Eine deutsche Ärztin ist der Engel der gehörlosen Kinder von Sambia

Von Anke Cornau

Kategorien: Schicksale, Happy End


Datum: 26.06.2015

Dr. Uta Fröschl(45) ist Hals-Nasen-Ohrenärztin und stammt aus Berlin. Sie verzichtete auf eine Klinikkarriere in Deutschland, um dort zu arbeiten, wo die Not am größten ist: In Afrika. Für die Christoffel-Blindenmission ging sie nach Sambia, um im Beit Cure Krankenhaus“ eine HNO-Abteilung aufzubauen. Hier kümmert sie sich aufopferungsvoll um Menschen mit schweren Hörbehinderungen. Auch der 13-jährigen Doreen gab sie das Gehör zurück. BrandZeilen.de hat die Ärztin in ihrer Klinik in Sambia besucht.

Der Weg in die Hauptstadt Lusaka war weit und beschwerlich: Tina Ally, die in einem kleinen Dorf im Norden des zentralafrikanisches Landes Sambia lebt, hatte lange überlegt, ob sie sich überhaupt auf die fast 1000 Kilometer lange Reise machen sollte. Völlig erschöpft traf die 32-Jährige mit ihrer Tochter Doreen vor den Toren des Hospitals in Lusaka ein. Einen Tag Fußmarsch in sengender Hitze, zwei Tage auf Ladeflächen schmutziger Lastwagen und eine stundenlange Fahrt in einem stickigen Sammeltaxi hatte die Mutter mit ihrem Kind auf sich genommen, um ihre Tochter hier behandeln zu lassen.

„Nur die weiße Frau im Hospital in Lusaka kann deinem Kind helfen, sie wird Doreen das Gehör wiedergeben“, seit der Eröffnung der Klinik vor vier Jahren hatte der Dorfälteste ihr immer wieder gut zugeredet, mit Doreen ins Beit-Cure Kinderkrankenhaus zu gehen.

„Die weiße Frau“, von dessen Erfolgen man bereits in den letzten abgelegenen Dörfern in Sambia spricht, ist Deutsche und heißt Uta Fröschl. Gäbe es sie und die Klinik in Lusaka nicht, hätten Doreen und all die anderen armen gehörlosen Kinder in Sambia kaum Aussicht auf Heilung. Denn zuvor gab es in Sambia nur eine einzige HNO-Klinik für rund zwölf Millionen Einwohner! So ist die deutsche Hals-Nasen- und Ohrenärztin für viele Menschen in Sambia die letzte Hoffnung.

„In Afrika werde ich gebraucht“

Dr. Uta Fröschl arbeitet für die im hessischen Bensheim ansässige Christoffel-Blindenmission. Eine Hilfsorganisation, die sich seit mehr als einhundert Jahren um die Ärmsten der Welt kümmert. In 68 Ländern rund um den Globus an über tausend Einsatzorten betreuen und behandeln die Missionsmitarbeiter körperbehinderte, blinde und gehörlose Menschen.

1990 war Uta Fröschl als angehende Studentin zum ersten Mal in Afrika. In Tansania absolvierte sie damals ein freiwilliges soziales Jahr und beschloss, sich später auf Hals-Nasen-und Ohrenheilkunde zu spezialisieren. „Die Not der unbehandelten Kranken in Afrika ist groß, hier leiden die Menschen an Krankheiten, die in Deutschland längst beseitigt sind oder routinemäßig behandelt werden“, sagt die 45-Jährige, die nach ihrem Medizinstudium in Berlin eine sechsjährige HNO-Facharztausbildung absolvierte.

Sie verzichtete auf eine Klinikkarriere in Deutschland, um in Afrika zu arbeiten. Dort, wo die Not am größten ist. Sechs Jahre arbeitete sie als Ohrenärztin in Botswana, ehe sie für die Christoffel-Blindenmission nach Sambia ging, um im „Beit Cure“ in Lusaka eine HNO-Abteilung aufzubauen und Klinikpersonal auszubilden.

Das Mädchen lebte in einer geräuschlosen Welt

„Ich habe diesen Schritt keine Sekunde lang bereut, denn hier werde ich wie nirgendwo anders gebraucht“, sagt die engagierte Ärztin, die sich seitdem aufopferungsvoll um Menschen mit schweren Hörbehinderungen kümmert. So wie um Doreen, das Mädchen aus einem Dorf in der Nähe von Mbala im Norden des Landes.

Schon seit einigen Jahren lebte Doreen in einer geräuschlosen Welt. Das Mädchen hatte innerhalb weniger Jahre nach und nach sein Gehör verloren. Warum konnte niemand sagen, vermutlich war eine nicht behandelte Mittelohrentzündung die Ursache.

