„Den Glauben an Gerechtigkeit habe ich verloren“

Von Wolfgang Hillnhütter

Kategorien: Schicksale, Justizskandale


Datum: 12.04.2015

Ihr Sohn Luca  (18) wurde auf einer Studienfahrt von einem Mitschüler erstochen. Doch Gerechtigkeit erfuhren Beate Barbarotto (58) und ihre Familie nie. Zwar wurde Julian S. (heute 23) wegen Totschlags verurteilt, doch er kam sofort in den offenen Vollzug. Weil der Täter sich angeblich bedroht fühlte, zerrte er die Eltern seines Opfers sogar vor Gericht. BrandZeilen.de berichtet über einen Fall, der wütend und betroffen macht.

Den Glauben an Gerechtigkeit hat Beate Barbarotto für immer verloren. „Was wir an Ungerechtigkeiten und Demütigungen hinnehmen mussten, ist eines Rechtstaates unwürdig, auch wenn offiziell alles nach Recht und Gesetz abgelaufen sein soll“, sagt die 58-Jährige aus Recklinghausen. „Ich habe alles verloren, erst meinen Sohn, dann meine Gesundheit und schließlich sogar meine Arbeit“, sagt sie mit Tränen in den Augen. „Selbst meine Würde und meine Ehre versucht man, mir noch zu nehmen.“

Alles begann, als Beate Barbarotto und ihr Mann Rino (57, Bahntechniker)) ihren achtzehnjährigen Sohn Luca durch die Hand eines brutalen Messerstechers verloren. Darunter leiden sie bis heute, ihr Leben ist aus den Fugen geraten. Während die Familie um Luca trauern muss, hat sich im Leben des Killers kaum etwas verändert. Statt hinter Gittern dafür büßen zu müssen, dass er das Leben eines jungen Menschen ausgelöscht hat, wurden ihm alle Annehmlichkeiten eines modernen und liberalen Strafvollzugs zuteil.

BrandZeilen.de hat das Ehepaar in Recklinghausen besucht. Die Eheleute zeigen uns Lucas Zimmer, in dem sie bis heute nichts verändert haben. „Luca steckte voller Pläne, er stand kurz vor seinem Abitur, als er durch die Hand dieses brutalen Messerstechers qualvoll sterben musste“, sagt Beate Barbarotto, die über den Tod ihres Jungen einfach nicht hinwegkommt. Schlaflose Nächte, unendliche Trauer und die schreckliche Sehnsucht nach ihrem Kind bestimmen ihren Alltag.

Das Verbrechen geschah auf einer Klassenfahrt im spanischen Calella. Es war Lucas ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, der ihn veranlasste, einen Schüler aus einer Parallelklasse zur Rede zu stellen, weil der völlig grundlos einem Mitschüler gegenüber gewalttätig geworden war. Die Rede ist von Julian S. einem damals ebenfalls 18-jährigen, der ebenso wie Luca das Max-Born-Berufskolleg in Recklinghausen besuchte. Ein schnoddriger Möchtegern-Playboy, der sich auf seiner Internetseite als Muskel gestählter Weiberheld mit Waschbrettbauch zur Schau stellt.

Luca stellte diesen Julian wegen dessen Gewalttätigkeit zur Rede und geriet mit ihm darüber in Streit. Die verbale Auseinandersetzung war längst beendet, als, als Julian S. urplötzlich ein Butterflymesser zückte, das er Stunden zuvor gekauft hatte. Mit zwei Stichen in den Oberschenkel und in den Hals(!) streckte er Luca unvermittelt nieder. Obwohl sich sofort mehrere Personen um den tödlich verletzten Jungen kümmerten und sofort einen Notarzt alarmierten, kam jede Hilfe zu spät. Luca hatte zu viel Blut verloren. Trotz einer sofortigen Notoperation fiel er nach einem Herzstillstand ins Koma.

