„Ich besiegte den Krebs aber verlor meinen Mann“

Von Wolfgang Hillnhütter

Kategorien: Schicksale


Datum: 22.06.2015

Vor acht Jahren erkrankte Claudia H. (45) an Darmkrebs. Tapfer kämpfte sie gegen die schwere Krankheit und besiegte sie. Doch die Strapazen der Behandlungen lagen wie ein dunkler Schatten auf dem Familienleben. Der Ehemann benötigte psychologische Hilfe, doch Therapeuten redeten ihm ein, dass die Erkrankung seiner Frau die Ursache für seine Probleme seien. Harry H. nahm sich daraufhin das Leben. BrandZeilen.de berichtet über ein erschütterndes Schicksal.

Jeden Tag geht Claudia H. zum Friedhof. In tiefer Trauer zündet sie eine Kerze an und legt frische Blumen aufs Grab. „Hier liegt mein Mann begraben, das Liebste, was ich hatte auf der Welt “,sagt die 45-Jährige aus dem fränkischen Vestenbergsgreuth. Den Schmerz, den die Familienmutter Tag für Tag am Grab empfindet, vermag sie nicht in Worte zu fassen. „Alle haben gedacht, dass ich an meiner Krankheit sterben müsste“, sagt sie unter Tränen. „Doch ich habe den Krebs besiegt und überlebt. Aber meinen Mann habe ich verloren.“

Als das Ehepaar zu Silvester auf das Neue Jahr anstößt, sind die beiden noch voller Zuversicht. Sie erinnern sich an die schwere Zeit, die hinter ihnen liegt. An den Tag kurz vor Weihnachten 2006, der das Leben der Familie auf den Kopf stellt. „Aus heiterem Himmel bekam ich wahnsinnige Bauchschmerzen“, erinnert sich Claudia H. „Darmkrebs im Endstadium“, lautet die schreckliche Diagnose, an der die Mutter von zwei Kindern fast zerbricht.

In einer dramatischen Notoperation rettet man zwar ihr Leben, dennoch geben die Ärzte ihr kaum eine Überlebenschance. Der Krebs hat gestreut, in ihrer Leber haben sich schon Metastasen gebildet. Aufgrund ihrer Größe und Lage können sie operativ nicht entfernt werden.

Sie nimmt den Kampf gegen den Krebs an

Für die Familie beginnt eine Zeit voller Qualen. Es ist ein Leben zwischen Hoffen und Bangen. Kein Arzt kann ihr sagen, ob sie den nächsten Sommer überhaupt erleben wird. Doch Claudia ist fest entschlossen, den Kampf aufzunehmen und den Krebs zu besiegen.

Immer treu an ihrer Seite: ihr Mann Harry. Der Computertechniker begleitet sie zu jeder anstehenden Behandlung, sitzt nächtelang an ihrem Bett, er macht ihr Mut, tröstet sie und muntert sie auf, wenn ihr mal wieder hundeelend ist. „Er hat für die Kinder gekocht, mit ihnen Schulaufgaben gemacht und den Haushalt geschmissen“, erzählt Claudia H. „Er war der Fels in der Brandung, der ruhende Pol, ohne den ich es nicht geschafft hätte.“

In der Folgezeit muss sich Claudia H. weiteren schweren Operationen unterziehen, Eierstöcke und Gebärmutter werden entfernt, immer wieder gibt es Rückschläge, ehe sie nach sechs Jahren Kampf und diversen Chemotherapien und Bestrahlungen endlich krebsfrei ist. „Wir haben es geschafft“, strahlt Harry, als er seine Frau nach einem letzten Krankenhausaufenthalt nach Hause holt und sie mit einem Zimmer voller Orchideen überrascht.

Niemand ahnt, wie es um ihren Mann steht

Wie es tatsächlich in ihrem Mann aussieht, wie sehr ihn ihre Erkrankung mitgenommen hat und wie groß die psychische Belastung für ihn ist, ahnt Claudia H. nicht. Zu sehr ist sie all die Jahre mit sich selbst und ihrer schweren Krebserkrankung beschäftigt gewesen.

„Wir wollten alles nachholen, was wir aufgrund meiner Erkrankung verpasst hatten“, erinnert sie sich. „Wir sind in Urlaub gefahren und haben sehr viel mit unseren Kindern unternommen. In dieser Zeit bemerkte ich, dass  mein Mann sich verändert hatte. Er hatte Gemütsschwankungen und äußerte zum ersten Mal Suizidgedanken.“

Harry H. sucht Hilfe in einer psychiatrischen Klinik. „Wir waren zuversichtlich, dass man seine psychischen Probleme in den Griff bekommen würde“, so seine Frau. Doch das Gegenteil ist der Fall. Offensichtlich erkennen die Ärzte nicht, wie schwer Harry H. erkrankt ist, auch nehmen sie seine Suizidgedanken nicht Ernst.

