Herzlose Bürokraten lassen krebskranken Familienvater im Stich

Von Frank Jürgensen

Kategorien: Behördenwillkür, Schicksale


Datum: 07.04.2015

Seit Kai K.(39) an Krebs erkrankt ist, sind er und seine Familie auf Unterstützung vom Amt angewiesen. Aufgrund eines Softwarefehlers  erhielt er wochenlang kein Geld, die Kinder hatten nichts zu essen.  Als seine Frau sich im Jobcenter beschwerte, wurde sie vor die Tür gesetzt. BrandZeilen.de hat einen Fall von menschenverachtender Behördenwillkür aufgedeckt.

Niedergeschlagen sitzt Carmen K. am Tisch und zählt die wenigen Münzen in ihrem Portemonnaie. Wie in jedem Monat heißt es für die 39-Jährige aus Bremen: Sparen, sparen sparen. Sonst kommt ihre Familie mit dem Geld nicht aus. Wie gerne würde sie mit ihrem todkranken Mann Kai noch einmal ein Musical besuchen oder mit ihren Kindern verreisen. Doch von einem solchen Luxus kann die Familie nur träumen. Sie lebt seit drei Jahren unverschuldet unterhalb der Armutsgrenze. Sie gehören damit zu den etwa elf Millionen Menschen in Deutschland, die in einem der reichsten Länder der Welt in (Einkommens-)Armut leben oder unmittelbar von ihr bedroht sind.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal in eine solche Situation kommen könnten“, sagt die Mutter von vier Kindern. „Vor allem aber wie schlimm es ist, keine Arbeit und kein Einkommen zu haben und dazu noch hilflos den Schikanen der Behörden ausgesetzt zu sein.“ Wochenlang bekam sie keine Unterstützung, ihr Kühlschrank war leer, ihr kranker Mann und ihre Kinder hatten nichts zu essen.

Noch vor drei Jahren lief das Leben der Familie in geregelten Bahnen. Große Sprünge konnten sie zwar nicht machen, aber sie  hatten ihr Auskommen, da Familienvater Kai (38, gelernter Tischler) und seine Frau Carmen im Schichtdienst als Kurierfahrer in Lohn und Brot standen.

Doch dann wurde ihr Leben von einem Tag zum anderen Tag auf den Kopf gestellt. Kai K. fühlte sich plötzlich matt und schwach, nachts wachte er schweißgebadet auf, tagsüber quälten ihn starke Hodenschmerzen. Die Diagnose war niederschmetternd: Hodenkrebs im fortgeschrittenem Stadium. „Da der Tumor schon gestreut hatte, und die Lunge und der Darm befallen waren, gab es für mich keinerlei medizinische Hilfe mehr“, sagt Kai K. leise. Er musste seine Arbeit aufgeben und landete kurze Zeit später als „austherapiert“ im Pflegebett.

Die Familie fiel in ein tiefes Loch. „Wir haben unseren Kindern altersgerecht erklärt, wie schwer ihr Papa erkrankt ist, und dass er bald sterben muss“, sagt Carmen K. „Die Kinder sind sehr tapfer und freuen sich über jede Minute, die sie mit ihm noch verbringen können. Aber da er jetzt ständig Morphium bekommt, schläft er sehr viel und bekommt leider auch nicht immer alles mit.“

Weil sie sich von früh bis spät um ihren kranken Mann und um die Kinder kümmern musste, konnte sie beim besten Willen ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Sie musste Arbeitslosengeld und Hartz IV beantragen. „Es war der Beginn eines wahren Spießrutenlaufs“, sagt Carmen K. mit Blick auf ihre Unterlagen. „Bevor man mir Arbeitslosengeld gewährte, sollte ich tatsächlich belegen, warum ich nach der Krebserkrankung meines Mannes nicht mehr im Drei-Schichtdienst arbeiten kann. Erst als ich mit dem Sozialgericht drohte, wurde meinem Antrag stattgegeben.“

