„Wann endlich wird der Mord an unserer Tochter gesühnt?“

Von Wolfgang Hillnhütter

Kategorien: Ungeklärte Kriminalfälle, Schicksale


Datum: 09.06.2015

Nach dem Mord an ihrer Tochter Alexandra vor fünfundzwanzig Jahren geriet das Leben der Mutter aus den Fugen. Die damals 19-jährige Berlinerin war in ihrer Wohnung auf grausame Weise umgebracht worden, der Täter wurde nie gefasst. Zusammen mit ihrem Mann Rolf machte sich die Mutter auf Mördersuche, vergeblich lobte sie 20.000 Euro Belohnung aus. Auch ihre jahrelangen Appelle an den Mörder, endlich sein Gewissen zu erleichtern und sich zu offenbaren, blieben erfolglos. Auf BrandZeilen.de berichtet sie über ihr Schicksal.

Vor Astrid Steinemann liegt ein Gedicht, das sie in Berliner Tageszeitungen veröffentlich hat. „Du findest dann erst wieder Ruh, wenn reinen Tisch Du mit Dir machst“, heißt es dort. Es ist ein Gedicht an den Mörder ihrer Tochter, ein verzweifelter Appell an sein Gewissen, sich endlich zu offenbaren. „Bis heute wissen wir nicht, wer unsere Alexandra auf dem Gewissen hat, der Mord ist nicht gesühnt“, sagt sie leise.

Fast 25 Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem ihre einzige Tochter Alexandra Spohn auf bestialische Weise ermordet wurde. Bis heute hat die 76-Jährige das Trauma nicht überwunden. „Damals ist ein Stück von mir gestorben, an den schönen Dingen dieser Welt kann ich mich seitdem nicht mehr erfreuen“, sagt die leidgeprüfte Mutter, die sich bis heute jeden Tag die gleichen Fragen stellt: wer hat mein Kind ermordet, warum musste sie sterben? Die Suche nach Alexandras Mörder wurde für sie und ihren Mann Rolf zur Lebensaufgabe. „Nur die Hoffnung, dass er doch noch gefasst wird, hat mich all die Jahre am Leben gehalten.“

Lebendig sind auch die Erinnerungen an ihre Tochter. Alexandra, die aus einer anderen Ehe Astrid Steinemanns stammte, war eine fröhliche, selbstbewusste junge Frau, die niemandem etwas Schlechtes zutraute. „Sie fuhr gerne Ski und hatte sehr viel Freude am Tanzen in ihrer Tanzschule“, erzählt ihre Mutter, die immer sehr stolz auf ihre einzige Tochter war.

Alexandra starb einen grausamen Tod

Die 19-Jährige hatte nach ihrem Abitur einen Ausbildungsplatz bei der Deutsche Bank bekommen und sich ihre erste eigene Wohnung genommen, die sie liebevoll und geschmackvoll eingerichtet hatte. Nur wenig später wurde diese Wohnung zu einem Ort unfassbaren Grauens.

Es war dieses ungute Gefühl, das Astrid Steinemann an jenem Augusttag des Jahres 1990 überkam. Alexandra war telefonisch nicht zu erreichen. Bei einem Besuch kurz zuvor hatte sie einen bedrückten Eindruck gemacht. Zusammen mit ihrem Mann fuhr Astrid Steinemann zur Wohnung der Tochter. Als sie mit einem Zweitschlüssel die Tür öffneten, schreckten sie entsetzt zurück. Auf dem Boden im Wohnzimmer lag Alexandras Leiche, mit Bettwäsche zugedeckt.

Alexandra war gefesselt und geknebelt, der Oberkörper der 19-Jährigen mit Stichen übersät. Astrid Steinemann brach mit einem Schock zusammen, als sie realisierte, dass ihre Tochter Opfer eines grauenhaften Mordes geworden war. „Es war der schlimmste Augenblick in meinem Leben, ich habe dieses schreckliche Bild seit fünfundzwanzig Jahren vor Augen und werde es nicht mehr los“, sagt die Mutter unter Tränen.

Obwohl Alexandras Schlüssel, Schmuck und ein Videorecorder fehlten, waren sich die Ermittler sehr schnell sicher, dass die junge Frau Opfer einer Beziehungstat geworden war. Für Alexandras Familie ein weiterer Schock. „Die Vorstellung, dass der Mörder aus unserem oder ihrem Freundeskreis käme, war einfach unerträglich“, sagt die Mutter, deren Leben damals aus den Fugen geriet. Schlaflose Nächte, Albträume und Selbstmordgedanken bestimmten fortan ihr Leben. „Ohne die Hilfe und Unterstützung meines Mannes“, sagt sie, „hätte ich nicht überlebt.“

Der Täter konnte nie überführt werden

Im Laufe der Ermittlungen gab es mehrere Hausdurchsuchungen und auch einen Beschuldigten, doch bis heute ergab sich kein dringender Tatverdacht gegen irgendjemanden aus Alexandras Umfeld. Die zuständige Staatsanwaltschaft musste ein entsprechendes Ermittlungsverfahren einstellen, ohne dass es je zu einer Anklage gekommen wäre.