Die Diagnose treibt ihn in die Verzweiflung

„Nach drei Monaten stationären Aufenthalts wurde er ohne ein Abschlussgespräch nach Hause entlassen“, berichtet sie. Ihr verschlägt es die Sprache, als ihr Mann von seiner Therapie und den Gesprächen mit seinem Psychotherapeuten berichtet. „Statt ihm zu helfen, hat man ihn gegen mich aufgehetzt, man hat ihm eingeredet, dass meine Erkrankung ursächlich für seine psychischen Probleme seien. Daher solle er sich scheiden lassen. Als erstes solle er ausziehen und sich eine eigene Wohnung nehmen.“

Für Harry H. ist dies ein innerer Konflikt, den er einfach nicht lösen kann, und der ihn erneut in eine tiefe Depression stürzt. Da ist seine Familie, die er über alles liebt. Seine beiden Kinder Rebecca (18) und Joana(14), sein ganzer Stolz. Seine geliebte Frau, mit der er 19 Jahre glücklich verheiratet ist, und für die er auch in schwersten Zeiten immer dagewesen ist. Aber da ist auch seine eigene Erkrankung. Da sind seine schweren Depressionen, seine innere Zerrissenheit, seine Suizidgedanken und seine Verlustängste. Und da ist der Rat der Ärzte, er, der Familienmensch, solle seine Familie verlassen.

Es kommt zur Katastrophe. „Am Silvesterabend haben wir noch mit einem Glas auf das Neue Jahr angestoßen, das uns Glück und Gesundheit bringen sollte“, sagt Claudia H., während sie sich die Tränen aus den Augen wischt. Als ihr Mann drei Tage später das Haus ohne sein Handy und ohne Portemonnaie verlässt, ahnt sie, dass er sich etwas antun will. Sie kann ihn nicht aufhalten.

Ein Albtraum für die ganze Familie

„Als er meinen Arm losriss und das Haus verließ, sagte er, ‚Schatz, ich will ohne dich nicht leben’. In meiner Panik habe sofort in der psychiatrischen Klinik angerufen und seinem behandelnden Arzt gesagt, dass ich große Angst um meinen Mann habe. Doch der hat mich überhaupt nicht Ernst genommen. Er sagte, dass es meinem Mann dank seiner Therapie gut gehe. Dass ich hysterisch sei, und dass ich diejenige sei, die sich Hilfe suchen müsse. Dann hat dieser Arzt einfach aufgelegt.“

Harry H. kommt nicht mehr nach Hause zurück. Eine sofort eingeleitete Suchaktion bleibt erfolglos. Als nach zwei Tagen quälender Ungewissheit zwei Polizisten an ihrer Türe klingeln, ist Claudia H. sofort klar, dass sich ihr Mann umgebracht hat. Ein Spaziergänger hat die Leiche in einem Wald bei Neustadt entdeckt. Harry H. hat sich an einem Baum erhängt. Für die ganze Familie ein Albtraum, mit dem sie bis heute nicht fertigwird.

„Am Anfang war ich sauer und wütend, dass er sich das Leben genommen und seine Familie im Stich gelassen hat, und wir jetzt ohne ihn klarkommen müssen“, so die Witwe. „Aber seit ich ihn begraben habe, bin ich nur noch unendlich traurig. Ich denke jeden Tag an ihn. ich vermisse ihn so sehr.“

wolfgang.hillnhuetter@brandzeilen.de

 

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Info


Suizid

Die Ursachen für einen Suizid sind unterschiedlich. Suizide und Suizidversuche gehen sehr häufig mit psychiatrischen Erkrankungen einher. Dazu gehören Depressionen, das Borderline-Syndrom, Angststörungen, Neurosen oder Suchterkrankungen.

Auch nicht verarbeitete Traumata, soziale Isolation, Arbeitslosigkeit, Verinsamung, Trennungen oder andere Verluste sind mögliche Ursachen für einen Suizid. Manche Menschen setzen ihrem Leben aber auch ohne erkennbare Anzeichen oder Gründe ein Ende.

Im Jahr 2013 nahmen sich mehr als zehntausend Menschen in Deutschland das Leben, der überwiegende Teil (ca. 75%) war männlich

Der Suizid steht oftmals am Ende einer krankhaften Entwicklung, er ist immer ein Ausdruck einer äußeren oder inneren Not. Zur Beseitigung dieser Not ist unbedingt ärztliche Hilfe erforderlich. Hilfreich kann auch eine professionelle Suizidprävention sein.


Weiter Infos zum Thema unter www.suizidprophylaxe.de


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