„Wir sind sofort nach Spanien geflogen, aber da wurde Luca schon nur noch von Maschinen am Leben gehalten, kurz darauf trat dann der Hirntod ein“, sagt Rino Barbarotto leise. „Meine Frau, unsere Tochter Pia und ihr Mann und ich haben weinend an seinem Bett gesessen, bis sein Herz für immer aufhörte, zu schlagen.“

Seitdem ist die Familie durch die Hölle gegangen. „Was wir an Ungerechtigkeiten und an Demütigungen ertragen mussten, ist kaum in Worte zu fassen“, bekräftigt Rino Barbarotto. Zurück in Deutschland mussten sie zu ihrem Entsetzen erfahren, dass man den Messerstecher nicht in Untersuchungshaft genommen hatte. „Wir trauten unseren Augen nicht, als wir dem Mörder unseres Sohnes auf der Straße begegneten und erfuhren, dass er mit seinem Führerschein angefangen hatte und nach wie vor in die Disco ging.“

Für Lucas Eltern war es wie ein Stich ins Herz, als Julian S. während des Prozesses und auch nach dem Urteilsspruch als freier Mann durch den Gerichtssaal schlenderte. Statt Worte der Reue oder des Bedauerns gegenüber Lucas Eltern zu finden, hatte er nur ein freches Grinsen für sie übrig. Das Gericht hatte zwar die die Schwere seiner Schuld festgestellt, doch hinter Gitter kam er trotz einer Verurteilung wegen Totschlags und einer Strafe von vier Jahren und drei Monaten nicht. Im Gegenteil. Seinem Wunsch auf Haftverschonung kam man nach, Julian S. wurde erst drei Monate später zum Antritt seiner Strafe in die  Jugendstrafanstalt im westfälischen Hövelhof gebeten. Nach „langen und eingehenden Gesprächen“ mit Julian S. und einem Psychologen gelangten die Verantwortlichen der Haftanstalt dann tatsächlich zu der Überzeugung, dass von dem verurteilten Totschläger keinerlei Gefahr ausgehe. Eine vergitterte Zelle blieb ihm somit erspart.

Doch damit nicht genug. Weil sich der Messerstecher angeblich von Lucas Eltern „bedroht“ fühlte, wurde er auf Staatskosten mit einem Fahrdienst der Jugendstrafanstalt zu Wochenendbesuchen und zum Freigang nach Hause chauffiert und von dort auch wieder vom Fahrdienst abgeholt. „Kurz darauf stand dann sogar eine Opferbeauftragte vor unsere Tür“, erzählt Beate Barbarotto. „Es war dieselbe Frau, die uns nach Lucas Tod umarmt und uns Hilfe angeboten hatte. Dieses Mal gab es nur einen kühlen Händedruck. Wenn diesem Julian etwas zustoßen würde, sagte sie uns, wisse man ja, wo wir wohnen. Offensichtlich hatte sie ein neues Opfer gefunden, um das sie sich fortan aufopferungsvoll kümmerte: den jungen Messerstecher, der meinen Sohn auf dem Gewissen hat.“

Als  Beate Barbarotto kurz darauf eine Ladung vom Gericht bekam, brach alles über ihr zusammen. Die Mutter des Totschlägers hatte sie und ihren Mann  angezeigt, und sie wollte eine Einstweilige Verfügung erwirken. Unter Androhung einer Geldstrafe in Höhe von 250.000 Euro(!) sollte ihr und ihrem Mann untersagt werden, sich Julian S. oder seiner Mutter „zu nähern“, sie „zu belästigen“ oder sie „zu misshandeln“.

„Mein Mann und ich saßen auf der Anklagebank und kamen uns vor wie Scherverbrecher, als wir uns die unverschämten Beschuldigungen und Unterstellungen der Mutter des Messerstechers anhören mussten“, sagt Beate Barbarotto. Zu ihrem Glück wurde das Verfahren eigestellt, der Mutter des Täters wurden die Kosten des unwürdigen Verfahrens auferlegt. Ihre schweren Anschuldigungen hatten sich als völlig haltlos herausgestellt. Das hinderte sie jedoch nicht daran, Lucas Eltern tatsächlich vorzuschlagen, doch bitteschön die Hälfte der Verfahrenskosten zu übernehmen.

