„Mir bleibt nur die quälende Ungewissheit“

Von Edgar Schneider

Kategorien: Vermisst, Schicksale


Datum: 22.06.2015

Auf den ersten Blick sah alles nach einem Suizid aus, als sein Auto nachts verlassen auf der Holtnenauer Hochbrücke in Kiel aufgefunden wurde. Doch hat sich Florian Krüger tatsächlich aus Liebeskummer von der Brücke in den Nord-Ostsee-Kanal gestürzt? Oder hat er seinen Freitod nur vorgetäuscht, um irgendwo ein neues Leben zu beginnen? Davon ist zumindest seine Mutter überzeugt. Denn eine Leiche wurde trotz aufwändiger Suchmaßnahmen nie gefunden. BrandZeilen.de berichtet über einen mysteriösen Vermisstenfall.

„Hätten wir doch bloß ein einziges Lebenszeichen von unserem Jungen“, sagt Marion Krüger leise. Tränen laufen über ihre Wangen, in der Hand hält die 49-jährige ein Foto ihres  jüngsten Sohnes Florian. Der heute 25-Jährige verschwand in der Nacht zum 26.11. 2011 auf mysteriöse Weise. Und seit diesem Tag lebt seine Familie zwischen Hoffen und Bangen.„Mir bleibt nur die quälende Ungewissheit“, sagt die verzweifelte Mutter, „seit Florian weg ist, gibt es keine Lebensfreude mehr, unser Leben ist zu einem einzigen Albtraum geworden.“

Fast jeder im schleswig-holsteinischen Bordesholm kannte Florian, den Sonnyboy. In den Clubs in der Umgebung legte er Platten auf, er stand mit der Gitarre schon auf diversen Bühnen, er hatte einen großen Freundeskreis. Schon in der Schule war er der Schwarm aller Mädchen, doch Florian fühlte sich zu Männern hingezogen. „Als er sechzehn war, hat er mir gebeichtet, dass er schwul ist“, erzählt seine Mutter. „Doch das wussten nur die Familie und seine engsten Freunde.“

Sein plötzliches Verschwinden schien etwas mit seiner kriselnden Beziehung zu einem jungen Mann zu tun zu haben, mit dem er seit etwa einem .Jahr zusammen war. „Kevin hat Schluss gemacht, das Leben hat für mich keinen Sinn mehr“, so lautete die SMS, die von Florians Handy an einen Arbeitskollegen geschickt wurde. Es lag in seinem silberfarbenem Audi A3, der am frühen Morgen des 26.11. 2011 verlassen und mit eingeschalteter Warnblinkanlage auf der Holtenauer Hochbrücke in Kiel aufgefunden wurde. Ein zufällig vorbeifahrender Rettungswagen hatte das fahrerlose Fahrzeug entdeckt und die Polizei alarmiert. Doch trotz einer sofort eingeleiteten Suchaktion gab es von Florian keine Spur.

Suizid oder vorgetäuschter Suizid?

Marion Krüger brach mit einem Schock zusammen, als sie von den Umständen des Verschwindens ihres Sohnes am nächsten Morgen erfuhr. „Ihr Sohn ist von der Brücke gesprungen, es gibt eine Abschieds-SMS“, hatte ihr ein Polizist eröffnet. Die Kripo ging davon aus, dass Florian tot war. Einen Sprung von der 42 Meter hohen Brücke, so ihre Einschätzung, hätte er nicht überlebt.

Eine Version, an die Marion Krüger bis heute nicht glaubt. Nicht zuletzt weil Florians Lieblingsgroßeltern direkt am Ufer des Nord-Ostsee-Kanals wohnen. „Von der Stelle, wo sein Auto stand, konnte er praktisch in ihr Wohnzimmer schauen“, erklärt seine Mutter. „Von dort in den Tod zu springen, hätte er ihnen nie und nimmer  angetan.“

Da die Kripo davon ausging, dass Florian nicht mehr lebt, stellte Marion Krüger eigene Recherchen an. Sie gab über facebook eine Vermisstenanzeige auf und engagierte zwei Tage nach Florians Verschwindens einen Hundeführer, der sich mit einem Mantrailer, einem Personenspürhund, auf die Suche nach ihrem verschwundenen Sohn machte. Anhand eines getragenen T-Shirts aus dem Besitz von Florian erschnüffelte der Hund seine Spur: Sie führte von der Stelle, an der man sein Auto gefunden hatte, auf der Brücke zurück zu einem Treppenweg, der hinunter zur Uferstraße führt. Dort endete die Spur.

