„Warum musste Mama sterben?“

Von Rex Schober

Kategorien: Ärztepfusch, Schicksale


Datum: 27.04.2015

Es begann als scheinbar harmlose Grippe. Als es Julia S. (27) immer schlechter ging, und sie einen Notfalldienst aufsuchte, beruhigten sie die Ärzte. Wenige Tage später war die junge Mutter tot. Todesursache war eine zu spät erkannte Herzmuskelentzündung. Auf BrandZeilen.de erhebt ihr Mann Andreas (31) schwere Vorwürfe gegenüber den behandelnden Ärzten. Er verlangt eine lückenlose Aufklärung.

Der kleine Kevin (6), seine Schwester Diana (9) und Vater Andreas (31) verharren still vor dem mit Engeln  geschmückten Grab. Behutsam legt Diana einen großen Blumenstrauß, Kevin holt eine Vase mit Wasser. „Nein, da bitte nicht hintreten, da liegt doch meine Mama“, sagt der Junge und zeigt auf eine Hälfte des Doppelgrabes.

Diana schmiegt sich fest an ihren Vater, er streicht ihr über die blonden Haare. „Das Leben ist so ungerecht“, sagt die 9-jährige leise und starrt auf den Grabstein: „Julia Stroh. Geliebt und unvergessen.“ Die beiden Kinder haben ihre Mutter verloren, Andreas Stroh seine Frau. Ihr Tod kam plötzlich und völlig unerwartet. Musste die junge Mutter sterben, weil überforderte Ärzte versagten und eine falsche Entscheidung trafen?

Witwer Andreas sitzt am Wohnzimmertisch seiner Wohnung im ostwestfälischen Gütersloh. In den Blumenkästen auf dem Balkon blühen Geranien, unten auf dem Spielplatz toben seine Kinder. „Julia hat diesen Ort geliebt. Zu jeder Jahreszeit hat sie Fotos vom Balkon gemacht. Hier waren wir glücklich“, erzählt Andreas. Der Vorabeiter einer Gießerei spricht leise. Alles, was er sagt, klingt überlegt und sachlich. Dennoch spüren wir den Schmerz, der ihn seit dem tragischen Verlust seiner Frau quält. Seine Tränen kann er nicht zurückhalten.

Als im vorletzten Winter eine Grippewelle über das Land rollte, lagen auch die Strohs krank im Bett. Mutter Julia hatte es am schlimmsten erwischt. Ihr war ständig schlecht, sie fühlte sich zunehmend schwächer. Deshalb fuhr sie zusammen mit ihrem Mann Andreas spätabends noch ins nächstgelegene Krankenhaus. Sie landeten  beim 'Notfalldienst niedergelassener Ärzte'. Dass es sich nicht um die Notaufnahme der Klinik, sondern um eine so genannte Anlaufpraxis handelte, war dem Ehepaar in diesem Augenblick nicht bewusst.

Andreas Stroh erinnert sich: „Kaum hatte sich Julia im Warteraum auf einen Stuhl gesetzt, musste sie sich übergeben. Danach verlor sie das Bewusstsein, sie sackte zusammen, woraufhin man sie auf eine Liege bugsierte. Ein Arzt verabreichte ihr Infusionen. “ Dessen beruhigenden Worte hat Andreas bis heute im Ohr: „Das sind die Folgen einer Grippe, machen sie sich keine Sorgen, das ist alles normal. Machen sie ihrer Frau Zuhause einen starken Kaffee, damit der Kreislauf wieder in Schwung kommt. Morgen gehen sie dann mit ihr zu ihrem Hausarzt.“

Mit dieser beruhigenden  Diagnose fuhr das Ehepaar nach Hause, Julia legte sich auf die Couch. Doch noch in derselben Nacht verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch. „Sie war so schwach, dass sie beim Gang auf die Toilette erneut bewusstlos zusammenbrach“, erzählt Andreas mit stockender Stimme.  Die Schilderung der dramatischen Geschehnisse jener Nacht fällt ihm sichtlich schwer. „Ich habe daraufhin sofort über 112 den Rettungsdienst alarmiert. Zwei Sanitäter kamen, sie kontrollierten Julias Blutdruck und machten ein EKG. Sie verglichen die Werte mit denen vom Notfalldienst und waren sich sicher: 'Machen Sie sich keine Sorgen, das kommt von der Grippe. Ihre Frau hat viel Flüssigkeit verloren, beruhigen Sie sie und gehen Sie morgen mit ihr zum Hausarzt.' Einer der Sanitäter meinte dann noch, dass im ganzen Kreis ohnehin keine Klinikbetten zur Verfügung stünden, und meine Frau eh niemand aufnehmen könnte.“

