„Der Verzehr einer Salatgurke hat unser Kind zum Pflegefall gemacht“

Von Rex Schober

Kategorien: Schicksale


Datum: 12.04.2015

Der Verzehr einer Salatgurke zerstörte das Familienglück und machte Jessica S. (25) zum Pflegefall. Hoch infektiöse E.coli-Bakterien steckten im Gemüse.  3.800 Menschen in Deutschland erkranken schwer  -  53 starben Menschen starben an den Folgen des bis heute nicht aufgeklärten Lebensmittelskandals. BrandZeilen.de hat das Opfer in einer Einrichtung in Magdeburg besucht.

„Welches Gemüse können wir denn überhaupt noch essen?“ Diese Frage stellten sich im Sommer 2011 die deutschen Verbraucher, nachdem der sogenannte EHEC-Skandal bekannt wurde. Nach dem Verzehr von Obst und Gemüse litten etwa 3.800 Menschen unter schwerem Durchfall,  Bauchschmerzen, Übelkeit und Nierenversagen. 53 Menschen starben. Sie alle hatten sich mit dem gefährlichen Darmkeim 'EHEC 0101:H4' angesteckt. Ein Keim, der bis dahin in Europa nahezu unbekannt war. Bei etwa 850 Menschen entwickelte das E.coli-Bakterium einen lebensgefährlichen Krankheitsverlauf. Das sogenannte  hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) schädigt Blutgefäße, Nieren und Blutzellen und greift das Zentralnervensystem an. Bei schweren Verlaufsformen kommt es durch Multiorganversagen zum Tod.

Schon ein Krankheitsverdacht ist nach §6 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) meldepflichtig.

Um der Herkunft des Erregers auf die Spur zu kommen, legten das Gesundheitsministerium (verantwortlicher Minister damals: Daniel Bahr, FDP) und das Ministerium für Verbraucherschutz (verantwortliche Ministerin damals: Ilse Aigner, CSU) einen blinden Aktionismus an den Tag. Irgendwie musste man die Verbraucher ja beruhigen - also mussten Ergebnisse her, koste es, was es wolle. Selbst auf die Gefahr hin, dass die Ergebnisse falsch oder irreführend sind. So stoppte man völlig willkürlich die Einfuhr und den Verkauf spanischer Gurken. Als man durch Befragungen herausfand, dass einige Erkrankte Sprossen von einem Bio-Hof in Niedersachsen verzehrt hatten, machte man den Hof kurzerhand dicht. Der Betrieb hatte die Keimlinge aus ägyptischen Bockshornkleesamen gezogen und sollte nun den EHEC-Keim verbreitet haben. Bis heute gibt es dafür jedoch keinerlei Beweise, der tatsächliche Infektionsweg wurde auch nie schlüssig und nachvollziehbar ermittelt. Neue EU-Verordnungen sorgten lediglich für eine schärfere Kontrolle von Sprossen, doch weitere mögliche Infektionsträger wie Salate, Tomaten und Gurken blieben unberücksichtigt und bei Verordnungen außen vor.

Weil sie auf ihren Produkten sitzen blieben, schüttete die EU satte 210 Millionen Euro an die Produzenten von Tomaten, Paprika, Gurken, Salat und Zucchini aus. Während allein die deutschen Gemüsebauern mit 16 Millionen Euro dafür entschädigt wurden, dass sie ihr Gemüse nicht verkaufen konnten, gehen Infektionsopfer leer aus. Von ihnen spricht heute niemand mehr. Dabei ist die Gefahr, an einem EHEC-Erreger zu erkranken, bis heute ein Lebensrisiko, denn der Keim ist bis heute Bestandteil unseres täglichen Lebens...

Der Weg zu Jessica führt per Fahrstuhl in den 7. Stock eines Neubaus am Stadtrand von Magdeburg. Seit August 2013 wird die 25-Jährige hier in einer Intensivpflege-WG rund um die Uhr betreut. In einer Art Penthouse über der Stadt wird die junge Frau familiär behütet und umsorgt.

