Eine Mutter bangt um ihren verschwundenen Sohn

Von Rex Schober

Kategorien: Schicksale, Vermisst


Datum: 04.06.2015

Als der alleinerziehende Familienvater Dirk Lunkwitz (40) am 21. August 2011 das Haus verlässt, will er sich nur kurz mit jemandem treffen. Er nimmt seinen Wohnungsschlüssel und setzt sich aufs Fahrrad. Was danach geschieht, ist bis heute ein Rätsel. Auch nach vier Jahren gibt es von dem Vermissten keine einzige Spur. Seine Mutter glaubt, dass die Polizei nicht allen Hinweisen nachgegangen ist. BrandZeilen.de berichtet über einen mysteriösen Vermisstenfall.

Ursula Knobloch (62) und ihr Mann Klaus (70) sind voller Sorge. Seit dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes finden sie keine Ruhe mehr. Angst und Verzweiflung sind ihnen ins Gesicht geschrieben. Seit dem 21. August 2011 gibt es von ihrem Sohn Dirk Lunkwitz kein Lebenszeichen mehr. Von früh bis spät zermartern sie sich den Kopf, was bloß mit ihm geschehen ist.

Am schlimmsten für sie sind die schlimmen Gerüchte und die Horrorgeschichten, die regelmäßig die Runde machen. Seit Dirks Verschwinden brodelt in den Dörfern der brandenburgischen Großgemeinde Sonnewalde die Gerüchteküche. „Mal wurde angeblich ein Mann mit abgeschlagenem Kopf gefunden, ein anderes Mal ein Mann ohne Arme und ohne Beine“, so seine Mutter. „Und jedesmal soll es sich dabei um die sterbliches Überreste meines Sohnes handeln.“

Ein liebevoller Familienvater

Seit seiner Scheidung lebte Dirk Lunkwitz mit den Kindern Benjamin (14) und Marie (12) in einem alten Mehrfamilienhaus in Zeckerin. Die Familie hatte das heruntergekommene Haus günstig gekauft, Dirk hatte mit der Sanierung begonnen. „Neue Heizkörper, einen Heizkessel und das nötige Baumaterial hatte er schon besorgt. Als gelernter Trockenbauer sanierte mein Sohn das Haus Stück für Stück, so wie gerade Geld da war. Er war ja leider arbeitslos“, erzählt Ursula Knobloch, die zu ihrem Sohn ein besonders inniges Verhältnis hatte, seit ihre Tochter Heike ein Jahr vor Dirks Verschwinden mit nur 39 Jahren an Krebs gestorben war.

Dirk Lunkwitz ging in seiner Vaterrolle auf, er liebte seine beiden Kinder über alles. Pünktlich um halb acht brachte er sie jeden Morgen zum Schulbus, danach fütterte er seine Hühner und Enten. Mehrmals am Tag schaute er bei seiner Mutter vorbei, die nur wenige Häuser entfernt wohnte. „Immer wenn er das Haus verließ, ließ er stets eine Notiz zurück, wann er zurückkommen würde. Bei Dirk ging alles nach genau nach Plan, auch jeden Termin der Kinder notierte er auf einem Kalender in der Küche.“

Der alleinerziehende Vater kochte und backte für seine Kinder, er machte die Wäscher und putzte. „Dirk war ein perfekter Hausmann und liebevoller Vater. Für seine Kinder hatte er eine Modellbahn aufgebaut, für Marie ein Schlagzeug gekauft“, sagt sein Stiefvater Klaus. „Freunden und Bekannten half er bei Behördenangelegenheiten, er setzte Schreiben für sie auf und gab ihnen praktische Tipps. Er war immer für andere da, hilfsbereit und sehr zuverlässig.“

Wer war der ominöse Anrufer?

Möglicherweise steht seine Hilfsbereitschaft mit dem Verschwinden von Dirk Lunkwitz im Zusammenhang. Fakt ist, dass er am 21. August einen Anruf erhielt. Seine Mutter erinnert sich.: „Die Kinder bekamen mit“, so Ursula Knobloch, „wie ihr Papa am Telefon den Anrufer fragte, 'kommt ihr mit dem Auto, oder soll ich mit dem Fahrrad rüber kommen? Na gut, dann setze ich mich halt auf mein Rad.'“

Wer der Anrufer war, wo und mit wem Dirk Lunkwitz sich verabredet hatte, und was nach dem Verlassen des Hauses geschah, blieb bis heute ein Rätsel. „Für mich bedeutet dies, dass der Anruf von irgendeinem Bekannten aus der Nachbarschaft gekommen sein muss“, ist sich seine Mutter sicher. „Ich gehe daher davon aus, dass Dirk mit dem Rad nach Sonnewalde gefahren ist, um dort einem Kumpel auf einem Autoschrottplatz zu helfen.“

Fest steht, dass sich der Familienvater nachmittags mit einem 'bis später' winkend von seinen Kindern verabschiedete und mit dem Fahrrad losfuhr. Außer seinem Wohnungsschlüssel hatte er nichts dabei. Als er am späten Abend dann immer noch nicht zu Hause war - laut Zettel an der Pinwand wollte er kurz wegbleiben - riefen die besorgten Kinder ihre Oma Ursula an. Als sie auch am nächsten Morgen noch nichts von ihrem Sohn gehört hatte, gab sie bei der Polizei eine Vermisstenanzeige auf. Dass ihr Sohn freiwillig sein gewohntes Lebensumfeld verlassen hatte, schloss Ursula Knobloch von Anfang an aus. „Er hätte seine Kinder niemals im Stich gelassen.“

Tat die Polizei zu wenig?

