„Die Zeit heilt keine Wunden“

Von Frank Jürgensen

Kategorien: Schicksale


Datum: 19.06.2015

Regelmäßig gibt Rudi B.(78) Traueranzeigen in Tageszeitungen auf. Sie sollen daran erinnern, dass seine Tochter Erika (†21) 1982 ermordet wurde. Während der Täter schon nach acht Jahren freikam, zerbrachen die Eltern des Mordopfers am Verlust des Kindes. Erikas Mutter verlor jeglichen Lebenswillen, sie starb an gebrochenem Herzen. Seitdem ist der Vater mit seinem Schmerz ganz allein. Auf BrandZeilen.de erzählt Rudi Beyerer seine traurige Geschichte.

„Die Zeit heilt keine seelischen Wunden“, heißt es in einer Traueranzeige, die Jahr für Jahr in sämtlichen Münchner Tageszeitungen erscheint. Aufgegeben von einem Mann, dem das Liebste auf der der Welt genommen wurde, und der nicht vergessen kann, was seiner Tochter angetan wurde. Es sind erschütternde Worte an den Mörder seiner Tochter, dem Rudi Beyerer auch Jahrzehnte nach dem schrecklichen Verbrechen keine Ruhe lassen will. „Die Anzeige soll ihn immer wieder daran erinnern, was er angerichtet hat“, sagt der 78-Jährige aus dem bayerischen Taufkirchen, während er auf ein Bild seiner ermordeten Tochter Erika starrt.

In jedem Zimmer seines Hauses hat Rudi Beyerer ein großes Fotos seiner einzigen Tochter aufgehängt. „So schaut sie mich immer an, egal, wo ich mich im Haus aufhalte“, sagt der Malermeister leise. Dreiunddreißig Jahre sind seit dem Tag vergangen, an dem seine geliebte Tochter auf bestialische Weise umgebracht wurde, aber bis heute hat Rudi Beyerer den Schmerz nicht überwunden. Es fühlt sich an, als würde eine zentnerschwere Last auf seinem Brustkorb liegen und ihm die Luft zum Atmen nehmen. Rudi Beyerer weiß, dass dieses Gefühl immer da sein wird, solange sein Herz noch schlägt.

Geblieben sind die Erinnerungen an sein einziges Kind, dessen Leben so hoffnungsvoll begann. Erika hatte eine Banklehre gemacht, die bildhübsche junge Frau, die nebenbei modelte und gerne tanzen ging, genoss ihr junges Leben. Als sie in einer Disco Günter P. (Name geändert) kennenlernte, glaubte sie an die große Liebe. Doch schon bald kam die Ernüchterung. Der zwei Jahre ältere Mann war rasend eifersüchtig, und weil er zockte, lag er Erika bald nur noch auf der Tasche. „Meine Tochter wollte sich von ihm trennen und wieder in die Einliegerwohnung in unserem Haus ziehen“, erzählt ihr Vater, der sein Kind am Neujahrstag 1982 zum letzten Mal lebend sah. Vier Tage später kam es in Erikas Wohnung im Münchner Stadtteil Unterhaching zur Katastrophe

Den Schädel zertrümmert, die Wohnung in Brand gesetzt

Günter P. schlich sich in Erikas Schlafzimmer und zertrümmerte ihr mit einem schweren Reifenmontiereisen den Schädel. Weil sie sich noch rührte, setzte er sich auf sie und erwürgte sein hilfloses Opfer. An den Beinen schleifte er die Leiche ins Badezimmer, um sie in der Wanne ausbluten zu lassen. Anschließend schleppte er sie zurück ins Bett und legte im Schlafzimmer Feuer, um die Spuren seines Blutbades zu verwischen. Dann machte er sich aus dem Staub.

Für Erikas Eltern brach eine Welt zusammen, als sie am nächsten Tag erfuhren, was der Freund ihrem Kind angetan hatte. Nie wird Rudi Beyerer den Augenblick vergessen, als seine Frau Doris gegen die Türe trommelte und immer wieder schrie, „unsere Erika ist tot, unsere Erika ist tot!“. „Sie hatte sich Sorgen gemacht und war zu ihrer Wohnung gefahren“, berichtet er. „Als sie dort eintraf, hatte die Feuerwehr gerade die Leiche unserer Tochter geborgen. In diesem Augenblick war auch unser Leben zerstört.“

Sehr schnell fiel der Verdacht auf Günter P. der sich drei Tage später bei der Polizei stellte und wegen Mordes angeklagt wurde. Doch vor Gericht gab er an, dass er Erika im Affekt aus Eifersucht getötet habe und zudem betrunken gewesen sei. Weil das Gericht ihm dies nicht widerlegen konnte, bekam er statt einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe nur elf Jahre wegen Totschlags und Brandstiftung. Doch schon nach acht Jahren war Günter P. ein freier Mann. Ein Schlag ins Gesicht für Erikas Eltern, die den Ermittlungsbehörden schwere Versäumnisse vorwarfen und nie ein Wort der Entschuldigung von Günter P. zu hören bekamen.