Zeugen wollen den Vermissten in Berlin und Hamburg gesehen haben

Und es gibt weitere Indizien dafür, dass Florian einen Suizid nur vorgetäuscht hat. Dass er seinen Freund, der sich von ihm getrennt hatte, damit strafen wollte und dass er ihn leiden sehen wollte. „Selbst sechs Tage nach seinem Verschwinden war Florian mit seinem Nickname noch in einem Schwulenforum im Internet online“, weiß seine Mutter, die nicht davon ausgeht, dass eine andere Person seine Zugangsdaten hatte. „Seine Kennwörter hat er nie jemandem verraten. Leider hat der Betreiber auf meine Nachfrage hin Florians Account dann sofort gelöscht.“

Zudem gab es immer wieder Zeugen, die sicher waren, Florian nach seinem spurlosen Verschwinden noch gesehen zu haben. Mal in Hamburg in einer Schwulenbar, mal in Berlin am Hauptbahnhof, in Pinneberg und in Duisburg. „Ich bin all diesen Spuren nachgegangen und auch überall hingefahren“, erzählt Marion Krüger. Sie verteilte Flyer mit Florians Foto und klebte in Hamburg und Berlin Suchplakate. Doch das erhoffte Lebenszeichen erhielt sie bis heute nicht.

So ist nach wie vor unklar, was in jener Novembernacht auf der Holtenauer Hochbrücke geschah. Sprang Florian wirklich aus Liebeskummer von der Brücke in den Tod? Doch wo ist dann seine Leiche? Oder hat er seinen Freitod tatsächlich nur vorgetäuscht? Kam es auf der Hochbrücke womöglich zu einem Zusammentreffen mit einem Unbekannten, das tödlich endete? Wurde Florians Leiche dann den Treppenweg hinunter geschleift und woanders entsorgt? Stammte die ominöse Abschieds-SMS demnach gar nicht von Florian, sondern von seinem Mörder, der einen Suizid vortäuschen wollte, um von einem Verbrechen abzulenken? Fragen über Fragen, auf die es bislang keine sicheren Antworten gibt.

Seit Florians Verschwinden geht die Mutter durch die Hölle

„Bislang gibt es zumindest keinerlei Anzeichen für eine Straftat“ so der Sprecher der zuständigen Polizeidirektion Kiel, Matthias Arends, gegenüber BrandZeilen.de. „Da es jedoch trotz mehrfacher Absuchen des Nord-Ostsee-Kanals, bei denen auch Taucher und Spürhunde zum Einsatz kamen, keine einzige Spur des Vermissten gibt, können wir nach wie vor auch ein freiwilliges Verschwinden nicht ausschließen.“

Und solange man keine Leiche findet, gibt Marion Krüger die Hoffnung nicht auf, ihren Sohn lebend zurückzubekommen. „Florian ist erwachsen, er kann sein Leben führen wie und wo er will“, sagt sie. „Niemand wird ihm einen Vorwurf machen, aber wir brauchen unbedingt ein Lebenszeichen. Wir müssen wissen, was auf der Hochbrücke passiert ist, und ob Florian wirklich noch lebt. Unsere Gedanken drehen sich von früh bis spät nur um ihn und um die Frage, was auf der Brücke passiert ist. Wir gehen hier durch die Hölle. Florian, bitte, bitte melde dich!“

edgar.schneider@brandzeilen.de

 

 

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Info


Florian Krüger wird seit November 2011 vermisst

Wer hat Florian Krüger nach dem 26.11.2011 gesehen oder kann Angaben zu seinem jetzigen Aufenthaltsort machen? Florian Krüger ist heute 25 Jahre alt, ca. 175 Zentimeter groß und schlank. Auffällig sind eine Brandnarbe im Nacken und eine Zahnlücke zwischen den oberen Schneidezähnen.

Wer hatte zu Florian Krüger im Internet Kontakt und wurde bislang noch nicht von der Polizei befragt? Unter dem Nickname flotze666 war er regelmäßig bei www.funkyboys.com unterwegs.


Weitere Infos zu Florian Krüger finden Sie auf der Homepage, die seine Mutter für ihn eigerichtet hat: www.florian-krueger-vermisst.de


Sachdienliche Hinweise nehmen die Polizeidirektion in Kiel unter der Telefonnummer 0431 1600 und jede andere Polizeidienststelle entgegen.

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