„Weil der Hausnotruf nicht funktionierte, musste meine Mutter hilflos sterben“

Von Niels Pauls

Kategorien: Schicksale


Datum: 27.11.2015

Trotz ihres hohen Alters versorgte sich Charlotte O. aus Rendsburg noch selbst. Für Notfälle hatte sie beim DRK einen Hausrufnotdienst abonniert, über den sie per Knopfdruck Hilfe organisieren konnte. Doch als die alte Dame nach einem Schwächeanfall den Notruf bediente, landete sie in der Warteschleife und starb hilflos in ihrer Wohnung einen qualvollen Tod.  Recherchen gaben, dass der tragische Tod der alten Dame aufgrund eines nicht funktionierenden oder überlasteten Hausnotrufsystems kein Einzelfall ist. So erhebt dann die Familie der Verstorbenen auch schwere Vorwürfe gegen das DRK, den Betreiber des Hausrufnotsystems, mit dem Jahr für Jahr Millionen verdient werden. BrandZeilen.de deckt auf.

Der Hausnotruf sollte Charlotte Ortmann Sicherheit geben, doch er wurde der alten Dame zum Verhängnis: Die 104-Jährige aus dem schleswig-holsteinischen Rendsburg lag nach einem Schwächeanfall hilflos und bewegungsunfähig in ihrer Wohnung. Weil der Notruf nicht funktionierte, starb sie einen qualvollen Tod. Sohn Horst ist voller Trauer und Wut. „Meine Mutter hat dem System vertraut und das hat sie ihr Leben gekostet“, sagt der 72-jährige pensionierte Gymnasiallehrer.

Trotz ihres fast schon biblischen Alters war Charlotte Ortmann noch fit - vor allem geistig. Sie liebte das Klavier spielen und das Stricken, sie bewältigte noch mühelos den Weg zum Supermarkt und zurück in ihre Wohnung im fünften Stock, die sie noch selbst blitzsauber hielt. Sogar ihre jährliche Steuererklärung machte Charlotte Ortmann noch selbst, gesund leben, in guten wie in schlechten Zeiten immer nach vorne schauen und dabei nie den Humor verlieren, war das Lebensmotto der Seniorin, für die Krankheit immer ein Fremdwort war.

  „Solange ich mich noch selbst versorgen kann, möchte ich in meiner gewohnten Umgebung und in meinen eigenen vier Wänden und mit dem wunderbaren Blick auf die Eisenbahnbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal bleiben“, pflegte sie immer zu sagen, sobald ihre beiden Söhne auf das Thema „Probleme im Alter“ zu sprechen kamen. „Wir haben den Wunsch unserer Mutter nach einem autarken Leben respektiert, aber wir haben schon 2005 dafür gesorgt, dass sie sich für den Fall aller Fälle ein sogenanntes Hausrufnotsystem zulegt“, erzählt Horst, der mit seiner Frau Maria(65) in der Nähe von Flensburg wohnt und seine Mutter regelmäßig besuchte.

Mit dem Hausnotruf werden Millionen verdient

 Sie schloss einen Vertrag mit dem DRK ab, knapp 500 Euro pro Jahr zahlte Charlotte Ortmann an das Deutsche Rote Kreuz für ein Notrufsystem, mit dem für den Notfall "sichere und schnelle Hilfe" versprochen wurde. Seriösen Schätzungen zufolge haben die Hilfsorganisationen mehr als 350.000 solcher Verträge abgeschlossen, was ihnen Jahr für Jahr mehr als 12 Millionen Euro einbringt...

Bei diesem System wird der bestehende Telefonanschluss technisch ergänzt. Die Kunden erhalten einen wasserdichten „Funkfinger“, der am Armband oder um den Hals getragen wird. Im Notfall, auch im Falle eines Sturzes, soll ein Knopfdruck genügen, um automatisch eine Sprechverbindung mit der Notrufzentrale des DRK herzustellen. „Rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr, verspricht das DRK“, sagt Horst Ortmann mit Blick auf den bunten Werbeprospekt, mit dem die Hilfsorganisation auf Kundenfang geht. „In der Notrufzentrale sitzen angeblich gut geschulte Mitarbeiter, die sofort Hilfe veranlassen, und bis diese in der Wohnung eintrifft, bleiben die DRKler angeblich in der Leitung, um zu beruhigen und mit Worten zu trösten. Mit Wissen von heute ist das für mich ein einziger Hohn.“

Sein schlimmer Verdacht: dass in der Zentrale weniger Mitarbeiter beschäftigt werden, als es die große Anzahl der Kunden erfordern würde, und dass Notrufe daher gar nicht alle persönlich angenommen werden können sondern irgendwo in Warteschleifen oder im virtuellen Raum landen und DRK-Kunden schlimmstenfalls dann während des Wartens auf Hilfe versterben.

Sie starb einen einsamen Tod

Wie Charlotte Ortmann. „Mein Bruder Peter war am Abend vor ihrem tragischen Tod noch bei unserer Mutter“, berichtet Horst Ortmann, „als er sich am frühen Abend von ihr verabschiedete, hatte sie es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer mit ihrer Decke gemütlich gemacht. Den Notrufknopf trug sie wie immer um den Hals."