Die Reporter von BrandZeilen.de de sind zur Kaffeezeit gekommen. Gemeinsam mit Pflegeassistentin Peggy (33) sitzt Jessica in einem großen, gepolsterten Spezialrollstuhl am großen WG-Tisch. Sie begrüßt uns  freundlich, aber ihre Worte sind kaum zu verstehen. Nur Sekunden später schreckt sie zurück, gerade so, als ob sie vor Fremden Angst hätte. Ein verständliches Gespräch mit ihr ist kaum möglich. Auch deshalb sind Jessicas Eltern Andrea (53) und Michael (52) dabei, denn sie verstehen die Sprache und wissen um die Wünsche ihrer schwerstbehinderten Tochter. Und wer Jessica in diesem Zustand sieht, kann kaum glauben, dass ihr Leidensweg mit dem Verzehr einer Salatgurke begann.

Mutter Andrea erinnert sich: „Es war im Mai 2011, als noch niemand in Deutschland von dem EHEC-Erreger sprach. Drei Tage nach dem Verzehr einer Salatgurke bekam ich Erbrechen und einen  blutigen Durchfall. Der war so heftig, dass ich ins Krankenhaus musste. Dort diagnostizierte man ziemlich schnell den EHEC-Erreger. Aber zu der Zeit wussten wir überhaupt nicht, was es damit auf sich hat. Wir hielten die Erkrankung für eine ungefährliche Darminfektion.“

Zwei Tage später erkrankte ihre Tochter. Jessica zeigte die gleichen schweren Symptome, und so landete sie im Krankenzimmer ihrer Mutter. Während Mutter Andrea nach 10 Tagen die Klinik verlassen durfte, ging es Jessica zunehmend schlechter. Dann versagten ihre Nieren, Jessica wurde auf die Intensivstation verlegt. Noch hoffte die Familie, dass dieser Alptraum bald vorbei sein würde.

Als Jessica erkrankte, war sie im fünften Semester. Sie studierte Neurobiologie an der Uni in Magdeburg, die hochbegabte Studentin hatte einen internationalen Studiengang in englischer Sprache belegt. Von ihrem Krankenbett aus konnte sie die Mensa der Uni sehen. Ironie des Schicksals: In ihrem Körper wütete ein Erreger, der auch ihr Gehirn angriff.  Und das menschliche Gehirn war Gegenstand ihres Studiums - Jessica wollte später in der Hirnforschung arbeiten.

Vater Michael erzählt.: „Jessica war sehr tierlieb, sehr zielstrebig und hatte viel Freude am Leben. Erst ein Jahr zuvor hatte sie eine Reise in die USA gemacht. Sie lebte sehr bewusst, achtete auf eine gesunde Ernährung und aß viel Obst und Gemüse. Sie hielt konstant ein Gewicht von 50 Kilogramm.“

Um herauszufinden, wie und wodurch der Krankheitserreger in ihre Körper gelangen konnte,  hatte Vater Michael Proben von Resten der zuvor verzehrten Nahrungsmittel dem Amt für Lebensmittelsicherheit zur Untersuchung gegeben. Darunter war auch ein Zipfel der Salatgurke. Das Ergebnis: In der Gurke fand man EHEC-Stamm O104:H4. Bis zum Ausbruch im Sommer 2011 war dieser besonders heimtückische Erreger nirgendwo in Europa vorgekommen.

Während europaweit die Experten noch über die Herkunft und das Ausmaß der Infektionen rätselten, nahm das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) in Jessicas Körper einen dramatischen Verlauf.  Zu ihrem Nierenversagen kam ein multiples Organversagen. Sie musste an die Dialyse und bekam mehrere Plasmaspenden. Nach einem schweren epileptischen Anfall hörte Jessicas plötzlich Herz auf, zu schlagen, die Studentin musste reanimiert werden.

