Altersarmut in Deutschland: Letzter Ausweg Campingplatz

Von Birger Hinrichsen

Kategorien: Schicksale


Datum: 24.05.2015

Ihr Leben lang haben Bernd(71) und Lilo Bielke(71) hart gearbeitet, vier Kinder haben sie großgezogen. Einfache Leute, die einen schönen Lebensabend verdient haben. Doch statt in ihrer Berliner Wohnung lebt das Ehepaar nun auf einem Campingplatz - weil es sich die Miete einfach nicht mehr leisten kann! BrandZeilen.de berichtet über einen beschämenden Fall von Altersarmut in Deutschland.

Ihren Urlaub haben die Bielkes schon öfters auf einem Campingplatz verbracht, aber dass sie dort ihren Lebensabend in einem Mobilheim verbringen müssen, hätten sie sich vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. Da lebten sie noch in einer gemütlichen Berliner Dreizimmer-Wohnung und freuten sich auf einen unbeschwerten und sorgenfreien Lebensabend. Einfache Leute, die einen schönen Lebensabend verdient haben.

„Wir haben beide ein Leben lang hart gearbeitet, auch waren wir nie arbeitslos, dennoch reicht unsere Rente nicht aus für ein Leben in der Stadt“, sagt Bernd Bielke (71), gelernter Fleischer, der bis zu seiner Rente dreißig Jahre lang bei der Berliner Altkleidersammlung schuftete, während seine Frau Lieselotte (71) als schlecht bezahlte Kellnerin arbeitete und vier Kinder großzog.

Notgedrungen leben sie heute in einem umgebauten Wohncontainer auf einer Parzelle des Campingplatzes „Erlengrund“ im niedersächsischen Gifhorn. „Früher besaßen wir sogar mal ein eigenes Wohnmobil, mit dem wir oft in Urlaub gefahren sind“, sagt Lieselotte Bielke. Doch ihr Traum, sich als Rentner Europa im Wohnmobil anzuschauen, ist längst geplatzt.

Wuchermieten und gestiegene Lebenshaltungskosten vertreiben immer mehr Geringverdiener und Rentner aus ihren Wohnungen.Lebten vor rund zehn Jahren gerade einmal zwei Familien das ganze Jahr über auf diesem Campingplatz, so sind es heute schon zwanzig, die ihren festen Wohnsitz in einen Caravan, in eine Hütte oder einen Wohncontainer, ein so genanntes  „Mobilheim“,  verlegt haben.

Und von Jahr zu Jahr werden es mehr! Es sind allesamt Menschen, die sich die überteuerten Wohnungen in den Städten nicht mehr leisten können - oder wollen. Und die zu stolz sind, Hartz IV zu beantragen oder sich die Wohnung vom Staat bezahlen zu lassen.

So wie Bielkes Nachbar auf dem Campingplatz, Wolfgang P.(63), der mit seiner Frau Monika(50) schon seit neun Jahren seinen festen Wohnsitz im „Erlengrund“ hat. Trotz der viel beschriebenen „Campingplatzidylle“ sehen sie ihr Leben hier als sozialen Abstieg. „Besonders im Winter, wenn es kalt und einsam hier ist, weiß man, wo man gelandet ist“, so der ehemalige Kraftfahrer, der nach zwei Herzinfarkten seinen Beruf nicht mehr ausüben darf.

678 Euro Kaltmiete zahlten die Bielkes zuletzt für ihre Dreizimmerwohnung im Berliner Bezirk Spandau. Mit Nebenkosten, Telefon und Versicherungen kamen sie auf 880 Euro Kosten im Monat. „Bei knapp eintausend Euro Rente ist das zum Sterben zu viel, aber zum Leben zu wenig“, sagt der Rentner, der sich vergeblich bemühte, eine günstigere Wohnung in Berlin zu bekommen. So kamen sie auf die Idee, für immer auf den Campinglatz zu ziehen, auf dem sie schon öfter ihren Urlaub verbracht hatten.

„Wir haben dann eine ganze Nacht zusammen gesessen, überlegt, diskutiert und alle Vor- und Nachteile abgewogen“, erzählt Lilo Bielke. „Schließlich stand unser Entschluss fest: Wir geben die Wohnung auf, packen unsere sieben Sachen und ziehen auf den Campingplatz.“ Schweren Herzens verschenkten sie den Großteil ihrer Möbel, packten Kleidung, Geschirr, Fernseher, Kühlschrank und ein paar Regale auf einen Anhänger.

„Es war ein ganz bitterer Augenblick, Lilo hatte Tränen in den Augen, als wir uns aus unserem alten Leben und von unseren Freunden und Nachbarn verabschiedeten, um von der Großstadt in die Einsamkeit auf den Campingplatz zu ziehen“, sagt Bernd Bielke.

