„Ein unfähiger Arzt hat meine Tochter zu Tode operiert“

Von Robert Schaffelhuber

Kategorien: Ärztepfusch, Schicksale


Datum: 08.06.2015

Silvia Meinschein trauert um ihre Tochter Jessica. Das 16-jährige Mädchen starb nach einem vermeintlichen Routineeingriff in einer Klinik für Gefäßchirurgie. Während der Operation hatte man ihr die Hauptschlagader durchtrennt. BrandZeilen.de berichtet über einen unfassbaren Fall von Ärztepfusch.

„Das Schlimmste, was einer Mutter passieren kann, ist es, hilflos am Sterbebett ihres Kindes zu sitzen“, sagt Silvia Meinschein, und die Tränen steigen ihr dabei immer wieder in die Augen. Die 42-Jährige Diplom-Verwaltungswirtin aus dem thüringischen Tambach-Dietharz hat ihre Tochter Jessica verloren. Nacht für Nacht wird sie von Albträumen geplagt, der Gedanke an den schrecklichen Tod ihres einzigen Kindes zerreißt ihr jedes Mal das Herz.

Doch zusätzlich zu ihrer Trauer und ihrem Schmerz wird die leidgeprüfte Mutter von einer maßlosen Wut auf den Arzt gequält, den sie für den Tod ihrer sechzehn Jahre alten Tochter verantwortlich macht. Denn das Mädchen starb keines natürlichen Todes. „Jessica wurde Opfer eines schier unglaublichen Ärztepfuschs, ein unfähiger Arzt hat mein Kind zu Tode operiert“, sagt Silvia Meinschein voller Entrüstung.

Vor ihr liegen die Akten, die Punkt für Punkt belegen, was ihrer Tochter im Diakonischen Krankenhaus Rotenburg/Wümme widerfuhr. Während einer Operation wurde ihre Bauchschlagader durchtrennt, die Jugendliche verblutete. „Nicht natürliche Todesursache, intraoperative Gefäßverletzung der Aorta“, heißt es auf der offiziellen Todesbescheinigung der Klinik, hinter der sich der skandalöse Ärztepfusch verbirgt.

Heftige Bauchschmerzen

„Jessica wuchs behütet auf und wurde von allen in der Familie geliebt und verwöhnt“, erzählt ihre Mutter. „Sie war eine sehr gute Schülerin, ehrgeizig und pflichtbewusst. Sie verteidigte in der Schule die schwachen Kinder, weil sie jeden beschützen wollte. Jessica hatte ein ausgeprägtes Rechtsempfinden und träumte davon, nach ihrem Abitur Jura zu studieren.“

Bis zu ihrem sechzehnten Geburtstag war Jessica kerngesund. Am liebsten ging sie reiten. Sie liebte Pferde über alles und war eine erfolgreiche Nachwuchs-Dressurreiterin. Beim Reiten lernte sie auch ihre beste Freundin Marie (24) kennen. „Ich bin ein paar Jahre älter als Jessica und erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich sie kennenlernte. Sie war klein und griff ganz schüchtern nach meiner Hand. So, als wollte sie die Hand einer Schwester greifen. Das fand ich so rührend, dass ich sie gleich ins Herz schloss“, so Marie.

Kurz nach ihrem sechzehnten Geburtstag klagte Jessica plötzlich über heftige, kolikartige Bauchschmerzen. Nach eingehenden Untersuchungen wurde ein Dunbar-Syndrom diagnostiziert.