Hatten Beate Barbarotto und ihre Familie monatelang versucht, mit psychotherapeutischer Hilfe ihr Trauma in den Griff zu bekommen, fielen sie erneut – nicht zuletzt durch den unwürdigen Prozess – in ein tiefes seelisches Loch. Als Beate Barbarotto einen Zusammenbruch erlitt und stationär behandelt werden musste, verlor sie nach sechzehn Jahren ihren Arbeitsplatz als Medizinische Fachangestellte.

Zu ihrer unendlichen Trauer und der ohnmächtigen Wut über das, was ihnen seit dem grausamen Tod Lucas widerfahren war,  kamen auch noch finanzielle Probleme. Die Flüge für die Familie, der Hotelaufenthalt in Spanien, die Überführungskosten, die Beerdigung, Arbeitsausfall wegen Krankheit, der Arbeitsplatzverlust. Die  Kosten und die finanziellen Einbußen waren immens. „Erst dreieinhalb Jahre nach Lucas Tod und nachdem wir Klage androhen mussten, bekamen wir die Kosten für die Überführung und die Beerdigung von der Schulversicherung erstattet“, berichtet Rino Barbarotto. „Für die Übernahme der restlichen Kosten sowie  Schmerzensgeld fühlte man sich nicht zuständig. Es hieß lapidar, dass wir uns da an den Täter wenden müssten.“

So hat in den Augen von Lucas Familie nicht zuletzt die Justiz versagt. „Warum“, so fragen sich die Eltern, „wird ein Messerstecher, der ein Menschenleben auf dem Gewissen hat, zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt, wenn dann ein Psychologe und ein Anstaltsleiter entscheiden können, ihn nicht hinter Gitter zu stecken? Wir sind einem System hilflos ausgeliefert, das die Täter schützt und die Opfer ohnmächtig zurücklässt.“

Weitere Informationen zum Mord an Luca erhalten Sie auf seiner Geddenkseite unter: www.in-gedenken-an-luca-barbarotto.de

wolfgang.hillnhuetter@brandzeilen.de

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Info


Jugendkriminalität und Jugendgewalt

Jugendkriminalität umfasst Straftaten von Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) und von Heranwachsenden (18 bis unter 21 Jahre).

Insbesondere wegen der oft erschreckenden Brutalität und Rohheit der Taten und der verheerenden Folgen für die Opfer und deren Familien sollten die Bekämpfung der Jugendgewalt,  die angemessene Bestrafung der Täter und die Entschädigung der Opfer höchste Priorität bekommen.

Vor  zwei Jahren wurde der sogenannte Warnschussarrest in das Jugendgerichtsgesetz aufgenommen. Gerichte können in bestimmten Fällen neben einer zur Bewährung ausgesetzten Jugendstrafe einen Jugendarrest verhängen.

Mit dem Warnschussarrest sollen Jugendliche die Erfahrung eines Freiheitsverlustes machen, obwohl sie eine Bewährungsstrafe erhalten haben. Dies soll dazu dienen, die Täter zur Einsicht zu bringen. Leider wird dieses Instrumentarium aus Sicht der Opfer zu selten genutzt.

Gleichzeitig wurde für Heranwachsende das Höchstmaß für Freiheitsstrafen erhöht. Wenn es sich bei der Straftat um Mord handelt und das Höchstmaß von zehn Jahren wegen der besonderen Schwere der Schuld nicht ausreicht, kann das Gericht eine Strafe von bis zu 15 Jahren verhängen.


Im Jahr 2013 wurden in Deutschland 18.993 Jugendliche polizeilich erfasst, denen Mord, Totschlag, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung oder gefährliche und schwere Körperverletzung zur Last gelegt wurden.

4 Kindern, 33 Jugendlichen und 54 Heranwachsenden wurden Tötungsverbrechen zur Last gelegt.

Nur 6% der Opfer von Straftaten wurden entschädigt.


Weitere Informationen zum Mord an Luca erhalten Sie auf seiner Geddenkseite unter: www.in-gedenken-an-luca-barbarotto.de

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