Nach den Tränen kam die Liebe

Von Niels Pauls

Kategorien: Happy End, Schicksale


Datum: 03.07.2015

Volkhard aus Brandenburg wartet auf ein Spenderherz und bekommt Kontakt zu Hildegard in Limburg, die ebenfalls ein Spenderorgan benötigt. Sie tauschen sich aus und machen sich gegenseitig Mut. Hildegard bekommt zwar ein Spenderherz, doch sie stirbt kurz nach der Transplantation. Auch Volkhard stirbt. Seine Witwe Jaqueline und Witwer Georg bleiben in Kontakt, sie geben sich in ihrer Trauer gegenseitig Kraft. Es folgt ein erstes Treffen, sie verlieben sich ineinander und sie heiraten. Eine Geschichte mit Happy-End, bei der wohl zwei Tote im Himmel Regie geführt haben. BrandZeilen.de hat das Paar im hessischen Limburg besucht.

Sie strahlen Lebensfreude und Zuversicht aus, unerschütterlich glauben sie an die Kraft der Liebe und die glücklichen Fügungen des Schicksals. „Unsere Geschichte könnte glatt aus der Feder eines Drehbuchautors stammen“, sagt Georg Hartung (55), während er seine Jacqueline(51) liebevoll in den Arm nimmt. Beide verloren ihre Ehepartner durch schwere Krankheiten. Beide fühlten sich in ihrer schier endlosen Trauer einsam und allein. Doch es gab für sie ein Happy - End. „Aber die Regie“, sagt Jacqueline, „haben mit Sicherheit unsere Verstorbenen im Himmel geführt.“

Die Geschichte beginnt mit einer Zeitungsannonce. „Suche Kontakt zu Herzkranken, die ein Spenderorgan bekommen haben oder auf ein neues Herz warten“, heißt es in dem Aufruf einer Jaqueline aus Schwarzheide in Brandenburg. Bei ihrem Ehemann Volkhard hat man nach einem Zusammenbruch eine lebensgefährliche Verengung der Hauptschlagader diagnostiziert. Nur ein Spenderherz, so die Einschätzung der Ärzte, kann sein Leben noch retten.

Auf die Anzeige meldet sich eine Hildegard aus dem sechshundert Kilometer entfernten Limburg. „Meine Frau litt an einem angeborenen Herzfehler“, erinnert sich Georg Hartung. „Ihr Zustand hatte sich im Laufe der Jahre immer weiter verschlechtert. Als sie auf die Annonce antwortete, wartete sie schon zehn Jahre auf ein passendes Spenderherz.“

Tod nach Herztransplantation

In der Folgezeit telefonieren die Todkranken fast täglich miteinander. „Obwohl es ihr selbst äußerst schlecht ging, und ihr Leben immer an einem seidenen Faden hing, hat sie meinem Mann stets Mut gemacht und ihn aufgemuntert“, berichtet Jacqueline. „Und sie erzählte ihm auch, wie aufopferungsvoll sich ihr Mann Georg schon seit Jahren um sie kümmert.“

Als dann die erlösende Nachricht kommt, dass in Hannover ein passendes Herz und eine Lunge für Hildegard zur Verfügung stehen, scheint sich für die Hartungs alles zum Guten zu wenden. Doch das Glück währt nicht lange. „Nach der Transplantation gab es Komplikationen. Meine Hille kam nicht mehr auf die Beine, drei Monate nach der Transplantation starb sie an Nierenversagen.“

Georg Hartung fällt nach dem Tod seiner Frau in ein tiefes seelisches Loch. „Wir waren neunzehn Jahre glücklich verheiratet“, sagt der Schlosser, „wenn man seine Frau so früh verliert, gibt es keinen Trost. Es war, als ob ein Teil von mir gestorben wäre.“

Sie geben sich in der Trauer gegenseitig Kraft

Zwei Wochen später meldet sich Jacqueline bei ihm, um sich nach Hildegard zu erkundigen. „Sie ist gestorben“, war alles, was der Witwer unter Tränen herausbringt.

Drei Monate später fällt Jaqueline in tiefe Trauer. Die Hoffnung auf ein Spenderherz für ihren kranken Mann Volkhard hat sich nicht erfüllt. Auch er stirbt.  Auch für sie scheint das Leben nach dem Tod des geliebten Mannes keinen Sinn mehr zu haben. „Ich wollte nicht mehr leben, ich habe Tag und Nacht nur noch geweint“, erinnert sich Jacqueline an die für sie so schwere Zeit. Auch als Georg anruft und sie ihm vom Tod ihres Mannes berichtet, schämt sie sich ihrer Tränen nicht. Sie hält ihre Gefühle nicht zurück. Denn wer könnte ihren Seelenzustand besser verstehen als Georg?

Von diesem Tag an telefonieren sie fast täglich miteinander, geben sich in ihrer Trauer gegenseitig Kraft. „Obwohl wir uns vorher nie gesehen hatten, verspürten wir eine unbeschreibliche Vertrautheit“, sagt Jacqueline. Vier Monate nach Volkhards Tod sprechen sie erstmals über ein persönliches Treffen. „Ich habe mich kurzerhand ins Auto gesetzt und bin sechshundert Kilometer weit zu Jaqueline“, berichtet Georg.

Ihre Liebe empfinden sie nicht als Verrat

Einen Monat später sind die beiden ein Paar. „Nach all den Jahren, in denen Krankheit und der Gedanke an den Tod des Ehepartners unser Leben bestimmten, war es ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt Jaqueline. „Selbst einen kleinen gemeinsamen Spaziergang haben wir als großes Glück empfunden.“

Für beide war es das erste Mal nach fast zwanzig Jahren, dass sie einen anderen Menschen in den Arm nahmen und küssten. Aber sie schämten sich ihrer Gefühle füreinander nicht. Auch empfanden sie ihre Liebe nicht als Verrat an ihren verstorbenen Ehepartnern. Sie erinnerten sich die Worte ihrer Verstorbenen: “Vergiss mich nicht - aber bleibe bitte nicht allein, wenn ich nicht mehr bin!“

Sechs Monate nach ihrem ersten Treffen geben sich Jacqueline und Georg das Jawort. Nach allem, was beide durchgemacht haben, gibt es niemanden, der ihnen ihr Glück nicht gönnt. Zumal beide sich bis zur letzten Minute aufopferungsvoll um ihre todkranken Ehepartner gekümmert haben. Jacqueline gibt in Schwarzheide alles auf, um in Limburg an der Seite ihren zweiten Mannes ein neues Leben zu beginnen.

„Unser Leben ist seitdem wieder lebenswert, wir freuen uns über jeden Tag, den wir miteinander verbringen“, sagen beide. Ihre verstorbenen Ehepartner werden sie trotzdem nie vergessen. Im Wohnzimmer ihres Hauses haben die Fotos von Volkhard und Hildegard einen Ehrenplatz. „Sie werden für immer in unseren Herzen weiterleben“, sagt Jacqueline. „Schließlich hätten wir uns ohne sie nie kennengelernt. Nur ihnen verdanken wir unser neues, großes Glück.“

niels.pauls@brandzeilen.de

 

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