Die Polizei startete daraufhin eine großangelegte Suchaktion. Die gesamte Umgebung wurde mit Hubschraubern und Wärmebildkameras abgesucht, Fährtenhunde nahmen die Spur auf, auch Leichenhunde kamen rund um Sonneberg zum Einsatz. Eine Vielzahl von Zeugen wurde befragt, etlichen Hinweisen ging man nach. Doch von Dirk Lunkwitz gab es keine einzige Spur. Auch sein rot-blau lackiertes Mountainbike blieb verschwunden.

Ursula Knobloch glaubt, dass die Polizei nicht genug unternahm, um ihren Sohn zu finden oder die Hintergründe seines Verschwindens herauszubekommen. Denn bis heute, fast vier Jahre nach seinem Verschwinden, gibt es immer noch keine einzige Spur von dem Vermissten. „Neben seinem Computer hatte man einen Zettel mit einer anonymen Anzeige gefunden, die mein Sohn aufgesetzt, aber noch nicht abgeschickt hatte“, berichtet seine Mutter. „Darin machte er die Polizei auf ein Grundstück in Sonnewalde aufmerksam, auf dem Diebesgut gelagert und umgeschlagen wurde. Vielleicht ist ihm ja dieses Wissen zum Verhängnis geworden.“

Fünf Monate später erfuhr Ursula Knobloch zufällig aus der Zeitung, dass die Polizei dieses Grundstück endlich durchsucht hatte, und im Zuge der Ermittlungen zwei Männer verhaftet hatte. Auf dem weitläufigen Gelände hatte man zahlreiche gestohlene Fahrzeuge, Traktoren und einen gestohlenen Kleinbus gefunden. Dazu eine Vielzahl von Werkzeugen, gestohlenes Buntmetall und mehrere Tausend Liter Dieselkraftstoff. Einer der Festgenommenen war ein Mann, bei dem Dirk Lunkwitz hin und wieder als Fahrer ausgeholfen hatte. War er der ominöse Anrufer mit dem Dirk Lunkwitz sich am 21. August 2011 treffen wollte?

Gewaltverbrechen nicht auszuschließen

Dazu die zuständige Oberstaatsanwältin Elvira Klein: „Auf dem durchsuchten Sonnewalder Grundstück sind keinerlei Spuren oder Hinweise gefunden worden, die auf Dirk Lunkwitz oder dessen Verschwinden hinweisen.“

Ursula Knobloch ist davon jedoch überzeugt. Sie vermutet einen Zusammenhang zwischen dem spurlosen Verschwinden ihres Sohnes und den kriminellen Aktivitäten der Diebesbande auf dem Grundstück. Warum, fragt sie sich immer wieder, hat die Polizei erst fünf Monate nach dem Auffinden der anonymen Anzeige, das Grundstück durchsucht und die Männer dort vernommen? „Mein Gefühl als Mutter sagt mir, dass da etwas schreckliches passiert ist, das spüre ich“, sagt sie unter Tränen. „Mein Dirk ist bestimmt in etwas hineingeraten, und als er die kriminellen Machenschaften aufdecken wollte, hat man ihn einfach aus dem Weg geräumt.“

Doch solange man seine Leiche nicht findet, will sie die Hoffnung nicht aufgeben, ihren Sohn doch noch lebend zurückzubekommen. „Wenn man ihn nur endlich finden würde! Nach dem Tod meiner Tochter war Dirk doch das einzige, was mir noch geblieben ist. Denn auch meine Enkelkinder sehe ich nicht mehr jeden Tag. Denn seit dem Verschwinden ihres Vaters leben Benjamin und Marie wieder bei ihrer leiblichen Mutter.“

Polizeihauptkommissarin Ines Filohn (53), Sprecherin der zuständigen Polizeidirektion Süd des Landes Brandenburg in Cottbus erklärt: „Wir können die Mutter beruhigen. Die Ermittlungen wurden nicht eingestellt, Wir haben allerdings nach wie vor keinerlei Anhaltspunkte zum Verbleib oder einen möglichen Aufenthaltsort des Vermissten. Wir können daher nichts ausschließen, auch ein mögliches Kapitalverbrechen nicht.“

Für Ursula und ihren Mann Klaus, für die Kinder Benjamin und Marie bleibt die quälende Ungewissheit. Gewissheit wird die Familie erst haben, wenn Dirk gefunden wird. „Wenn er noch am Leben wäre, hätte er sich doch längst bei uns oder seinen Kindern gemeldet“, ist sich seine Mutter sicher. Angst und Verzweiflung sind ihr auch jetzt ins Gesicht geschrieben.

rex.schober@brandzeilen.de

 

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Info


Dirk Lunkwitz wird seit August 2011 vermisst

Die Polizei möchte wissen:


Wer hat Dirk Lunkwitz nach dem 21. August 2011 gesehen oder kann Angaben zu seinem jetzigen Aufenthaltsort machen?

Dirk Lunkwitz ist ca. 170 cm groß, er hat braune Haare und braune Augen. Auffällig ist eine Narbe an der rechten Augenbraue. Zuletzt trug er kurze Haare, einen Dreitagebart und hatte in beiden Ohren kleine Kreolen. Bekleidet war er mit einer „Einstrich-Keinstrich“-Armeejacke. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens hatte er ein rot-blau lackiertes Mountainbike bei sich.


Hinweise an die Polizei in Finsterwalde unter der Telefonnummer  03531 7810

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