Als seine Mutter am nächsten Morgen telefonisch nicht zu erreichen war, machte sich Peter Ortmann voller Sorge auf den Weg zu ihr. „Als ich die Wohnung aufschloss, erlebte ich den absoluten Horror", sagt Peter Ortmann(74). „Auf dem Sofa lag meine tote Mutter so, wie ich sie am Abend zuvor verlassen hatte, und aus dem Schlafzimmer tönte die Ansage aus einer Endlosschleife, 'bitte bewahren Sie Ruhe, Hilfe ist unterwegs!'“ Erst dem alarmierten Notarzt - er konnte nur noch den Tod der alten Dame feststellen - gelang es, an der Basisstation das Band abzustellen.

  „Wir finden bis heute keine Worte für das, was unserer Mutter widerfahren ist“, sagt Horst Ortmann. „Die Vorstellung, dass sie bei vollem Bewusstsein den Notrufknopf bedient hat und möglicherweise bis zum frühen Morgen bewegungsunfähig auf Hilfe gewartet hat, aber immer nur die Bandansage gehört hat und darüber verstorben ist, ist einfach unerträglich.“ Zwar sprachen die Verantwortlichen des DRK den Angehörigen ihrer verstorbenen Kundin ihr „großes Bedauern hinsichtlich Ihres Verlustes" aus, aber eine nachvollziehbare Erklärung, warum das Notrufsystem nicht funktionierte und Charlotte Ortmann keine Hilfe erfuhr, erhielten sie nicht. „Im Gegenteil“, empört sich Horst Ortmann, „man behauptete tatsächlich, dass in der fraglichen Nacht gar kein Notruf in der Zentrale des DRK eingegangen sei und unterstellte sogar, dass die Telefonleitung unserer Mutter gestört gewesen wäre.“

Jetzt hat der Staatsanwalt das Wort

Auch gegenüber BrandZeilen.de  blieb das DRK bei dieser Version. „Zu denken ist an eine Leitungsstörung, die - als unglücklicher Zufall - eine Übermittlung verhindert hat“, meint Kai Tange, Vorstand des zuständigen DRK-Kreisverbandes Dithmarschen.

Eine Erklärung, der ein Sprecher des Herstellers des Notrufsystems jedoch widerspricht. „Sollte tatsächlich die Telefonleitung gestört sein, erfolgt in unseren Geräten die Ansage, dass die Telefonverbindung unterbrochen wurde“, so Dirk Püntmann, Marketingmanager der Firma Tunstall. Und auch die Telekom bestätigt, dass am besagten Abend im Haus keine Störung der Telefonleitung bestanden hat.

Doch handelt es sich hier tatsächlich um einen „bedauerlichen Einzelfall“, um eine Verkettung unglücklicher Umstände? Keineswegs, wie BrandZeilen- Recherchen ergaben. Nachfragen bei den unterschiedlichsten Sozialstationen bestätigten den Verdacht der Ortmanns, dass es tatsächlich sehr oft zu Störungen im Notrufsystem kommt, und dass die Zentrale nicht erreichbar ist.

Die Staatsanwaltschaft Kiel ermittelte wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Der schlimme Verdacht: Das DRK hat immer mehr gewinnbringende Notrufsystemverträge abgeschlossen, aber die Notrufzentralen auf die ständig gestiegene  Kundenzahl nicht adäquat ausgerichtet. Gegen eine zwischenzeitliche Einstellung des Verfahrens hatte die Familie Beschwerde beim zuständigen Generalstaatsanwalt eingelegt. „Es handelt sich hier um ein Millionengeschäft mit der Angst von alten, kranken und alleinstehenden Menschen vor einem Notfall. Da wird viel versprochen, aber nicht alles gehalten“, sagt Horst Ortmann. „Wir bestehen daher darauf, dass die Umstände des Todes unserer Mutter restlos aufgeklärt werden, die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden und mögliche Defizite im System sofort abgestellt werden. Das bringt uns zwar unsere verstorbene Mutter nicht zurück, aber es darf nie wieder vorkommen, dass ein Mensch hilflos stirbt, während ihm eine Bandansage verspricht, dass Hilfe unterwegs sei.“

niels.pauls@brandzeilen.de

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Info


Hausnotruf

Hausnotrufsysteme sollen Pflegebedürftigen, alten oder allein lebenden Menschern die Möglichkeit geben, sich in Notlagen schnell bemerkbar zu machen.Dazu wird ein bestehender Telefonanschluss technisch ergänzt.

Das System besteht aus einer Basisstation, die an das Telefon angeschlossen ist und eine äußerst empfindliche Freisprecheinrichtung enthält. Das Auslösen des Notrufs erfolgt übereinen Funksender, den so genannten Funkfinger, der am Handgelenk oder um den Hals getragen wird.

In einer rund um die Uhr besetzten Notrufzentrale, in der sämtliche persönlichen Daten der Kunden hinterlegt sind,  wird der Notruf von einem Mitabeiter persönlich angenommen. Er leitet alles Notwendige in die Wege und hält bis zum Eintreffen von Hilfe über die Telefonleitung den Kontakt mit dem Hilfesuchenden.


Den Service Hausnotrufsysteme lasen sich die Anbieter teuer bezahlen, er ist zu einem MIllionengeschäft, hauptsächlich für die großen Hilfsorganisationen wie DRK oder Johanniter, geworden. Mehr als 500.000 Verträge wurden bereits abgeschlossen.

Die Verträge sind unbefristet, die Nutzer zahlen neben einer einmaligen Anschlussgebühr monatlich eine Nutungsgebühr zwischen € 30,00 und € 50,00


Weitere Infos zum Thema bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen unter www.vz-nrw.de

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