„In der Kinderpsychiatrie erlebte ich die Hölle auf Erden“

Von Bianca von Heyden

Kategorien: Schicksale


Datum: 12.05.2015

Weil er als unbeherrscht und aggressiv galt, wurde Wolfgang Petersen als 9-Jähriges Heimklind  in die Psychiatrie abgeschoben. Er wurde  mit Medikamenten vollgepumpt, geschlagen und gefoltert und musste Zwangsarbeit leisten. Drei lange Jahre dauerte sein Martyrium, ehe er zurück ins Heim durfte. Sein Leben lang haben Petersen und viele andere Opfer geschwiegen. Jetzt fordern sie Gerechtigkeit, ählich wie sie den ehemaligen Heimkindern widerfahren ist. Auf BrandZeilen.de berichtet das Kinderpsychiatrieopfer über das unendliche Leid, das man ihm als Kind unter ärztlicher Aufsicht zufügte.

Die meisten Kinder hatten Tränen in den Augen. Völlig verängstigt schauten sie auf den Boden, als der 9-jährige Wolfgang von einer Aufseherin brutal aus dem Speisesaal gezerrt wurde. Sein Vergehen: er hatte mit seinem Tischnachbarn gesprochen und sich zur Wehr gesetzt, als die Aufseherin ihn dafür zur Strafe mit einem abgebrochenen Besenstiel verprügeln wollte.

Alle wussten, was nun auf den Jungen zukam: erst in die Zwangsjacke, dann Folter. „Ich habe geweint, mir vor Angst in die Hose gemacht und gefleht, dass man es nicht wieder mit mir machen sollte, aber sie kannten kein Erbarmen“ erinnert sich der heute 63-Jährige. „Ich wurde gewaltsam in eine Zwangsjacke gesteckt und dann in einer Badewanne immer wieder im eiskalten Wasser untergetaucht. Solange bis ich sicher war, dass ich wie eine Katze ertränkt werden sollte und sterben würde“.

Waterboarding heißt diese berüchtigte Foltermethode, die Hitlers SS erfand und heute immer noch von Obamas Schergen in seinen berüchtigten Folterlagern von Guantanamo bis Afghanistan angewendet wird. In den 1950er und 1960er Jahren gehörte sie zum offiziellen Strafenkatalog für Aufmüpfige in westdeutschen Heimen, in so genannten Erziehungsanstalten und in der Psychiatrie.

Drei lange Jahre war Wolfgang Persern in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landeskrankenhauses in Schleswig-Hesterberg untergebracht. „Es war die Hölle auf Erden“, sagt ein Mann, dessen Kindheit dort vorsätzlich und systematisch zerstört wurde.

Über fünfzig Jahre sind seitdem vergangen, aber bis heute leidet Wolfgang Petersen an den psychischen Folgen dieses jahrelangen Martyriums. Er wurde gedemütigt, unter Drogen gesetzt und gefoltert. Abgeschoben in die Psychiatrie widerfuhr ihm dort unfassbares Leid.

„Da meine Mutter fünf Kinder von fünf Männern hatte, galt sie als asozial, die drei jüngsten Kinder wurden ihr weggenommen“, berichtet Wolfgang Petersen, der gleich nach seiner Geburt in ein Schleswiger Säuglings- und Kleinkinderheim gesteckt wurde. Seine nächste Station was das Missionskinderheim in Eckernförde.

Wolfgang war ein lebhaftes, aber völlig verängstigtes Kind, das viel weinte und schon früh körperlicher Gewalt und Misshandlungen ausgesetzt war. Doch die Schule machte ihm Spaß, er las sehr gerne und zeigte Interesse an der Natur. Im Heim war Schwester Lydia zwar wie eine Mutter für ihn, bei der er sich gut aufgehoben und behütet fühlte, doch vor dem brutalen Heimleiter konnte auch sie ihn und die anderen Kinder nicht schützen.

„Wir waren seinen körperlichen Züchtigungen und seinen Schlägen völlig hilflos ausgeliefert“, erinnert sich Wolfgang Petersen.Weil der Heimleiter ihn als „unbeherrscht und aggressiv“ eingestuft hatte, seine permanente Prügel bei dem kleinen Wolfgang aber nicht die erhoffte Wirkung zeigte, ließ man ihn zusammen mit seinem Bruder Peter (Name geändert) einfach in die geschlossene Psychiatrie einweisen. In die „Idiotenanstalt am Hesterberg“, wie es selbst auf offiziellen Ansichtskarten aus der norddeutschen Kleinstadt menschenverachtend hieß.