Die Mutter starb an gebrochenem Herzen

„Wenn dieses grausame und brutale Verbrechen an unserer Tochter kein Mord war, was ist dann Mord?“, fragt Rudi Beyerer. „Wie viele andere Mörder hat man auch ihn schon nach ein paar Jahren in die Freiheit entlassen, ohne dabei zu bedenken, dass die Angehörigen der  Opfer lebenslang leiden müssen.“

Tapfer ertrugen die trauernden Eltern ihr schweres Schicksal, sie gewöhnten sich an den permanenten Schmerz und die nicht heilenden Wunden auf ihrer Seele. „Ich hatte ja durch meinen Malerbetrieb immer ein wenig Ablenkung“, sagt Rudi Beyerer, „aber meine Frau ist an dem Schmerz und an er Trauer kaputt gegangen. Sie hat jeglichen Lebensmut verloren, sie hat das Haus nach dem Mord an unserem Kind nie mehr verlassen. Die Jahre gingen dahin, Erikas Schulfreundinnen heirateten, sie bekamen Kinder. Unser Haus aber blieb still. Dabei hatten wir uns immer lachende Enkelkinder gewünscht.“

Doris Beyerer wurde schwer krank. Das Herz, die Nerven und epileptische Anfälle machten ihr zu schaffen. Als sie nach einem Sturz mehrmals operiert werden musste, wurde sie nicht mehr gesund. „Sie wollte nicht mehr, sie hatte keine Kraft und keinerlei Lebenswillen mehr, ein paar Tage nach Erikas 25.Todestag ist meine Doris mit nur 67 Jahren an gebrochenem Herzen gestorben“, sagt Rudi Beyerer, der in ihren letzten Stunden am Bett seiner Frau saß und ihre Hand hielt, bis sie eingeschlafen war.

„Der Mörder soll immer daran denken“

Seitdem ist der 78-Jährige ganz allein, nach wie vor bestimmen Trauer und Schmerz seinen Alltag. Um ein wenig Ablenkung zu haben, suchte er den Kontakt zu Menschen, die ein ähnliches Schicksal wie er erleiden mussten. Rudi Beyerer arbeitete viele Jahre ehrenamtlich für die Hilfsorganisation WEISSER RING, um Angehörigen von Verbrechensopfern mit Rat und Tat und Trost zur Seite zu stehen.

Bis heute geht Rudi Beyerer jeden Tag ans Grab der beiden Menschen, die ihm alles im Leben bedeutet haben und über deren Verlust er nicht hinwegkommt. „Besonders schwer ist es an Weihnachten und an den Geburtstagen von Erika und meiner Frau“, erzählt er. „Ganz schlimm ist es jedes Mal an Erikas Todestag. Einmal bin ich an diesem Tag nach Haar gefahren, wo Erikas Mörder mit seiner  Familie lebt“, berichtet Rudi Beyerer. „Ich habe Zeitungsartikel von damals kopiert und in die Briefkästen der Nachbarschaft gesteckt. Ich wollte, dass seine Familie und alle in seinem Umfeld wissen, was er mit meiner Tochter gemacht hat, und was für ein Monster dieser Mann ist.“

frank.juergensen@brandzeilen.de

 

 

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Info


Hilfsorganisation WEISSER RING

Der WEISSE RING ist Deutschlands größte Opferhilfeorganisation. Seit 35 Jahren hilft der WEISSE RING Opfern von Kriminalität und Gewalt. Die Betroffenen können sich an mehr als 3.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in 420 Anlaufstellen im gesamten Bundesgebiet wenden.

Die Hilfe erfolgt schnell und unbürokratisch durch menschlichen Beistand und persönliche Betreuung nach der Straftat, Hilfestellung im Umgang mit Behörden, finanzielle Zuwendungen zur Überbrückung der Tatfolgen und vieles mehr.

Der WEISSE RING erhält die Mittel für seine Arbeit aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Nachlässen und Vermächtnissen sowie Zuweisungen von Geldbußen und wird in zunehmendem Maße auch durch Erbschaften und Stiftungen gefördert.

Viele pensionierte Kriminalbeamte sind ehrenamtlich für den WEISSER RING tätig.


Kontakt:

WEISSER RING e. V.
Weberstraße 16
55130 Mainz

Internet: www.weisser-ring.de

Email: info@weisser-ring.de

Bundesweites kostenfreies Opfer-Telefon: 116 006

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