Auf der Landstraße lauerte der Tod

Von Rex Schober

Kategorien: Schicksale


Datum: 17.06.2015

Bei einem schrecklichen Verkehrsunfall verloren Heike (42) und André (47) Kipsch ihr Leben, sechs Kinder, die mit ihnen im Unglücksauto saßen, kamen mit  leichten Verletzungen davon. Von einer Sekunde zur anderen wurde das Leben der Familie auf den Kopf gestellt, der Tod des Ehepaares machte acht Kinder zu Waisen. Doch sie erfuhren eine Welle der Hilfsbereitschaft. BrandZeilen.de hat die Waisenkinder im Vogtland besucht.

Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen, mitten in uns.“ (Rainer Maria Rilke)

Ein kleines Holzkreuz auf der Landstraße L1095 bei Bad Lobenstein in Thüringen. Es erinnert an einen schrecklichen Unfall, bei dem André und Heike Kipsch ums Leben kamen. Niemand ahnt, welche Tragödie sich hinter diesem schlichten Holzkreuz verbirgt. Hier hat es eine Familie zerrissen. Acht Kinder haben hier ihre Eltern verloren.

Es ist schon dunkel an jenem nasskalten Novemberabend, als Heike (42) und André Kipsch (47) von einem Ausflug auf dem Weg nach Hause sind. Mit im Auto sind Enkelkind Leon und fünf ihrer insgesamt acht Kinder. Sebastian und Tobias (beide 19), Diana (23), Christoph (8) und Paul (5). Den geräumigen Ford Tourneo hat sich die Familie für diesen Tag ausgeliehen. Sie haben es nicht mehr weit, als es auf der Landstraße zwischen Saalburg und Bad Lobenstein zur Katastrophe kommt.

Diana Kipsch erinnert sich: „Ich saß auf der Beifahrerseite, neben mir Leon im Kindersitz. Mama und die anderen saßen hinten. Plötzlich scherte ein Kleintransporter auf der Gegenfahrbahn aus, seine Scheinwerfer blendeten uns. Mein Vater schrie 'duckt euch!', während er versuchte, dem Transporter auszuweichen.

Große Geschwister reagieren heldenhaft

Ich riss Leon instinktiv an mich, hinten warfen sich Sebastian und Tobias schützend über ihre jüngeren Brüder. Wir sahen nur noch das grelle Licht, im nächsten Augenblick gab es einen Knall, den ich nie mehr im Leben vergessen werde. Dann war es auf einmal totenstill im Auto. Ich kletterte mit Leon aus dem Fenster, auch meine Geschwister schafften es, irgendwie aus dem Wrack zu kommen. Unsere Mama hing leblos im Gurt. Als wir ihr die Haare aus dem Gesicht strichen, spürten wir, dass sie tot war. Wir fühlten bei ihr keinen Puls. Papa atmete schwer, er war eingeklemmt. 'Wir brauchen dich', riefen wir, 'wir haben dich lieb!' Er sagte leise: „Ich habe euch auch alle lieb“, dann starb er vor unseren Augen. Danach stand ich zitternd und blutend neben dem Wrack und habe nichts mehr wahrgenommen, alles war wie eingefroren. Erst als sich die Straße mit Menschen und Fahrzeugen mit Blaulicht füllte, kam ich wieder zu mir.“

Wie durch ein Wunder haben die sechs Kinder bei dem Horrorcrash nur leichte Verletzungen davongetragen. Nach vier Tagen dürfen sie das Krankenhaus verlassen. Zu Hause angekommen, registrieren sie, dass sie jetzt Waisenkinder sind. Die acht Kinder haben ihre Eltern verloren, Leon seine Großeltern. Sie wissen, dass ab sofort nichts mehr so ist, wie es einmal war. „Ich wollte einfach nicht ins Haus gehen, ich klammerte mich minutenlang am Auto fest“, sagt Diana. Ihre jüngsten Geschwister weinen unentwegt, sie wollen erst schlafen, wenn ihre Mama und ihr Papa zurückgekommen sind. Sie sind völlig aufgewühlt und lassen sich nicht beruhigen.

Leben der Familie auf den Kopf gestellt

Die neue Situation stellt das Leben der Kinder von einem Tag zum anderen völlig auf den Kopf. Ihre Tante Romy Hinz (42), Schwester ihrer tödlich verunglückten Mutter, wird ihre Ersatzmutter. Schon vor drei Jahren ist die Verkäuferin ins Haus der Schwester gezogen, nun kümmert sie sich von früh bis spät aufopferungsvoll um die Kleinen.

Zu der unendlichen Trauer über den Verlust der geliebten Eltern kommen Existenzsorgen. Niemand weiß, wie das Leben der Familie ohne sie und ihre Einkommen weitergehen soll. Das Haus ist noch nicht abbezahlt, und da die Eltern keine Lebensversicherung haben, droht die Zwangsversteigerung ihres Zuhauses. Zudem wollen die Behörden die drei jüngsten Kinder in ein Heim stecken oder in eine Pflegefamilie geben. Obwohl ihre Tante Romy bereit ist, die Verantwortung für die Kinder zu übernehmen und das Sorgerecht für die drei Minderjährigen zu beantragen. „Das stand für mich nach dem Tod meiner Schwester und ihres Mannes sofort fest“, sagt die Verkäuferin. „In ein Heim oder zu fremden Menschen zu müssen, wäre für sie nach dem schmerzlichen Verlust der Eltern doch ein weiterer Schock fürs Leben.“

Der ehrenamtliche Bürgermeister des Ortes Pottiga, Wolfgang Sell (59), schaltet sich ein. Er hat sich nach dem tödlichen Unfall sofort um Hilfe und Unterstützung für die Waisenkinder bemüht, er steht der Familie wie ein väterlicher Freund zur Seite und setzt sich für sie und ihre Belange ein. Insbesondere dafür, dass die Kinder zusammenbleiben können und die Familie nicht auseinandergerissen wird.