„Weil Jessica zum Zeitpunkt des Herzstillstandes nicht mehr auf einer Intensivstation lag, kann uns niemand genau sagen, wie lange Jessicas Gehirn ohne Sauerstoffversorgung war“, erklärt Vater Michael.  „Es können bis zu 20 Minuten gewesen sein, nach der Reanimation  lag sie lange im Koma, ihr Gehirn ist seitdem schwer geschädigt. Alles in allem ist Jessicas Zustand die eine schlimme Folge der EHEC-Infektion.“

Jessica durchlebt seitdem einen unvorstellbaren Leidensweg. In einer  Reha-Klinik für Schlaganfallpatienten erleidet sie die ersten Spastiken und mehrerer Krampfanfälle. Seitdem dämmert sie in ihrer eigenen Welt vor sich hin - dabei hätte sie doch in diesem Jahr ihre Doktorarbeit schreiben sollen.

Mutter Andrea und Vater Michael besuchen ihre Tochter jeden Tag. Sie sagen: „Jessicas Wesen hat sich extrem verändert. Wir wissen nicht, wie viel bei ihr ankommt, und was sie versteht. Besonders ihr Kurzzeitgedächtnis hat sehr gelitten. Aber wir wissen, dass sie sich über ihren Gesundheitszustand im klaren ist. Wir haben uns oft die Frage gestellt, was sie tun würde, wenn sie selbst über ihr Leben oder ihren Tod entscheiden könnte. Diese Frage stellen wir uns immer wieder. Aber wir müssen und werden immer für unser Kind da sein!“

Die Eltern geben daher nicht auf, sie glauben an kleine Fortschritte. Daran, dass sich Kind Stück für Stück zurück ins Leben kämpft.  „Unsere Tochter wird mit Sicherheit nie wieder gesund, doch wir hoffen, dass sie in einigen Dingen selbständiger wird. Dabei helfen ihr die vielen Reha-Maßnahmen. Sie bekommt Logopädie, ein Ergo- und ein Physiotherapeut kümmern sich um sie. Hier in der WG ist sie bestens aufgehoben. Sie spricht schon viel besser und muss nicht mehr künstlich ernährt werden. Und weil die Betreuerinnen nicht viel älter sind als sie, ist sie zumeist unter Gleichaltrigen“, so Mutter Andrea.

Auch für die Pflegekräfte ist es nicht einfach, mit Jessicas Schicksal umzugehen. „Dass der Verzehr einer grünen Salatgurke solch schreckliche Folgen haben kann, hat uns alle hier zutiefst schockiert“, gesteht  Pflegeassistentin Peggy (33). „Wir tun hier alles für unsere Jessica, und sie hat auch schon erstaunliche Fortschritte gemacht. Dafür bewundern wir sie.“

Nach den Fotoaufnahmen ist Jessica müde. Sie möchte in ihr Bett. Die Eltern ziehen sich mit ihrer Tochter in ihr großes Zimmer zurück. Es wird still in der WG.

Die Familie war die einzige in Magdeburg, die an dem gefährlichen Erreger erkrankte. Außer ihr hat niemand in der Stadt eine infizierte Gurke gekauft.

rex.schober@brandzeilen.de

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Info


EHEC - Lebensbedohliches Bakterium

Das Bakterium EHEC (enterohämorrhagische Escherichia coli) verursacht lebensgefährliche Darminfekte. Eine Infektion mit dem EHEC - Erreger geht in der Regel mit blutigem Durchfall einher.

Am häufigsten infizieren sich Frauen, Kleinkinder und ältere Menschen. Das Risiko einer EHEC-Infektion lässt sich minimieren, wenn Lebensmittel gekocht, gebraten oder geschmort werden. Rohes Obst und Gemüse sollten etwa 30 Sekunden unter warmem Wasser abgespült und gerieben werden. Das Schälen von Obst und Gemüse verringert die Keimzahl.


Im Jahr 2013 wurden laut Robert Koch Institut in Deutschland 1.611 EHEC-Fälle gemeldet. Im Jahr 2012 waren es 1.531 gemeldete Fälle, vier davon verliefen tödlich.


Weitere Infos und nützliche Hinweise unter: www.bfr.bund.de

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