AOK weigerte sich, die Krebstherapie seiner Frau zu bezahlen

Von Wolfgang Hillnhütter

Kategorien: Schicksale, Behördenwillkür


Datum: 24.04.2015

Nach einer alternativen Krebsbehandlung war Maria B.(†49) tumorfrei, erst als der Krebs zurückkam, musste sie den Kampf aufgeben. Auf den Kosten von über 100.000 Euro ließ die AOK Ehemann Rolf (56)  fünf Jahre lang sitzen - trotz eindeutiger Gesetzeslage. BrandZeilen.de hat den Witwer im westfälischen Heek besucht.

Jeden Tag geht Rolf Baltus zum Friedhof. In tiefer Trauer zündet er eine Kerze an und legt frische Blumen aufs Grab. „Maria Baltus 1962- 2012“ ist in einen Marmorstein gemeißelt, auf einem zweiten führt eine kleine Treppe zum Himmeltor. „Hier liegt meine Frau begraben, das Liebste, was ich auf der Welt hatte, sie starb kurz vor ihrem 50. Geburtstag“, sagt der 56-jährige Maschinenführer. „Der verdammte Krebs hat mir meine Frau genommen.“

Zu dem Verlust seiner geliebten Frau kamen große finanzielle Sorgen. Denn seine Krankenkasse, die AOK Westfalen-Lippe, weigerte sich hartnäckig, die Kosten für eine alternative Krebstherapie zu übernehmen. Rolf Baltus stand vor dem finanziellen Ruin. Nachdem seine Frau den verzweifelten Kampf um ihr Leben verloren hatte, musste er  um seine Existenz kämpfen. Über 100.000 Euro Schulden lagen wie eine schwere Last auf ihm.

Schockdiagnose Krebs

Noch bis vor ein paar Jahren stand die Familie Baltus noch auf der Sonnenseite des Lebens. Das Ehepaar hatte drei gesunde erwachsene Kinder und sich den Traum vom eigenen Häuschen erfüllt. Die Silberhochzeit stand kurz bevor. Dann kam der Tag, der das Leben der Familie von einem Tag zum anderen auf den Kopf stellen sollte. „Maria spürte plötzlich einen Knubbel unter der Achselhöhle“, erinnert sich Rolf Baltus an jenen Tag im Dezember 2008. Die Diagnose war für Maria Baltus niederschmetternd: Sie war voller Krebs, überall wucherten Tumoren, im Körper hatten sich Metastasen gebildet. Ein Tumor im Bauchraum wuchs innerhalb von wenigen Wochen auf eine Größe von 11 mal 15 Zentimetern.

Trotzdem blieb Maria zuversichtlich, sie nahm die Erkrankung und das damit verbundene Schicksal an. Sie war fest entschlossen, zu kämpfen, dem Krebs Paroli zu bieten und alles, wirklich alles Menschenmögliche zu versuchen. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie zweimal operiert, es folgten drei mörderische Chemotherapien und Bestrahlungen - ohne dass sich eine Verbesserung ihres Krankheitsbildes eingestellt hätte. „Keine noch so ausgeklügelte Therapie schlug an“, erzählt Rolf Baltus. „Das Problem an Marias schwerer Erkrankung war ein äußerst aggressiver Krebs, von dem niemand wusste, an welcher Stelle im Körper er entstanden war, und wo man noch einmal operieren sollte.“

Sehr schnell eröffneten die Onkologen seiner Frau, dass sie nichts Sinnvolles mehr für sie tun könnten. Die Patientin galt als austherapiert. Doch kampflos sich in ihr Schicksal zu ergeben, kam für Maria Baltus nicht in Frage. Hatte sie sich doch bis zu ihrer schweren Erkrankung ehrenamtlich um alte und kranke Menschen gekümmert und sogar eine Hospizgruppe mit aufgebaut, in der sie sterbenskranke Menschen bis zum Tod begleitete. „Ihr Credo war immer, dass sich niemand aufgeben dürfe, egal wie schlimm es auch zu sein scheint“, sagt ihr Mann mit Tränen in den Augen. „Und dies sollte nun auch für sie selbst Gültigkeit haben.“

Hyperthermie als letzte Chance

Im Internet fanden sie Informationen über die Hyperthermie, eine alternative Krebstherapie. Eine Methode, bei der der krebskranke Körper mittels Ultraschall in ein künstliches Fieber mit einer Temperatur von bis zu 44 Grad versetzt wird. Studien haben belegt, dass das Immunsystem unter Fieber Krebszellen besser erkennt, die dann in Verbindung mit gezielt eingesetzten Medikamenten unter Hitzeeinwirkung einfach absterben.