Seitdem bekommt die Familie insgesamt 2083 Euro Unterstützung, von der jedoch nach Abzug der Miete in Höhe von 1014 Euro und der Kosten für Strom, Telefon, Versicherungen und den wöchentlichen Großeinkäufen am Monatsende nichts mehr übrig bleibt. Umso schlimmer was dann geschah: Aufgrund eines Softwarefehlers bekamen sie am Monatsende kein Geld. „Auch am dritten des Folgemonats war der Scheck immer noch nicht in der Post“, berichtet die Familienmutter, die daraufhin sofort beim Jobcenter anrief. Als man sie abwimmelte, fuhr sie kurzerhand zum Amt. „Wir hatten nur noch eine halbe Gurke, einen Rest Margarine und ein paar Eier im Kühlschrank.“

Doch im Jobcenter wimmelte man sie ab. „Man sagte uns mehrmals, dass der Scheck rausgegangen sei, was aber eine glatte Lüge war, wie ein Blick in den Computer dann ergab“, berichtet Carmen K., die ihren Sachbearbeiter regelecht anflehte, ihr zumindest fünfzig Euro zu geben, damit ihre Kinder etwas zu essen haben. Doch der blieb stur. „Er sagte, dass wir gefälligst auf den Scheck warten sollen, was aber bis zu einer Woche dauern könne, um mich dann vor die Türe zu setzen“, empört sich Carmen K., die in ihrer Verzweiflung zum Amt für Soziale Dienste fuhr. „Doch auch dort wurde ich rausgeworfen, man empfahl mir, zur Bremer Tafel zu gehen, um dort nach Lebensmitteln zu fragen. Dass ich einen todkranken Mann und zwei kleine Kinder zu Hause habe, hat niemanden interessiert.“

Doch bei der Tafel bekam die Familie leider nichts zu essen. „Die dazu notwendige Armutsbescheinigung hatte uns das Amt noch gar nicht ausgestellt“, sagt Carmen K. die sich zum ersten Mal wie eine Bettlerin fühlte. „Solange mein Mann gesund war, haben wie beide immer hart gearbeitet. Es ist beschämend, wie man uns jetzt, wo wir auf Hilfe angewiesen sind, behandelt.“

Dass die Familie dann doch noch zu ihrem Recht kam, verdanken sie ihrer Rechtsanwältin, die sofort das Sozialgericht einschaltete. Das ordnete an, dass die monatliche Unterstützung unverzüglich auszuzahlen sei – unabhängig davon, ob oder wann der Scheck verschickt worden sei. Ein Sprecher des Jobcenters bestätigte, dass es wegen einer Software-Umstellung zu „Ausfällen“ gekommen sei, man bedaure, dass dadurch etliche Familien ihr Geld nicht rechtzeitig bekommen hätten.

Kai K. hat von alledem nicht viel mitbekommen. Seine Frau versucht, jeden Ärger von ihm fernzuhalten und ein Fels in der Brandung zu sein. „Ich möchte ihm die Zeit, die ihm noch verbleibt, so schön wie möglich machen“, sagt die tapfere Frau. „Er kann sich gegen diese Demütigungen leider nicht mehr zur Wehr setzen. Dafür möchte ihm noch den größten Wunsch seines Lebens erfüllen und mit ihm zum Musical Rocky nach Hamburg fahren. Davon träumt er schon ganz lange.“

frank.juergensen@brandzeilen.de

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Info


Immer mehr Menschen sind auf Hartz IV angewiesen

In Deutschland leben knapp 7 Millionen Menschen teilweise oder ganz von Hartz IV, Tendenz steigend. Viele Betroffene empfinden die zuständigen Jobcenter als einen nahezu rechtsfreien Raum. Schikanen scheinen System zu haben, es herrscht oft ein Klima des Missrauens, was Hartz- IV-Bezieher als entwürdigend empfinden, zumal es schließlich ihr gutes Recht ist, Leistungen zu beantragen. 

HartzIV-Empfänger erleben ständig, dass Jobcenter Leistungen zu Unrecht vorenthalten, auf die ein Rechtsanspruch besteht. Es handelt sich dabei schon lange nicht mehr um Einzelfälle.  In fast jedem zweiten Fall muß ein Sozialgericht das Recht durchsetzen, das Jobcenter zuvor mißachtet haben. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sind 44 Prozent aller Klagen von Hartz-IV-Beziehern erfolgreich.


Weitere nützliche Infos:

www.sovd.de

www.gegen-hartz.de

 


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