Als Dunbar-Syndrom bezeichnet man ein Kompressions-Syndrom des Truncus coeliacus; es äußert sich durch Bauchschmerzen und wird durch Einklemmung der Arteria coeliaca (syn: Truncus coeliacus) und möglicherweise des Ganglion celiacum durch das Zwerchfell verursacht. Ein Ligament des Zwerchfells (Lig. arcuatum mediale) drückt auf den Truncuscoeliacus, einer großen und wichtigen Arterie im Bauchraum, die Magen, Leber, Milz und Bauchspeicheldrüse versorgt. Ein ausgedehnter Befund des Truncus-coeliacus-Syndroms führt zur Minderdurchblutung/Mangeldurchblutung des Darms und erklärt durchaus sehr starke Beschwerden. Es entstehen Schmerzen insbesondere nach dem Essen, wenn zur Verdauung maximal viel Blut im Darm benötigt wird. Die Schmerzen können so stark sein, dass Patienten die Nahrungsaufnahme auf ein Minimum beschränken und daher teilweise sehr viel Gewicht verlieren."

Angeblich kein OP-Risiko

Da eine Operation in einem Geraer Krankenhaus keine Besserung brachte, machte sich Mutter Silvia im Internet auf die Suche nach einem „Spezialisten“ für dieses Krankheitsbild. Dr. F., Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie im Diakonischen Krankenhaus in Rotenburg/Wümme sollte Erfahrungen mit dem Dunbar-Syndrom haben.

„Ich mache mir bis heute schwere Vorwürfe, dass ich mein Kind in die Hände dieses Mannes gegeben habe und ihm vertraut habe. Mit dieser Schuld werde ich für immer leben müssen, aber ich wollte doch nur das Beste für mein Kind“, sagt Silvia Meinschein, die sich vom sicheren Auftreten des ehrgeizigen Mediziners blenden ließ. „Dass er zuvor noch nie ein Kind mit Dunbar-Syndrom operiert hatte, teilte er mir erst kurz vor der Operation eher beiläufig mit. Er meinte, dass eine Operation unumgänglich sei, aber dass das Risiko bei null Prozent liege, da er keine Gefäße, insbesondere nicht die Bauchaorta, öffnen müsse, sondern nur Bänder und Sehnen vom Zwerchfell beseitigen müsse, die Aorta also nur freilegen müsse.“

Nur stockend und mit zitternder Stimme erzählt sie weiter. „Das letzte, was meine Tochter zu mir sagte, war, 'Mami, ich hab Dich ganz doll lieb. Versprich mir, dass Du da bist, wenn ich heute mittag aufwache'. Ich habe es ihr versprochen. Ich habe sie beruhigt und gesagt, dass sie in besten Händen sei und alles gut werde. Ich ahnte ja nicht, dass sei nie wieder aufwachen würde.“

Schlimme OP-Fehler

Für die Operation hatte der Dr. F. neunzig Minuten veranschlagt, doch es wurden zehn Stunden. Für Silvia Meinschein nicht enden wollende Stunden des Wartens. Nicht wissend, dass ihr Kind in diesen Stunden verzweifelt um sein Leben kämpfte.

„Als Jessica endlich aus dem OP geschoben wurde, kam der Arzt zu mir und sagte, dass es zu unvorhergesehenen Komplikationen gekommen sei“, erinnert sie sich. „Die Bauchschlagader von Jessica sei von selbst gerissen, sie hätte an einer angeborenen Bindegewebserkrankung der Aorta gelitten. Eine glatte Lüge, wie sich später herausstellen sollte.“

Danach saß Silvia Meinschein 38 Stunden Tag und Nacht am Bett ihrer Tochter. „Ich habe gebetet, dass sie es schafft“, sagt sie unter Tränen. „Sie dort hilflos und an so vielen Geräten angeschlossen, liegen zu sehen, tat wahnsinnig weh. Sie war nicht ansprechbar, aber Tränen liefen über ihr Gesicht. Dass es Abschiedstränen waren, habe ich erst viel später begriffen. Bei meinen Berührungen spürte sie mich, aber ihre Hände wurden immer kälter. Ihre Beine waren schon blau und starben ab, es war ein furchtbarer Anblick. Ich las ihr aus ihrem Lieblingsband „House of Night“ vor und schlief manchmal vor Erschöpfung ein. Ich hätte mein Leben für das ihre gegeben.“

Doch Jessica schaffte es nicht. In einem Gutachten heißt es, dass Jessica aufgrund der schlimmen OP-Fehler schon dem Tode geweiht war, bevor man sie auf die Intensivstation brachte.