Welle der Hilfsbereitschaft

Seine Gespräche mit den zuständigen Behörden und die Verhandlungen mit der Sparkasse, die den Kredit für das Haus der Familie gegeben hat, sind schließlich erfolgreich. So gelingt es ihm, den Kindern die Ängste und der Familie die größten Sorgen zu nehmen. Tante Romy erhält das Sorgerecht für Paul (5), Christoph (8) und auch für Leon (6), den Sohn von Diana. Weil die gerade eine Ausbildung zur Sozialbetreuerin macht, kann sie sich nur eingeschränkt um ihren Jungen kümmern. Bis zu ihrem Unfalltod haben sich Dianas Eltern Heike und André um den Jungen gekümmert.

Bürgermeister Sell richtet ein Spendenkonto ein, die Anteilnahme im Ort und in der Region ist riesig. Die Waisenkinder von Pottiga erfahren eine ungeahnte Welle der Hilfsbereitschaft. Fremde Menschen schicken ihnen Pakete, ein Imker bringt zwei Kartons Honig vorbei, ein Uhrmacher stattet die ganze Familie mit Uhren aus. Andere bringen ihnen Brennholz oder füllen den Öltank auf.

Die Kreissparkasse Saale-Orla erlässt der Familie ein Teil der Schulden, so dass der Hauskredit mit Spendengeldern getilgt werden kann und stellt zusätzliches Geld für die dringend notwendige Sanierung des Hauses zur Verfügung.

Acht Waisenkinder müssen schrecklichen Verlust verarbeiten

So hat sich das Leben der Waisenkinder ein wenig normalisiert, wenn auch längst noch nicht alle Probleme gelöst sind. Die Unfallversicherung hat bis heute keinen Cent bezahlt, und der Schadensersatz, zu dem der Unfallverursacher verpflichtet ist, steht auch noch aus. „Viel wichtiger ist jedoch, dass die Kinder jetzt endlich wieder durchschlafen“, sagt Ersatzmama Romy. “Auch weinen sie nicht mehr so oft. Sie sind dabei, den schrecklichen Verlust ihrer Eltern zu verarbeiten und ein Leben ohne sie anzunehmen.“

Mittlerweile ist das alte Haus der Familie ausgeräumt, es soll abgerissen, ein neues Haus soll gebaut werden. Bis das fertig ist, sind die drei Jungs mit Tante Romy in einer Ersatzwohnung im Dorf untergekommen. Fast täglich bekommen sie Besuch von ihren großen Geschwistern, die allesamt in der näheren Umgebung wohnen. So macht die älteste Schwester Jennifer regelmäßig mit Erstklässler Christoph (8) Hausaufgaben. „Vieles, was früher die Eltern gemacht haben, machen heute eben die älteren Geschwister“, sagt die 30-Jährige. „Dafür sind wir doch eine Familie.“

Nach den Schularbeiten sausen die Jungs zusammen auf den gespendeten Mountain-Bikes über die hügeligen Wege des Dorfes. Dann sind sie unbekümmert, wie Kinder sein sollen. Dass dies so ist, haben sie Bürgermeister Sell und einer Dorfgemeinschaft zu verdanken, die die Familie in den schwersten Stunden nicht im Stich gelassen hat.

Unfallursache bis heute ungeklärt

Bis heute ist unklar, wie es zu dem schrecklichen Unfall kommen konnte, und warum der Kurierfahrer auf die Gegenseite geraten ist. Gutachter haben keinen technischen Defekt festgestellt, auch Alkohol oder Drogen waren nicht im Spiel. Der  25-jährige Unfallverursacher drückt vor Gericht zumindest sein Bedauern aus. Wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung wird er zu einer Haftstrafe von einem Jahr Haft auf Bewährung und einem 6-monatigen Führerscheinentzug verurteilt.

rex.schober@brandzeilen.de

 

 

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Wir möchten die Waisen finanziell unterstützen. Helfen Sie uns dabei!

Die Gemeinde Pottiga hat für die Familie Kipsch ein Spendenkonto eingerichtet. Es handelt sich um ein Verwahrkonto, das als Unterkonto der Gemeinde eingerichtet wurde. Die Gemeinde stellt sicher, dass die Spendengelder zu einhundert Prozent den Hinterbliebenen zu Gute kommen.

Spendenkonto

Kontonummer: 100 609 250

Empfänger: Familie Kipsch

Raiffeisenbank Berg-Bad Steben, BLZ 770 698 36

IBAN: DE47 7706 9836 0100 6092 50 

Interview


Wolfgang Sell, ehrenamtlicher Bürgermeister von Pottiga

Welche Probleme kamen nach dem Unfall auf die Familie zu?

Aufgrund der ungeklärten Erbfolge und verschiedener andere Dinge gab es Überlegungen des Jugendamtes, die Kinder in verschiedenen Familien unterzubringen. Wenn Kinder das Schlimmste erleben müssen, was sie erleben können, das ist der Tod der eigenen Eltern und auch noch alles mitansehen mussten, dann darf man diese KInder nicht noch auseinanderreißen. Schlimmer kann es nicht kommen.

Wie gelang es, so starke Hilfe zu bekommen?

Wir haben in der Gemeinde eine Arbeitsgruppe gegründet, den Fall an die Öffentlichkeit gebracht. Mit der so geweckten Aufmerksamkeit konnten wir Spenden einwerben. Das hat sehr geholfen.

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