„Die Ärzte unserer Hyperthermie-Klinik konnten zwar nicht garantieren, dass sie Maria mit dieser Therapie heilen würden, aber sie garantierten uns, ihr ein großes Stück Lebensqualität zurückgeben zu können“, berichtet Rolf Baltus. Tatsächlich brachte eine so genannte Thermo-Chemotherapie – eine Kombination aus Hyperthermie und Chemotherapie - die nicht für möglich gehaltene Besserung. „Es war wie ein Wunder, schon nach dem zweiten Behandlungszyklus war Maria plötzlich tumorfrei, sie war die glücklichste Frau der Welt und voller Hoffnung, dass sie den Krebs endgültig besiegen könnte“, erzählt ihr Mann.

Die Krankenkasse stellt sich quer

Doch die Freude über den nicht für möglich gehaltenen Therapieerfolg wurde getrübt durch die Weigerung ihrer Krankenkasse, die erfolgreiche Hyperthermie-Therapie zu bezahlen. Obwohl Maria Baltus vor Beginn der Behandlung einen Antrag auf Kostenübernahme gestellt hatte, verweigerte dies ihre Krankenkasse. Das Problem: im Gegensatz zu den Privaten Krankenkassen übernahmen damals noch nicht alle gesetzlichen Kassen diese alternative Behandlung. In einer solchen Kasse, die sich mit Hinweis auf ihren „Leistungskatalog“ quer stellte, gehörte auch die AOK Westfalen-Lippe. „Es handelt sich nicht um ein etabliertes Therapieverfahren, eine Kostenübernahme ist daher ausgeschlossen“, hieß es in dem Ablehnungsbescheid, der BrandZeilen.de vorliegt, und den Rolf Baltus bis heute als herzlos, eiskalt und menschenverachtend bezeichnet.

Notgedrungen mussten die Eheleute eine Hypothek auf ihr Häuschen aufnehmen, denn die Kosten für längere Klinikaufenthalte, durchgeführte Thermo-Chemotherapien, diverse Medikamente und Fahrtkosten beliefen sich auf nahezu 100.000 Euro. „Das Geld war zwar nebensächlich, wichtig war, dass es meiner Frau besser ging, und sie wieder voller Lebensfreude und Zuversicht war, aber die zurückzuzahlende Hypothek und die damit verbundenen Geldsorgen waren eine große Belastung für meine Frau“, sagt Rolf Baltus, der insgesamt noch sechsmal in der Geschäftsstelle der AOK vorstellig wurde. Im Namen seiner kranken Frau bettelte er förmlich um eine Kostenübernahme, aber stets wurde er abgewiesen. Und jedes Mal musste er mit leeren Händen zu seiner Frau zurückkehren.

Die psychische Belastung ist zu groß

Trotz der Freude über die zurückgewonnene Lebensqualität, der Freude über den Therapieerfolg und ihrer Silberhochzeit, die sie im großen Kreise feierten, bestimmte der zermürbende Kampf um die Kostenübernahme zwei Jahre lang das Leben des Ehepaares. „Diese psychische Belastung war in meinem Augen mit ausschlaggebend dafür, dass der Krebs von einem Tag zum anderen zurück kam“, ist sich Rolf Baltus sicher. „Schlimmer und heftiger als zuvor. Eine erneute Chemo-Thermotherapie musste Maria abbrechen, es gab keinerlei Hoffnung mehr. Sie war endgültig zum Sterben verurteilt.“

Noch einmal holte er seine geliebte Frau für einen Tag und eine Nacht nach Hause, bevor er sie am nächsten Morgen zum Sterben in das Hospiz brachte, in dem sie selbst lange Zeit anderen Sterbenden tröstend zur Seite gestanden hatte. „Sie war auch im Angesicht des Todes noch unglaublich tapfer, sogar ihre Todesanzeige hat sie noch selbst gestaltet und den Ablauf ihrer Beisetzung bis ins kleinste Detail geplant“, erzählt ihr Mann. „Sie hat zwar selbst in den schwersten Stunden ihres Lebens nicht ein einziges Mal geweint, aber ihre größte Sorge war bis zuletzt, dass wir aufgrund der Weigerung der Krankenkasse, die Kosten für ihre Therapien zu übernehmen, unser Haus verlieren und dann den Kindern nichts hinterlassen könnten.“