„Wolfgangs Intelligenzzustand steht an der Grenze zur Dummheit und Debilität“, hieß es in einem amtlichen Gutachten, das auf Angaben des Heimleiters beruhte und auf dessen Grundlage die völlig unberechtigte Einweisung ins „Irrenhaus“, wie es damals hieß, erfolgte. „Sie war willkürlich und zudem absolut illegal  da keine richterliche Überprüfung stattfand. ,Die holte man erst ein Jahr später pro forma ein“, sagt Wolfgang Petersen mit Blick auf Akten des Jugendamtes, die ihm mittlerweile vorliegen.

Da die Akten vernichtet wurden, und die Ärzte und ihre Aufseher den grausamen Alltag in den Psychiatrien nicht festhielten, etablierte sich hinter dicken Klinikmauern über Jahrzehnte völlig unbemerkt ein System von Erniedrigung, Ausbeutung  und Gewalt. Ein eines  demokratischen Rechtsstaates unwürdiges, menschenverachtendes System, das bis heute nicht aufgearbeitet wurde.

Statt mit Gleichaltrigen verbrachten die dort untergebrachten „aufmüpfigen und auffälligen“ Heimkinder den Tag mit psychisch Kranken und Epileptikern, sie wurden als billige Pflegekräfte und Hilfsarbeiter missbraucht und ausgebeutet „Wir mussten Patienten und Kranke, die fixiert in ihren Betten vor sich hinvegetierten, füttern und sie saubermachen“, berichtet Wolfgang Petersen. „Im Winter mussten wir von früh bis spät an Webstühlen arbeiten, im Sommer schufteten wir als Erntehelfer auf den Feldern. Es gab für uns nicht einmal Spielzeug. Wir durften nicht in die Schule gehen, und auch innerhalb der Psychiatriemauern gab es keinerlei Förderung für uns. Und außer Psychopharmaka, mit denen man uns Tag für Tag vollpumpte, gab es keinerlei Therapie, obwohl wir offiziell doch als psychisch krank galten. Wir waren entweder als verrückt oder als schwachsinnig abgestempelt und aus diesem Grunde waren wir für das System nicht förderungswürdig.“

Wissenschaftler schätzen, dass allein in den 1950er und 1960er Jahren etwa fünfzehntausend Kinder in der Psychiatrie waren. An der Tagesordnung für die Kinder in psychiatrischen Einrichtungen wie der in Schleswig-Hesterberg waren drakonische Strafen für kleinste Vergehen. Die Kinder waren Gewalt, Missbrauch und brutalen Foltermethoden schutzlos ausgeliefert.

„Es gab keine Kontrolle, die Kinder aus armen oder sozial schwierigen Verhältnissen hatten keine Fürsprecher, es war für uns die Hölle auf Erden“, sagt Wolfgang Petersen. „Für die Aufseher, die zum Teil schon in der Nazizeit dort gearbeitet und am Euthanasieprogramm beteiligt waren, waren wir Freiwild. Wir galten eh ja als debil oder psychisch krank. Die Zwangsjacke und das Waterboarding waren in diesem System wohl das schlimmste, was man Kindern in einer so genannten Klinik überhaupt antun konnte.“

Zeigten Prügel und die zwangsweise Verabreichung schwerster Psychopharmaka nicht die gewünschte Wirkung, steckte man die Kinder in einer so genanten Besinnungszelle in Isolationshaft. „Dahin kam man schon, wenn man sich bei einer der wenigen ärztlichen Untersuchungen beschwerte oder beim Essen mit jemandem sprach“, sagt Wolfgang Petersen. „Die Besinnungszelle war ein dunkler Raum mit einer Holzpritsche und einem Eimer für die Notdurft. Aber meistens wurden wir Kinder an der Pritsche festgekettet, so dass man nicht in den Eimer machen konnte. Machte man sich dann in die Hose, gab es dafür noch einmal schwere Prügel.“

Dass Wolfgang Petersen “nur“ drei Jahre in der Psychiatrie festgehalten und gequält wurde, verdankt er einem mutigen, engagierten Pfleger und einem  Oberarzt, der einen alten Nazi-Mediziner abgelöst hatte. Dieser Oberarzt stellte in einem neuen Gutachten fest, dass es sich bei Wolfgang Petersen um „ein völlig normal entwickeltes Kind“ handelt. Im Gegensatz zu seinem Bruder, den man bis zur Volljährigkeit mit 21 Jahren in der Psychiatrie beließ, wo er nicht rinmal lesen und schreiben lernen durfte, hatte Wolfgang noch Glück im Unglück. „Ich wurde aus der Psychiatrie-Hölle entlassen und durfte zurück ins Heim“, erzählt Wolfgang Petersen. „Zwar gab es auch dort Schläge für kleinste Vergehen, aber im Vergleich zur Psychiatrie war es für mich das Paradies auf Erden.“

