„Erst 70 Jahre nach Kriegsende kam ein Familiengeheimnis ans Tageslicht!“

Von Brigitte Sommer

Kategorien: Schicksale


Datum: 23.05.2015

70 Jahre sind seit dem Ende der faschistischen Diktatur in Deutschland vergangen. Es gibt kaum noch Zeitzeugen, die über die Gräuel der Naziherrschaft berichten können. Über eine Zeit, die das Leben vieler Familien bis heute geprägt hat. Aus Angst und Scham haben viele Überlebende ihr Leben lang über ihr traumatischen Erlebnisse geschwiegen . In ihrer Autobiografie hat Lilo Günzler (82) ein solches Trauma verarbeitet. BrandZeilen.de hat sie und ihre Enkeltöchter Pia (17) und Britta (20) in Frankfurt besucht.

„Wir sind unglaublich stolz auf unsere Oma“, sagen Pia (17) und Britta (20) wie aus einem Mund. „In unserer Schule hat sie bereits mehrere Vorträge gehalten, und am Ende hatten die meisten Tränen in den Augen.“ Seit zehn Jahren geht Lilo Günzler in Schulen und erzählt von ihren Erinnerungen. Das Anliegen der heuet 82-Jährigen: Jungen Menschen das Leben einer einfachen Familie zu schildern, das dem Nazi-Regime hilflos ausgeliefert war.

„Meine Mutter und ich blieben entsetzt stehen. Die Synagoge brannte lichterloh. An diesem Tag sah ich meine Mutter zum ersten Mal weinen. Meine unbeschwerte Kindheit war zu Ende.“

Lilo geht noch in den Kindergarten, als sie zusammen mit ihrer Mutter auf dem Weg dorthin an der brennenden Synagoge am Frankfurter Börneplatz vorbei muss.„Juden raus, Juden verreckt“, schreien die herumstehenden Menschen. „Junge Männer warfen eine große Rolle in die Luft und lassen sie krachend auf die Erde fallen,“ erzählt Lilo Günzler „Meine Mutter war völlig außer sich, zitterte vor Angst und ließ mich an diesem Tag nicht in den Kindergarten.“ Später erfährt die kleine Lilo auch warum. Ihr Mutter war Jüdin. „In meinem Elternhaus hatte bis dahin der Glaube keine Rolle gespielt. Ich war katholisch getauft, ich besuchte einen katholischen Kindergarten, mein Vater war katholisch, und meine Mutter hatte nie über ihre Konfession gesprochen. Warum auch?“

Dass ihre Kindheit an diesem Novembertag 1938 zu Ende sein wird, ahnt sie, als ihre Mutter, kaum mit ihr zu Hause angekommen, geradezu panisch losläuft, um ihren nur eineinhalb Jahre älteren Halbbruder Helmut von der Schule abzuholen. Als Lilo ein Jahr später selbst eingeschult wird, wundert sie sich, dass sie nicht die gleiche Schule besuchen darf wie die Nachbarskinder. „Meine Mutter nahm mich beiseite und schärfte mir ein, was ich zu sagen hatte, wenn mich die Lehrerin fragt. „Ich bin Mischling ersten Grades.“

Die kleine Lilo hatte keine Ahnung, was das bedeutete, doch die Angst vor diesem schrecklichen Satz ließ sie nie mehr los. Es gibt weitere Veränderungen, zuerst kaum spürbar, die Familie lebt noch einigermaßen unbehelligt in der Nähe des Frankfurter Börneplatzes in einer schönen Wohnung über einem Bäckerladen. Mit der Bäckerfamilie ist man gut befreundet, man hilft sich gegenseitig. „Ich erfuhr, dass meine Mutter Jüdin ist, mein Bruder Helmut auch, ich galt als so genannte „Geltungsjüdin“, mein Vater als arisch.

Nur ein Jahr später wird das Leben der Familie zum Albtraum. Er kommt über sie wie ein Tsunami. „Zuerst wurde uns unser Radio weggenommen, dann mussten wir unsere Wohnung verlassen und ins Rothschildhaus, dem so genannten Judenghetto ziehen“, erzählt die Frankfurterin. „Mein Bruder wurde aus der Familie heraus genommen und ins Heim gesteckt. Nur weil mein Vater einem Nazi-General seine Auszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg auf den Schreibtisch knallte, bekamen wir ihn wieder zurück. Doch für wie lange?  Er durfte daraufhin nicht mehr aus dem Haus.“

Gleichzeitig beginnen die ersten Abtransporte von Juden aus Frankfurt. „Ein paarmal schlich ich mich zum Börneplatz, sah dort Hunderte von Menschen ohne Gepäck in Schlangen warten, nur mit dem, was sie anhatten. Auch meine beste Freundin Inge Herz war dabei. Ich sah sie danach nie wieder.“

Dann kommen die Bomben über Frankfurt. Die vierköpfige Familie übersteht die ersten Kriegsjahre, die von Angst, Hunger und Demütigung durch die Nazis gezeichnet sind. „Sie haben meinen Vater immer wieder dazu gedrängt, sich von meiner Mutter, dem so genannten Judenweib, scheiden zu lassen. Doch er blieb standhaft“, erzählt Lilo Günzler.

Wie durch ein Wunder überlebt die Familie den Frankfurter Feuersturm und kommt zunächst bei Freunden, später dann in einer leer stehen Wohnung der IG-Farben-Siedlung unter. Lilo, damals ein junges Mädchen, musste die monatliche Miete in Höhe von 50 Reichsmark persönlich den Nazis im IG-Farbenhaus übergeben.