Witwer Andreas ringt erneut um Fassung.: „Kurze Zeit später flüsterte meine Frau auf der Couch: 'Bring' mich ins Krankenhaus, sonst werde ich den morgigen Tag nicht mehr erleben'. Ich weiß nicht, ob sie eine Vorahnung hatte, aber ihr Zustand war in meinen Augen wirklich sehr kritisch, ich hatte unglaubliche Angst um sie. Ich zog sie an und schleppte sie zum Auto, denn sie konnte selbst schon nicht mehr laufen. Auf dem Weg zum Auto kollabierte sie mehrfach. Mit buchstäblich letzter Kraft schafften wir es am frühen Morgen schließlich in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Erst dort wurde Hilfe geleistet und ein Zimmer für sie organisiert. Ein Herzultraschall brachte dann sehr schnell die Gewissheit, dass offenbar ein Herzmuskel geschwollen war. Julia wurde daraufhin sofort mit Medikamenten versorgt.“

Es schien, dass die Ärzte ihren Zustand unter Kontrolle hatten, schon am Vormittag meinte sie, dass es ihr besser gehe, auch wenn sie noch müde sei und sich schwach fühle. Doch noch am Abend rief die Klink bei Andreas Stroh an. 'Wir müssen bei ihrer Frau eine Herzkatheder-Untersuchung machen!' Als ihr Mann in der Klinik ankam, spürte er sofort die Hektik auf der Station und im Zimmer seiner Frau. „Meine Julia wollte mir noch etwas sagen, aber sie brachte schon keinen Ton mehr heraus, sie hatte Schaum vor dem Mund“, erinnert sich Andreas Stroh mit Schrecken. „Man sagte mir, dass der Zustand meiner Frau äußerst kritisch sei, und sie in das Herzzentrum Bad Oeynhausen verlegt werden müsste.“

Die Ereignisse überschlugen sich. Ehemann Andreas, der im Rettungswagen mitfahren durfte, musste mit ansehen, wie seine Frau von einem Notarzt mehrmals reanimiert wurde. Dazu musste der Notarztwagen immer wieder anhalten, so dass sie erst gegen Mitternacht das Herzzentrum erreichten. Dort wurde Julia Stroh an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, ihr Herz hatte nicht mehr die Kraft, von alleine zu schlagen. „Nachdem man ihr in einer sechsstündigen Operation zwei Herzpumpen implantiert hatte, keimte noch einmal Hoffnung in mir auf“, berichtet Andreas Stroh. „Ich habe inständig gebetet, dass sie überleben möge.“

Vergebens. Seine Gebete wurden nicht erhört. „Die Ärzte erklärten mir dann ganz ruhig Julias Zustand und eröffneten mir, dass ich mit dem Schlimmsten, also ihrem Tod rechnen müsste“, so der Ehemann. Als er am nächsten Tag wieder zu ihr fuhr, hatte sich ihr Zustand noch einmal verschlechtert. „Ich saß an ihrem Bett und konnte zusehen, wie ihr Blutdruck rapide fiel und der Puls immer schwächer wurde. Dann holte man mich aus dem Zimmer. Da war mir bewusst, dass meine Frau gestorben war. Julias Leben erlosch gegen 22:40 Uhr.

Zuhause schliefen die Kinder Kevin und Diana. Wie sollte der Vater ihnen die traurige Nachricht überbringen? „Ich habe bis zum Morgen gewartet. Als ich ihnen erklärt habe, dass ihre Mama im Krankenhaus gestorben ist, hat Diana ganz laut geschrien und den ganzen Tag lang bitterlich geweint. Es gab keinerlei Trost. Diesen Tag werde ich in meinem Leben nie mehr vergessen. Alles war so unendlich traurig.“

Doch warum musste die junge Mutter sterben?

Ging die kranke Julia im Krankenhaus nur durch die falsche Tür? Kostete sie dies das Leben? Wäre ihr Tod vermeidbar gewesen, wenn sie in der Notaufnahme der Klinik gelandet wäre und sich dort vorgestellt hätte?

Patientenanwalt Dr. Peter Gellner (47) aus Verl.: „Wir sind überzeugt, dass Frau Stroh nicht verstorben wäre, wenn bei der ersten Vorstellung in der Klinik eine ordnungsgemäße Diagnostik erfolgt und die Herzmuskelentzündung erkannt worden wäre. Wir werden daher Ansprüche auf Schadensersatz geltend machen.“

Und was sagt die Klinik?  „Die Patientin hat sich für die Erstbehandlung nicht in der Notaufnahme der Klinik vorgestellt, sondern in der angegliederten Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung. Dort wurde sie versorgt und mit dem Hinweis, am nächsten Tag den Hausarzt aufzusuchen, wieder nach Hause entlassen. Eine Weitervermittlung an die Klinik erfolgte nicht.“

Ein von dem Witwer in Auftrag gegebenes ärztliches Gutachten kommt zu dem Schluss, dass Julia an einer seltenen Form einer Herzmuskelentzündung litt und ihr Tod kaum vermeidbar gewesen sei. Doch hätte man der jungen Frau noch helfen können, wenn diese Diagnose rechtzeitig gestellt worden wäre? Welche Verantwortung tragen die Ärzte, haben sie Schuld auf sich geladen? Oder wurde die junge Familienmutter womöglich Opfer einer Verkettung unglücklicher Umstände?