Ein letzter Versuch

So unternahm er am Tag vor dem Tod seiner Frau einen letzten Versuch, den Sachbearbeiter der Krankenkasse doch noch umzustimmen. Denn zwischenzeitlich gab es eine Gesetzesinitiative, nach der alle Krankenkassen lebensbedrohlich Erkrankten auch alternative Behandlungen bezahlen müssen, „…wenn eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf Heilung oder auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht“.

Doch der Sachbearbeiter erfüllte der im Sterben liegenden Versicherten diese letzte Bitte nicht. „Er hätte aufgrund der neuen Gesetze diesen Spielraum gehabt, aber er blieb stur“, so der Witwer. „Mit einem Lächeln im Gesicht, aber dennoch eiskalt sagte er mir, dass er die Kosten gerne übernehmen würde, aber es aufgrund der Vorschriften leider nicht dürfe.“

Nach fünf Jahren Kampf endlich am Ziel

Den Kampf um ihr Leben hatte Maria Baltus verloren, aber der Ehemann war fest entschlossen, den Kampf gegen die Krankenkasse und um Gerechtigkeit weiterzuführen und das Versprechen, das er seiner Frau auf dem Sterbebett gegeben hatte - „ich kämpfe weiter, über deinen Tod hinaus“ - zu erfüllen. Er klagte gegen die in seinen Augen unmenschliche Entscheidung der AOK und war fest entschlossen, falls nötig, bis vors höchste deutsche Gericht zu ziehen. „Auch, um anderen Betroffenen Mut zu machen, sich von einer Gesetzlichen Krankenkasse nicht alles gefallen zu lassen, sondern sich gegen falsche oder willkürliche Entscheidungen mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen“, so der Witwer.

Die Angelegenheit lag schon vor dem Landessozialgericht, als er Unterstützung durch seinen Arbeitgeber erhielt, einem in Deutschland führenden Hersteller von Verpackungsfolien mit weltweit 25.000 Arbeitnehmern. Nachdem die Unternehmensleitung ein erneutes Gespräch zwischen Rolf Baltus und dem neuen Leiter der für ihn zuständigen AOK-Bezirksdirektion in Steinfurt vermittelt hatte, kam Bewegung in die Sache. Die AOK lenkte ein.

„Vor Gericht stimmte sie dann endlich einem Vergleich zu, der im Sinne meiner verstorbenen Frau war, und mit dem ich sehr gut leben konnte“, sagt Rolf Baltus. „Nach fünf Jahren zermürbenden Kampfes gegen eine scheinbar übermächtige Krankenkasse war das Versprechen, das ich meiner Frau am Sterbebett gegeben hatte, endlich eingelöst.“

wolfgang.hillnhuetter@brandzeilen.de

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Info


Wie ist die Gestzeslage?

Im Sozialgesetzbuch V regelt ein Katalog, welche Leistungen seitens der Gesetzlichen Krankenkassen zu erbringen sind. Dort sind sämtliche Medikamente und die Behandlungen aufgeführt, die übernommen werden. Wegen ständiger Fortschritte in der Medizin wird dieser Katalog regelmäßig aktualisiert. In Bezug auf alternative Behandlungsmethoden für Schwerstkranke gibt es seit dem 6.12. 2005 das so genannte Nikolausurteil des Bundesverfassungsgerichts. Dieses besagt, dass es mit den Grundrechten und dem Solidaritätsprinzip nicht vereinbar ist, einen gesetzlich Krankenversicherten bei einer lebensbedrohlichen Erkrankung  von der Leistung einer von ihm gewählten Behandlungsmethode auszuschließen, wenn eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf Heilung oder auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf besteht. Dieses Urteil ist seit dem 1.12. 2012 Gesetz. Sollte Ihre Krankenkasse bei lebensbedrohlichen oder tödlichen Erkrankungen bestimmte Leistungen dennoch ablehnen, sollten der Versicherte oder seine Angehörigen anwaltliche Hilfe in Anspruch nehmen.


Weitere nützliche Infos rund um das Thema Sozialversicherung finden Sie unter www.sozialversicherung-kompetent.de


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