Mit Doreens Behinderung kam auch ihre Einsamkeit: Wenn die Kinder des Dorfes zusammen spielten, saß Doreen abseits unter einem Baum am Rande des Spielplatzes und schaute zu. Weil ihr Gehör einfach zu schlecht war, um dem Unterricht folgen zu können, hatte sie schon vor zwei Jahren die Schule verlassen müssen. Das Kind hatte sich mehr und mehr zurückgezogen. Statt in der Schule zu lernen, verbrachte sie den Tag einsam und alleine Zuhause.

Hörbehinderten bleibt in Afrika oft nur die absolute Armut

Das Geld für einen Arzt fehlte ihrer Familie ebenso wie die Mittel, Doreen in Lusaka auf eine Schule für Kinder mit Hörbehinderungen zu schicken. Wie die meisten Menschen in Sambia ist auch ihre Familie sehr arm. Vater Michael verdient nur gelegentlich etwas Geld, er sammelt in der Stadt den Müll ein. Mutter Tina baut in einem kleinen Garten Gemüse an. Sie kümmert sich um den Haushalt und die fünf Kinder. Die Familie lebt am Existenzminimum.

So wurden durch Doreens Behinderung die Sorgen der Familie Ally immer größer. „Was wird aus ihr, wenn wir uns einmal nicht mehr um sie kümmern können?“, fragten sich die besorgten Eltern immer wieder. Denn in Sambia verzögert sich aufgrund von Hörbehinderungen bei Kindern oft ihre Entwicklung. Ihre Bildungs- und Berufschancen verschlechtern sich extrem. Erwachsene verlieren bei Gehörverlust häufig ihren Arbeitsplatz. Deshalb leben Menschen mit Hörbehinderungen oft in absoluter Armut.

Doch nun schöpften die Allys neue Hoffnung. Die „weiße Frau“ im Kinderkrankenhaus in Lusaka wird Doreen das Gehör wiedergeben, hatte der Dorfälteste gesagt.

Ein neues Leben für Doreen

Die Sprechstunden der deutschen Ärztin in Lusaka sind stets hoffnungslos überfüllt, auch heute ist das Wartezimmer in dem Backsteinbau der Beit-Cure-Klinik sehr voll, als Doreen mit ihrer Mutter Tina eintritt. Dr. Fröschl untersucht das Mädchen und Audiologe Alfred Mwamba macht einen Hörtest mit ihr. Nach einer erneuten Untersuchung weiß Dr Fröschl: „Mit einem Hörgerät wird Doreen wieder problemlos hören können!“ Zusammen mit dem Techniker Patson Sakala stimmt Alfred Mwamba die beiden Hörgeräte auf die Untersuchungsergebnisse ab, dann passen sie die Geräte an Doreens Ohren an.

Das Resultat: Die 13-Jährige hört problemlos die Stimmen von Alfred Mwamba, Uta Fröschl und Patson Sakala – und die Stimme ihrer Mutter. Tina Ally hat Tränen in den Augen, als Doreen ihr freudestrahlend um den Hals fällt.

Zurück in ihrem Dorf hat für Doreen ein neues Leben begonnen – das Versprechen des Dorfältesten und damit ihr Traum sind wahr geworden: Sie kann endlich wieder hören! Sie versteht, was ihre Eltern, die Geschwister und ihre Freundinnen erzählen. Sie kann die Schule fortsetzen, und im Unterricht endlich wieder aufmerksam verfolgen, was der Lehrer an der Tafel erklärt. Auf dem Pausenhof ist sie nicht länger ausgeschlossen, und daheim darf sie wieder mit den anderen Kindern auf dem Dorfplatz spielen. Dank der deutschen Ärztin im „Beit Cure“ sind Doreens Tage der Einsamkeit endlich vorbei.

anke.cornau@brandzeilen.de

 

 

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Die Christoffel-Blindenmission (CBM)

Die CBM setzt sich seit mehr als 100 Jahren für Menschen mit Behinderungen ein. Die internationale Entwicklungsorganisation hat ihren Ursprung im Engagement von Pastor Ernst Jakob Christoffel, der nach seiner Ordination 1908 in die türkische Stadt Malatia reiste, um dort ein Heim für Blinde, Behinderte und Waisenkinder zu gründen

Das Hauptziel der internationalen christlichen Entwicklungshilfeorganisation ist es, die Lebensqualität der ärmsten Menschen der Welt zu verbessern, die behindert sind oder in der Gefahr stehen, behindert zu werden.

Die CBM unterstützt Men­schen mit Be­hin­de­run­gen in Ent­wick­lungsländern auf vielfälti­ge Art und Wei­se. Zu den Kern­auf­ga­ben gehören me­di­zi­ni­sche Hil­fe, Re­ha­bi­li­ta­ti­on, Exis­tenz­si­che­rung und armen Menschen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Die CBM tritt für die Einbeziehung und volle Teilhabe, die Inklusion von Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigte Mitglieder in allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens ein. Die Hilfsorganisation bietet Menschen mit Behinderungen in Entwicklungsländern eine Zukunftsperspektive.


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