Daher machten sich die Steinemanns selbst auf die Suche nach dem Mörder ihrer Tochter. Sie unterhielten sich mit Zeugen, überprüften Alibis und befragten nahezu jede Person, mit der Alexandra jemals zu tun gehabt hatte. Sie klammerten sich an jeden noch so dünnen Strohhalm, sie recherchierten sogar in Italien und in den USA und setzten eine Belohnung von 20.000 Euro aus. Doch sämtliche Bemühungen blieben erfolglos. Auch ihnen gelang es nicht, verwertbare Beweise für eine Täterschaft zu finden.

„Wir haben für unsere Nachforschungen, für Gutachter und Rechtsanwälte sehr viel Geld ausgegeben“, erklärt Alexandras Stiefvater Rolf (76). „Die Unterlagen füllen mittlerweile dicke Aktenordner. Leider wurden nach dem Mord seitens der Ermittlungsbehörden viele Fehler gemacht. Auch sind die Fingernägel verschwunden, die man Alexandra bei der Obduktion abgenommen hatte, um sie später noch einmal auf Spuren untersuchen zu können.

Gedicht an den Mörder

An Alexandras besonderen Todestag geben die Eltern regelmäßig Anzeigen in Berliner Tageszeitungen auf, in denen sie an den Mörder appellieren, sich endlich zu stellen und sein Gewissen zu erleichtern:

Du warst sehr jung, warst auch verliebt, bist überall gut angekommen. Doch unerklärlich, was dich trieb, dass du das junge Leben ihr genommen!

Du nahmst nicht nur ihr junges Leben, du nahmst der Mutter auch ihr Kind! Das Blut wird stets an deinen Händen kleben: Nichts macht dich sauber, kein Wasser und kein Wind!

Wie trägst du diese Last im Leben? Wie lebst du Tag und Nacht damit? Nie wird dein „Ich“ dir Ruhe geben, weile deine „Seele“ dir entglitt.

Doch wenn du ein Gewissen hast, dann horch in dich hinein! Es wird dir sagen: Deine Last bleibt ewig deine Pein!

Abscheulich ist, was du begangen! Dein Kopf: gedankenlos und leer. Dich hat das Böse eingefangen, für dich gibt's Rettung wohl nicht mehr!

Du glaubst, wir hätten aufgegeben? Da solltest du nicht sicher sein! Wir trachten nicht nach deinem Leben, doch die Gerechtigkeit muss sein.

Und gehst du einst von dieser Welt, wird droben dich der Schöpfer fragen, was du auf Erden angestellt, für diese Tat wirst du gerechte Strafe tragen.

 

Die Jahre gingen ins Land, ohne dass sich neue Erkenntnisse ergeben hätten oder Beweise aufgetaucht wären. „Wir haben all die Jahre nichts unversucht gelassen“, sagt Astrid Steinemann. „Aber jetzt, fünfundzwanzig Jahre nach Alexandras Tod, müssen wir einsehen, dass möglicherweise nur noch Kommissar Zufall den Mord an Alexandra klären kann. Das ist leider bittere Realität. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Denn Astrid und Rolf Steinemann geben die Hoffnung nicht auf, vor ihrem Lebensende vielleicht doch noch mit allem abschließen zu können und Antworten auf all ihre quälenden Fragen zu bekommen. Warum Alexandra sterben musste, wer sie auf dem Gewissen hat, und wie dieser Mensch mit einer solchen Schuld überhaupt weiterleben konnte.

Sachdienliche zu dem Mord an Alexandra Spohn nimmt die Berliner Polizei entgegen. Telefon 030 4664 0

wolfgang.hillnhuetter@brandzeilen.de

 

 

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Info


Mord

Gemäß § 211 StGB spricht man von Mord, wenn ein Mensch aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder aus niedrigen Beweggründen heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln, oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, getötet wird.

Mord verjährt nicht, Totschlag verjährt nach 20 Jahren

Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

Im Jahr 2014 gab es in Deutschland 298 Mordopfer, die Aufklärungsquote lag bei 95,3 Prozent.

Mindestens jeder zweite Mord in Deutschland wird nach Auffassung von Rechtsmedizinern nicht als solcher erkannt. Auf der Grundlage einer Studie der Universität Münster aus dem Jahr 1997 müsse davon ausgegangen werden, dass jährlich mindestens tausend Fälle von Mord und Totschlag nicht entdeckt würden,

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