„Ich möchte Gewissheit“, sagt der Witwer am Grab. „Die offenen Fragen muss und werde ich klären, das bin ich meiner Julia und unseren Kindern schuldig.“

rex.schober@brandzeilen.de

Teile diese bewegende und informative Geschichte mit anderen Personen aus deinem Freundeskreis!


Teile diese bewegende und informative Geschichte mit anderen Personen aus deinem Freundeskreis!


Interview


Patientenanwalt Dr. Peter Gellner aus Verl

Wie sollte man sich als Patient verhalten, wenn man vermutet, Opfer eines Behandlungsfehlers geworden zu sein?

Wenn ein Patient die Vermutung hat, dass er Opfer eines Behandlungsfehlers geworden ist, ist ein planvolles Vorgehen unerlässlich. Denn nur dann können zu einem späteren Zeitpunkt Schadensersatzansprüche mit Erfolg durchgesetzt werden.


Was ist dabei zu beachten, welche Unterlagen muss man bereit halten?

Zunächst sollte man sich, wenn die Möglichkeit besteht, die Behandlungsunterlagen aushändigen lassen und davon Kopien fertigen. Nach dem im vergangenen Jahr in Kraft getretenen Patienterechtegesetz sind Arzt und Klinik von sich aus verpflichtet, dem Patienten das verwendete Aufklärungsformular auszuhändigen. Die übrigen Krankenunterlagen hingegen auf Aufforderung.
Wichtig ist weiterhin möglichst zeitnah zu beginnen, ein Gedächtnisprotokoll zu fertigen. Die Erinnerung verblasst  - nicht nur, wenn man krank ist - mitunter sehr schnell. Zu notieren sind zeitliche Daten, Namen von möglichen Zeugen und Ärzten u.a.m..


Wie setzt man seine Ansprüche durch, wohin kann man sich wenden?

Unerlässlich ist es, sich in fachkompetente Hände zu begeben. Bei Zahnschmerzen gehen Sie auch nicht zum Urologen oder ziehen sich den erkrankten Zahn selbst. Daher ist Ausschau zu halten nach einem Fachanwalt für Medizinrecht mit dem Schwerpunkt Arzthaftungsrecht. Vorteilhaft ist sicherlich, wenn es sich um einen Patientenanwalt mit langjähriger Erfahrung handelt. Das Internet gibt bei der Suche eine verlässliche Hilfestellung, wenn Sie sich kritisch mit den Dienstleistungsangeboten der Medizinrechtler auseinandersetzen.


Kontakt:

Dr. Peter Gellner

Internet: www.die-patientenanwaelte.com

Email:buero@gellner-collegen.de

Telefon: 05246 70330

Geschichten, die Sie ebenfalls interessieren könnten:


Mord auf offener Straße: Der grausame Tod einer jungen Studentin (†20)

Mit einem Phantombild fahndet die Kripo Hannover nach dem Mörder von Annika B (†20). Die Studentin und Mutter eines 3-jährigen Kindes war vom Einkaufen auf dem Nachhauseweg, als urplötzlich ein Mann hinter ihr auftauchte, ein Messer zückte und sie mit mehreren Stichen niedermetzelte. Das Motiv für die schreckliche Bluttat liegt bis heute im Dunkeln, auch dreieinhalb Jahre nach dem Mord gibt es vom Täter keine Spur.

» zur Geschichte

„Den Glauben an Gerechtigkeit habe ich verloren“

Ihr Sohn Luca (†18) wurde auf einer Studienfahrt von einem Mitschüler erstochen. Doch Gerechtigkeit erfuhren Beate B.(58) und ihre Familie nie. Zwar wurde Julian S.(heute 23) wegen Totschlags verurteilt, doch er kam sofort in den offenen Vollzug. Weil der Täter sich angeblich bedroht fühlte, zerrte er die Eltern seines Opfers sogar vor Gericht.

» zur Geschichte

„So quälten mich die Nonnen im Kinderheim“

Carola K. (54) gehört zu den etwa 500.000 Kindern, die in kirchlichen Kinderheimen körperlich und seelisch misshandelt wurden. Die Nonnen und Schwestern, denen Carola hilflos ausgeliefert war, führten ein grausames Regiment. Das ehemalige Heimkind berichtet über ihr Leid und die Qualen, die man ihr im Namen des Herrn zufügte.

» zur Geschichte