Als ihre kleine Schwester dort inmitten der Kriegswirren auf die Welt kommt, weiß die Familie nicht mehr, wie es weitergehen soll. „Wie sollen wir denn noch ein Baby durchbekommen, wir hatten doch absolut nichts zu essen“, so Lilo Günzler. Doch wieder gibt es mutige Menschen, die ihnen Milch bringen und mit ihrem Tun ihr eigenes Leben riskieren. Nach fünf schweren Kriegsjahren keimt Ende 1944 so etwas wie Hoffnung auf. Die Alliierten sind in der Normandie gelandet

Doch es kommt viel schlimmer, als es sich die Familie damals überhaupt vorstellen konnte. Am 14. Februar 1945 werden Lilos Mutter und ihr Bruder ins Konzentrationslager Theresienstadt abtransportiert. „Schweigend sind wir damals den langen Weg von der IG-Farbensiedlung im Frankfurter Westen zum Ostbahnhof marschiert“, berichtet Lilo Günzler . „Jeder von uns war überzeugt, dass wir uns nie wieder sehen. Es gab keine Berichte, dass irgend jemand von solch einem Transport lebend zurückgekommen ist.“

Lilo rennt hilflos und weinend hinter dem Zug her, auch ihr Vater kann sie nicht trösten. Als ihre kleine Schwester auch noch in ein Heim gesteckt wird, und der Vater zum „Volkssturm“ herangezogen wird, steht Lilo auf einmal ganz alleine da. „Niemand wohnte mehr in der Siedlung, ich verkroch mich aus Angst in einen dunklen Keller, dort fand ich neben ein paar Kartoffeln noch ein Säckchen mit trockenem Brot“, erzählt sie. „Ich wusste: Wenn meine Vorräte leer sind, würde ich sterben.“

Das 12-jährige Mädchen hat die Hoffnung längst aufgegeben und sich in ihr Schicksal ergeben, als sie eine Lautsprecherdurchsage vernimmt. Im selben Augenblick geht die Türe auf, ein farbiger Soldat steht vor ihr. Das konnte kein Deutscher sein. Als er ihr eine Tafel Schokolade schenkt, weiß: Der Krieg ist vorbei, der Horror hat ein Ende.

Im August 1945 kommen ihre Mutter und ihr Bruder aus dem KZ zurück. Menschliche Wracks, aber sie leben. „Mein Bruder war damals der letzte volljüdische Junge aus Frankfurt, der den Horror überlebt hat“, sagt Lilo. "Er war 14 Jahre alt und wog nur noch 27 Kilo. Bis heute kann er nicht darüber sprechen, was er im KZ erlebt hat. Er war kaputt an Leib und Seele. Auch meine Mutter sprach nie wieder von dieser Zeit, mein Vater schärfte auch mir ein, niemals darüber zu reden.“

Auch Lilos kleine Schwester wird gefunden. Ein Happy End? "Ja, schließlich haben wir alle überlebt, und nach dem Krieg widerfuhr uns auch nur Gutes“, erinnert sich Lilo, die zunächst eine Lehre als Kindergärtnerin macht, dann Lehrerin wird. Lilo lernt ihren Mann kennen, die beiden bekommen zwei Kinder. Doch die Angst ist immer geblieben. Das Trauma des Krieges und die Verfolgung durch die Nazis verfolgen sie ihr Leben lang - bis heute.

Lilo engagiert sich nach dem Krieg in der katholischen Kirche, arbeitet ehrenamtlich in Vereinen und bekommt dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

„Es ist mir zeitlebens schwer gefallen, fremden Menschen zu vertrauen. Nicht einmal meinem Mann konnte ich erzählen, was unsere Familie mitgemacht hat.“ Ein Stück weit Lebensfreude hat sie erst durch ihre eigenen Kinder zurückbekommen. „Ich wollte ihnen eine fröhliche Mutter sein, sie sollten eine unbeschwerte Kindheit haben.“ Mit ihrem Buch „Endlich reden“ hat Lilo ihr Trauma verarbeitet. „Ich schrieb nächtelang und weinte nächtelang. Damit habe ich mich selbst therapiert.“

 

Als Lilo Günzler mit ihrem Buch endlich das Familiengeheimnis lüftet, sind ihre Enkelinnen sieben und zehn Jahre alt. „Für uns war dies genau die richtige Zeit,“ meint Britta. „Vorher hätten wir das alles wahrscheinlich gar nicht verstanden.“

Das Buch hat Lilo Günzler für die Jugend geschrieben. Es ist ihr wichtig, jungen Menschen das Leben einer Familie zu schildern, das dem Nazi-Regime hilflos ausgeliefert war. Seitdem geht sie als Zeitzeugin in Schulen und erzählt von ihren Erinnerungen. Am Anfang konnte sie oft nicht weiter reden, hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Aber seit sie alles aufgeschrieben hat, geht es ein bisschen besser.

Ihr Thema ist heute, angesichts wachsender Fremdenfeindlichkeit und in Zeiten brennender Flüchtlingsunterkünfte, aktueller denn je. „Wehret den Anfängen“, sagt Lilo Günzler nachdenklich. „Um es mit Bertolt Brecht zu sagen: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch.“

brigitte.sommer@brandzeilen.de

 

 

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Info


Buchtipp zum Thema: „Endlich Reden“, von Lilo Günzler

Lilo Günzler und ihre Familie haben die Zeit des Faschismus in Deutschland wie durch ein Wunder überlebt. Darüber reden konnte sie erst 60 Jahre später.

Zu diesem Zeitpunkt begann sie, vor Schulklassen als Zeitzeugin über ihr Leben zu sprechen.

Für ihr ehrenamtliches Engagement erhielt Lilo Günzler 2009 das Bundesverdienstkreuz.


„Endlich Reden von Lilo Günzler

228 Seiten, Euro 14,80
Henrich Editionen
ISBN: 978-3921606698


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