Auch wenn sie sich ihren Lebensabend so nicht vorgestellt haben, machen sie das Beste aus ihrer misslichen Lage. „Der erste Winter in unserem Mobilheim war schrecklich, es war eisig kalt, und es hat von allen Seiten gezogen“, erzählt Bernd Bielke, der mittlerweile den Wohncontainer rundum winterfest verkleidet hat. Sie leben zwar auf engstem Raum, insgesamt haben sie dennoch im Container und in zwei Holzhütten knapp 50 Quadratmeter zur Verfügung.

Im Wohncontainer haben sie ein mit Gas beheiztes Wohnzimmer, ein kleines Schlafzimmer sowie eine Mini-Toilette untergebracht. Die Dusche mit warmem Wasser, das über einen Heizkessel kommt, befindet sich in einem Verschlag auf der Parzelle, in der Holzhütte nebenan die Küche mit fließendem kalten Wasser, einem Gasherd und Tiefkühltruhe.

„Unsere Ansprüche mussten wir zwar radikal zurückschrauben, und das ist im Aller besonders hart, aber statt 678 Euro Kaltmiete pro Monat in Berlin zahlen wir hier nur sechzig Euro Pacht im Monat für die Parzelle“, rechnet Bernd Bielke vor, für den es Sommer wie Winter auf dem Grundstück und der „Wohnung“ immer etwas zu werkeln gibt.

Sie haben sich erhobenen Hauptes aus ihrem alten Leben verabschiedet und sich mit ihrem neuen Leben arrangiert. Sie genießen die frische Luft, die Ruhe, den Buntspecht, der sie morgens weckt und vor allem die Hilfsbereitschaft ihrer Nachbarn. Das gemütliche Zusammensein auf den Parzellen, das gemeinsame Grillen. Im nahe gelegenen Stadtteil Wilsche gibt es einen Supermarkt, in dem Bernd Bielke einmal in der Woche einen Großeinkauf macht, eine Apotheke und ein Ärztehaus. Ihr Kontakt zur Außenwelt ist der Satellitenfernseher, der in ihrem „Wohnzimmer“ steht

„Die Menschen, die wie wir das ganze Jahr auf dem Campingplatz leben müssen, teilen alle ein ähnliches Schicksal, und das schweißt zusammen“, sagt Lilo Bielke „Es sind Menschen, die wie wir ihre Wohnungen aufgeben mussten, sei es wegen Krankheit oder Arbeitslosigkeit, oder weil die Rente einfach nicht ausreicht. Aber wir alle haben dieses ruhige Fleckchen Erde und das Leben hier lieb gewonnen, sind glücklich und zufrieden hier und möchten trotz der vielen Einschränkungen, die ein Leben auf dem Campingplatz mit sich bringen, nicht mehr weg.“

Doch was passiert, wenn die Bielkes nicht mehr so können, wie sie jetzt noch können? Wenn sie noch älter und gebrechlich werden? Wenn sie ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können und zu Pflegefällen werden? „Egal, was passiert, wir bleiben bis zum bitteren Ende hier auf unserem Campingplatz“, sagt Lilo Bielke. „In ein Pflegeheim gehen wir jedenfalls nicht mehr. Eher setzen wir unserem Leben hier gemeinsam ein Ende.“

birger.hinrichsen@brandzeilen.de

 

 

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Info


Die Renten sinken - Altersarmut in Deutschland

Die Rente sinkt. Nach Prognosen der Rentenversicherungsanstalten wird die so genannte Eckrente in Deutschland im Jahr 2020 nur noch 1.069 Euro, 2030 nur noch 1.024 Euro und 2040 lediglich 988 Euro betragen.

Insbesondere heutige Geringverdiener, Langzeitarbeitslose, Teilzeitkräfte, Minijobber, Dauerpraktikanten und „Ich-AG“ -Selbständige werden im Alter in Armut leben.

Viele Rentner werden nur noch Leistungen auf Sozialhilfeniveau bekommen. Selbst wer als Durchschnittsverdiener 40 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt hat, kann lediglich mit einer Rente von höchstens 650 Euro rechnen.

Die gesetzliche Rente wird somit immer mehr zur Basisversorgung. Viele Ruheständler können ihren Lebensunterhalt von der Rente nicht oder nur sehr schwer bestreiten. Jede zweite Rente belief sich 2014 auf weniger als 700 Euro. Das ist ein Betrag, der unterhalb der staatlichen Grundsicherung (Sozialhilfe) liegt.


Weitere Infos unter  www.armut-und-alter.de oder unter www.renten-recht.org


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