Tod in den Armen der Mutter

„Als meine Tochter in meinen Armen starb, ist auch ein Teil von mir gegangen“, sagt die trauernde Mutter leise. „Meine Leben ist seitdem kein Leben mehr. Zu wissen, dass es nie wieder so werden wird wie es mit  Jessica war, ist ein unbeschreiblicher Schmerz. Sie nie mehr in den Arm nehmen können, nie wieder mit ihr reden, lachen, streiten, weinen und Blödsinn machen können. Es tut so unendlich weh.“

Erst drei Wochen nach Jessicas Tod erfuhr die Mutter, dass ihre Tochter Opfer eines unfassbaren Ärztepfuschs geworden war. Die zuständige Stationsärztin hatte den Totenschein korrekt ausgefüllt und als „nicht natürliche Todesursache“ eine „intraoperative Gefäßverletzung der Aorta“ angegeben. Denn während der OP war die Aorta der Patientin durchtrennt worden.

Doch damit nicht genug: Zur staatsanwaltlich angeordneten Leichenöffnung, bei der Dr. F. anwesend war (!), hatte der Operateur einen befreundeten Rechtsmediziner aus Hamburg geholt. Ohne dessen Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, übernahm der Gutachter als Grundlage seines Gutachtens die Behauptung des Chefarztes, Jessica habe an einer angeborenen Bindegewebserkrankung gelitten. So kam er zu dem Schluss, ihr Tod sei ein „schicksalhaftes Ereignis“ gewesen, dem Operateur sei kein ärztlicher Fehler vorzuwerfen.

„Dies war ganz offensichtlich ein Gefälligkeitsgutachten und stand in krassem Widerspruch zu den Diagnosen der Mediziner, die Jessica zuvor behandelt hatten und zu weiteren Gutachten, die eine Vorschädigung ausschlossen“, so Silvia Meinschein, die daraufhin Dr. F. wegen fahrlässiger Tötung anzeigte.

Zwar revidierte der Hamburger Gutachter dann ganz schnell seine erste Expertise, dennoch stellte die zuständige Oberstaatsanwältin das Verfahren gegen den Operateur mit der Begründung ein, dass sich mit dem neuen  Gutachten für sie keine neuen Erkenntnisse ergeben hätten.

Kampf um Gerechtigkeit

Dem verantwortlichen Chirurgen, Chefarzt Dr. F., hat Silvia Meinschein zu Weihnachten eine Email geschrieben. „Sie haben nicht nur ein, sondern zwei Leben zerstört. Wollen Sie nicht wenigstens mit mir sprechen?“ Er reagierte nicht. Bis heute hat Jessicas Mutter nichts von dem Operateur gehört, der laut gelacht hatte, als Jessica ihn fragte, ob sie während der Operation sterben könnte. Von ihm kam kein Wort des Bedauerns, keine Entschuldigung. Nicht einmal eine Beileidsbekundung.

Und was sagt die Klinik zu den schweren Vorwürfen und Jessicas Tod? „Aus datenschutzrechtlichen Gründen können wir keine Auskunft geben, da wir an die ärztliche Schweigepflicht gebunden sind“, so Gabriele Wilhelmi, Pressesprecherin vom AGAPLESION Diakonieklinikum in Rotenburg/Wümme, dem Rechtsnachfolger des Diakonischen Krankenhauses in Rotenburg/Wümme.

Silvia Meinschein indes ist fest entschlossen, mit Hilfe ihres Rechtsanwalts um Gerechtigkeit zu kämpfen. „Ich werde dafür sorgen, dass der Arzt, der Jessicas Tod verschuldet hat, zur Verantwortung und zur Rechenschaft gezogen wird“, sagt die Mutter. „Das bin ich meinem toten Kind schuldig. Ich habe es meiner Tochter am Sterbebett versprochen.“

Weitere Infos finden Sie auf Jessicas Gedenkseite, die ihre Mutter für sie ins Netz gestellt hat: www.jessica-meinschein.de/

robert.schaffelhuber@brandzeilen.de

 

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Interview


Jörg Heynemann, Fachanwalt für Medizinrecht aus Berlin

Was werfen Sie der Klinik und dem Operateur vor?

