symptome. Zwei feine Elektroden werden genau dort im Gehirn platziert, wo normalerweise Dopamin produziert wird. Die elektrischen Impulse gaukeln nicht vorhandenes Dopamin und heben so die Beschwerden auf – eine medizinische Revolution!

Zurück zu Iris Winkler. Trotz der Einnahme der vielen Medikamente gab es keinerlei Aussicht auf Besserung. Neben Parkinson machten ihr die schweren Nebenwirkungen zu schaffen, die Patientin galt als 'austherapiert'.  In dieser für sie scheinbar ausweglosen Situation holte Dr. Oehlwein ein Ass aus dem Ärmel – die Neurostimulation. Ein sogenannter 'Hirnschrittmachers sollte implantiert werden.

„Ich hatte schon davon gehört“, erzählt Iris Winkler, „ich sah einen solchen Eingriff  als große Chance und willigte sofort ein.  Mögliche Risiken waren mir egal, nach den ersten Voruntersuchungen hatte auch ich keine Angst mehr vor einer Hirn-OP. Voller Zuversicht und Hoffnung fuhr ich ins Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.“

Der erfahrene Neurochirurg PD Dr. Wolfgang Hamel und sein Team sollten den Eingriff vornehmen. Neurologe Dr. Christian Oehlwein erklärt: „Da der Eingriff absolute Präzision und sehr erfahrene Neurochirurgen auf genau diesem Gebiet erfordert, werden meine  Patienten entweder am UKE in Hamburg oder am Universitätsklinikum in Kiel operiert.“

Da die Patientin nach Fortschritt des Eingriffs Antworten geben können muss, erfolgte Operation bei vollem Bewusstsein. Während des etwa 10-stündigen Eingriffs pflanzte Dr. Hamel seiner Patientin zwei feine Elektroden 10 Zentimeter tief ins Gehirn – genau an jene Stellen, in denen eigentlich das Dopamin produziert wird.  Eine hochkomplexe Technik erlaubt den Operateuren, den Weg der Sonde durch das Gehirn auf dem Bildschirm genau zu verfolgen. So können sie jegliche Zerstörung von Hirngewebe vermeiden. Dank der permanenten Kontrolle per  CT kann die Sonde optimal platziert werden.

Danach wurden der Patientin der Hirnschrittmacher zur Stromerzeugung samt Batterie oberhalb der linken Brust und Verbindungskabel unter der Haut verlegt. Äußerlich ist die Installation nicht zu erkennen. Allein den Impulsgeber (den Activa ® RC Neurostimulator von Medtronic) und eine Leitung kann man fühlen.

Schon kurz  nach der Implantation zeigten die Elektroden ihre positive Wirkung. Iris Winkler erzählt: „Schon zwei bis drei Tage später ging es mir spürbar besser. Ich bemerkte die positive Veränderung in meinen Bewegungen, und ich hatte viel weniger Schmerzen. Es fühlte sich einfach gut an, ja fast schon wie vor dem Ausbruch von Parkinson. In all den Jahren meiner schweren Erkrankung hatte ich fast schon vergessen, wie es ist, sich normal bewegen zu können. Ich habe Freudentränen vergossen, es war einfach ein phantastisches Gefühl.“

Mit ihrer neuen Bewegungsfreiheit kamen - auch zur Freude ihrer Familie und ihres Mannes -  die Lebensfreude und die Lebensqualität zurück. „Es war so, als hätten die Ärzte Mr. Parkinson abgeschaltet“, freut sich die Patientin. Obwohl sie weiß, dass ihre Krankheit unheilbar ist, und dass Parkinson ihr Leben lang ihr Begleiter sein wird. Aber dank des Eingriffs ist sie krampffrei und das bis auf kleine Beschwerden ist das Zittern verschwunden.  „Heute genieße ich mein neues Leben“, freut sich Iris Winkler, während sie ihre Kamera hervorholt. „Der Reif draußen an den Gräsern sieht richtig schön aus. Das muss ich fotografieren.“ Sie steuert auf ihr Motiv zu und drückt auf den Auslöser. Das Bild ist gestochen scharf, unverwackelt. In diesem Augenblick hat sie Mr. Parkinson vergessen.

rex.schober@brandzeilen.de

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Interview


Dr. med. Christian Oehlwein, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie

Wozu dient die SPECT-Untersuchung?

Mit dieser nuklearmedizinischen Untersuchung können jene Zellen im Gehirn sichtbar gemacht werden, die noch Dopamin produzieren. Daraus lassen sich sichere Schlüsse zum Stadium der Krankheit ziehen.


Ist ein Eingriff am Gehirn - vor allem wenn er wie hier 10 Stunden dauert - nicht sehr gefährlich?

Der Eingriff erfordert absolute Präzision und auf diesem Gebiet sehr erfahrene Neuro-Chirurgen. Meine Patienten werden am UKE in Hamburg oder am Univeersitätsklinikum in Kiel operiert. Übrigens: Das Gehirn empfindet keinen Schmerz!


Was genau passiert bei der OP?

Während des Eingriffs, bei dem der Patient  bei vollem Bewusstsein ist, da er je nach Lage-Fortschritt Antworten geben muss, werden zwei feine Elektroden 10 cm tief ins Gehirn implantiert. Exakt an die Stelle, an der bei Gesunden das Dopamin produziert wird. Die ständige Kontrolle per Computertomographen garantiert die optimale Platzierung im Gehirn. Das eigentliche Gerät, also der Impulsgeber mit Batterie, ist nicht zu sehen. Es wird auf der Brust unter die Haut gebettet.


Kontakt:

Neurologische Praxis Dr. med. Christian Oehlwein

Telefon: 0365 - 7732454
 

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