Wolfgang Petersen holte im Kinderheim seinen Volksschulabschluss nach, mit vierzehn Jahren kam er zu Pflegeltern in Dänemark. Erst mit 21 Jahren durfte er selbst entscheiden, wie er sein Leben gestalten wollte. Es zog ihn nach Berlin, wo er eine Ausbildung als Kranken- und Altenpflegerhelfer machte. Später wurde er sogar als Abgeordneter der „Alternative Liste“ ins Berliner Abgeordnetenhaus gewählt.

Dennoch kam Wolfgang Petersen nie richtig auf die Füße. Zu sehr lasteten die Jahre in der Kinderpsychiatrie und in Heimen auf seiner Seele. Versagensängste, Selbstzweifel, Minderwertigkeitsgefühle und Beziehungsunfähigkeit machten ihm ein normales Leben unmöglich. Bis heute holen ihn die Ereignisse in seinen schlimmsten Träumen ein, die schrecklichen Bilder in seinem Kopf ist er sein Leben lang nicht losgeworden. Wie die meisten der westdeutschen Psychiatrieopfer ist auch Wolfgang Petersen traumatisiert. Jahrzehntelang hat er mit niemandem über seine schreckliche Kindheit sprechen können.

„Aufenthalte in der Psychiatrie und in Heimen gelten bis heute immer noch als ein Makel im Lebenslauf“, bedauert Wolfgang Petersen, der heute einsam und alleine in Dortmund lebt und zuletzt als Hausmeister in einem Altenheim arbeitete. Seit seiner Krebsdiagnose ist er krank geschrieben, ob er noch einmal gesund werden wird, vermag kein Arzt zu sagen.

Nach der politischen Aufarbeitung der Geschehnisse in deutschen Kinderheimen und der Rehabilitierung der Opfer hat Wolfgang Petersen endlich den Mut gefunden, für die Anerkennung der Gewalt, die Kinder wie er in deutschen Psychiatrien erleiden mussten, zu kämpfen. Er hat eine Petition an den Bundestag geschrieben, in der er die Aufarbeitung der Zustände in deutschen Kinder- und Jugendpsychiatrien fordert.

„Dies darf nicht länger unter den Teppich gekehrt werden“, sagt er. „Eine Anerkennung des widerfahrenen Leids und des Unrechts ist überfällig. Tausende wehrlose Heimkinder sind damals in den Psychiatrien verschwunden und haben dort Schäden fürs Leben davongetragen. Sie müssen endlich rehabilitiert und wie die Heimkinder auch für ihr Leid und das erlittene Unrecht rehabilitiert und entschädigt werden. Dafür werde ich kämpfen - egal wie lange ich noch zu leben habe.“

bianca.heyden@brandzeilen.de

 

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Info


Psychiatrieopfer klagen an

Wissenschaftler schätzen, dass ca. 15.000 Kinder in westdeutschen Psychiatrien oftmals widerrechtlich festgehalten und dort Opfer schwerer Gewalt wurden. Der Runde Tisch Heimerziehung hat die Aufenthalte ehemaliger Heimkinder in Kinderpsychiatrien nie zum Gegenstand der Aufarbeitung gemacht.

Bis heute gibt es daher keine gesellschaftliche Anerkennung und keinerlei Rehabilitierung oder Entschädigungen für die Opfer.

Die Betroffenen fordern eine Anerkennung des erfahrenen Leids und des widerfahrenen Unrechts und angemessene Entschädigungen.


Weitere Infos:

www.fonds-heimerziehung.de

Kostenfreie Telefonnummer: 0800–100 490 0

Facebook:  „Ehemalige Heim-und Psychiatriekinder in Deutschland 1945 - 1980“


Die frühere schleswig-holsteinische Landespastorin Petra Thobaben soll sich als Sonderbeauftragtewurde im Auftrag des Kieler Sozialministeriums mit dem Thema Kinderpsychiatrie beschäftigen. Sie ist auf der Suche nach Betroffenen, ehemalige Insassen der Kinder- und Jugendpsychiatrien können sich per Email an sie wenden.

Kontakt: petra.thobaben@thobaben.org

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