Jessica ist nach meiner Auffassung Opfer eines Bündels von Fehlern geworden. Bereits die Indikation zu der OP war mehr als fraglich. Ein Zuwarten wäre nicht nur sinnvoll sondern Therapie der Wahl gewesen. Jessica und ihre Mutter wurden nicht hinreichend über die Risiken und Alternativen des Eingriffs aufgeklärt. Zudem war die Außendarstellung der Klinik und des Operateurs als Spezialklinik bzw. als Spezialist für derartig schwierige Eingriffe völlig verfehlt. Das diakonische Krankenhaus in Rotenburg/Wümme genoss auf diesem Gebiet nach meiner Kenntnis alles andere als einen guten Ruf.

Der Eingriff selbst wurde fehlerhaft durchgeführt. Die Verletzung der Aorta war vermeidbar. Besonders schäbig ist, dass die intraoperative Verletzung der Aorta vertuscht werden sollte. Nach den Angaben der Klinik habe es sich um eine Bindegewebsschwäche gehandelt. Der Obduktionsbericht geht eindeutig von einer Verletzung mittels OP-Besteck aus. Auch nachdem die Aorta verletzt worden war, ging der Operateur fehlerhaft vor. Sein fehlerhaftes Vorgehen musste zu einem Multiorganversagen führen. Ich bin seit fünfzehn Jahren ausschließlich im Medizinrecht auf Patientenseite tätig. Einen derart schrecklichen Fall habe ich in dieser Zeit nur dreimal erleben müssen.


War Jessicas Tod vermeidbar?

Jessicas Tod war nach meiner festen Auffassung absolut vermeidbar. Wenn die Klinik, der Operateur und die hinter diesen stehende Haftpflichtversicherung noch einen Funken von Anstand besitzen, regulieren sie diesen schrecklichen Fall freiwillig. Leider ist damit jedoch nicht zu rechnen.


Was fordern Sie?

Den vermeidbaren Tod eines Menschen, insbesondere eines Kindes, kann man nicht in Geld aufwiegen. Frau Meinschein geht es auch nicht darum, eine große Summe zu erzielen sondern darum, dass seitens der Verantwortlichen eingestanden wird, dass Fehler begangen wurden, die zu Jessicas Tod führten.

Gleichwohl stehen Frau Meinschein Schmerzensgeld und Schadensersatz zu. Schmerzensgeld für die Schmerzen, die Jessica erlitten hat und Schmerzensgeld für das eigene Leid, den sogenannten Trauerschaden. Leider werden in Deutschland beide Vorkommnisse nicht angemessen entschädigt. Der Tod selbst ist nicht „schmerzensgeldfähig“ sondern lediglich der Leidensweg bis zum Tod. Der Trauerschaden der Angehörigen muss „eigenen Krankheitswert“ haben und über die „normale Trauer“ hinausgehen.  Diese Rechtsprechung klingt für die Betroffenen oft zynisch und verletzend. Diese entspricht jedoch der Gesetzeslage, an die die Gerichte gebunden sind. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, hieran etwas zu ändern. Es wird höchste Zeit.

Es wurde nicht nur Jessicas Leben beendet sondern auch das Leben ihrer Mutter zerstört. Wir werden daher auch versuchen, für Frau Meinschein angemessene Schadensersatzleistungen durchzusetzen.


Kontakt:

Kanzlei für Medizinrecht
Jörg F. Heynemann

Internet: www.medizinrecht-heynemann.de

Email: info@medizinrecht-heynemann.de

Telefon: 030 88 71 50 88

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