„Für dieses Glück habe ich zwei Jahre lang gekämpft“

Von Niels Pauls

Kategorien: Behördenwillkür, Schicksale, Happy End


Datum: 07.04.2015

 

Als das Jugendamt ihr das Kind unter einem Vorwand wegnahm, brach für Josephine (24) eine Welt zusammen. Über zwei Jahre musste ihr Sohn bei einer Pflegemutter leben, Mutter und Kind wurden dadurch systematisch entfremdet. Mehr als zwei Jahre kämpfte sie um ihr Kind, ehe sie es zurück bekam. Ein Gericht hatte nach gründlicher Prüfung eine Rückführung angeordnet. Auf BrandZeilen.de erzählt Josephine P. (24), wie sie Opfer unglaublicher Jugendamtswillkür wurde und wie es ihr nach zweieinhalb Jahren doch noch gelang, ihren Sohn Maik zurückzubekommen.

Oft lag sie nachts wach und hat an ihren Jungen gedacht. An ihren Maik, den das Jugendamt ihr weggenommen und die Wohnung wildfremder Menschen gesteckt hatte. Zweieinhalb Jahre musste Josephine Pagels aus dem brandenburgischen Michendorf gegen die Willkür des scheinbar übermächtigen Jugendamtes kämpfen. Es war ein schier aussichtsloser Kampf um ihr Kind, den sie wie eine Löwin führte. Nie gab die heute 24-Jährige Mutter die Hoffnung auf, dass das Jugendamt seine schweren Fehler einsieht, und dass sie ihr Kind zurückbekommt. Und dass die Gerechtigkeit über alles siegt. „Sie hatten sie mir das Liebste auf der Welt genommen“, sagt Josephine Pagels rückblickend. „Eiskalt, ohne jede Rücksicht auf meine Gefühle und ohne jede Rücksicht auf das Wohl des Jungen, das bei seiner eigenen Mutter angeblich gefährdet war.“

Mit 17 wird sie mit Maik schwanger

Ihre Geschichte beginnt 2007 in Kiel, wo sie eine Wirtschaftsfachschule besuchte. Sie war gerade einmal siebzehn Jahre alt, als sie von ihrem damaligen Freund schwanger wurde. Doch die Beziehung ging in die Brüche, noch bevor das Kind auf der Welt war. „Ich hatte mich so sehr auf das Baby gefreut, so dass eine Abtreibung für mich unter keinen Umständen in Frage gekommen wäre“, erzählt Josephine, die kurz vor der Geburt ihres Kindes zurück nach Brandenburg zog. Als Maik das Licht der Welt erblickte, war sie die glücklichste Mutter der Welt. Sie kam gut mit ihrem Baby zurecht, und wenn sie Unterstützung brauchte, standen ihr ihre Mutter und ihre Großmutter zur Seite. Beide wohnten ganz in der Nähe.

Das änderte sich, als Josephine in eine ernste Krise geriet. Stress mit den Eltern, die bevorstehende Abschlussprüfung in der Schule, eine unglückliche Beziehung zu einem verheirateten Mann. Alles kam zusammen, Josephine war überfordert. Vieles wuchs ihr über den Kopf, alles ging plötzlich drunter und drüber. Auch im Haushalt blieb vieles liegen. Als sich eines Tages zu später Stunde ein Anrufer bei ihr meldete und mitteilte, dass ihr neuer Freund einen Unfall in Potsdam gehabt hätte, machte Josephine den – wie sie heute selbst sagt – größten Fehler ihres Lebens: Sie verließ Hals über Kopf die Wohnung  und ließ ihr einjähriges Kind alleine. Schon zwei Minuten später ging ein Notruf bei der Polizei ein: „Bei Josephine Pagels ist seit Stunden ein schreiendes Kleinkind alleine mit einem Hund in der Wohnung“, so der anonyme Anrufer.

Das Amt nimmt ihr das Kind weg

Als Josephine zwei Stunden später nach Hause kam – einen Unfall hatte es nicht gegeben, offensichtlich war sie in eine Falle gelockt worden – wartete schon die Polizei auf sie. Man hatte ihre Wohnung durchsucht, ihren Hund ins Tierheim gebracht, und auch Maik war nicht mehr da. Dass Mitarbeiter des Jugendamtes ihr Kind an einen unbekannten Ort zu einer Pflegemutter gebracht hatten, sagte man ihr erst drei Tage später. Zwar hatte eine ärztliche Untersuchung ihres kerngesunden Kindes keinerlei Anzeichen für eine Vernachlässigung oder gar eine Misshandlung ergeben, doch der „chaotische Zustand“ ihrer Wohnung und die Tatsache, dass sie das Kind alleine gelassen hatte, reichten für das zuständige Jugendamt aus, um Maik „fremd unterzubringen“, wie es im besten Amtsdeutsch hieß.

In einem Gespräch mit den Behörden stand die junge Mutter ohne wenn und aber zu ihrer Verfehlung. „In meiner Wohnung sah es wirklich absolut chaotisch aus, und  ich habe mein Kind alleine gelassen, was ich mir selbst am meisten zum Vorwurf gemacht und mir bis zum heutigen Tag nicht verziehen habe“, sagt sie. Gleichzeitig jedoch versicherte sie der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterin, dass sie ihr Kind vorher noch nie alleine gelassen hatte und dass so etwas auch in Zukunft auch nie wieder geschehen wird. Doch das Jugendamt ließ sich von seiner einmal getroffenen Entscheidung nicht mehr abbringen. Ein von der Behörde in Auftrag gegebenes und für die Kindsmutter negatives Gutachten tat dann sein Übriges.

Die Behörde bleibt stur

Doch die junge Mutter war fest entschlossen, um ihr Kind zu kämpfen. So wie nur eine liebende Mutter um ihr Kind kämpfen kann. Ihr damaliger Anwalt hatte ihr zwar Hoffnungen gemacht, dass sie ihr Kind „spätestens in drei Monaten“ zurück bekommen werde, doch aus den drei Monaten wurden schließlich mehr als zweieinhalb Jahre. „Jeden einzelnen Tag der Trennung von meinem Kind empfand ich als unmenschliche Strafe für meine Verfehlung“, sagt Josephine. „Meine Ohnmacht und die ganze Hilflosigkeit bekam ich Tag für Tag vor Augen geführt. Es war eine schreckliche Zeit.“

Ihre Gedanken drehten sich von früh bis spät um ihren Jungen. „Um ihm so nah wie möglich zu sein, habe ich seine Kuscheltiere mit in mein Bett genommen, um wenigstens seinen Geruch zu spüren. Mehr war mir von ihm ja nicht geblieben“, sagt die Mutter, die erst Monate später ihr Kind wieder regelmäßig sehen durfte. Zweimal in der Woche für jeweils zwei Stunden unter Aufsicht in den Räumen eines Jugendhilfe-Trägers im Beisein von Maiks Pflegemutter. „Danach mein Kind bei einer fremden Frau zurück lassen zu müssen, zerriss mir jedes Mal aufs Neue das Herz", sagt sie mit gesenktem Kopf. „Ich habe nach jedem dieser Termine nur noch geheult.“

Neben dem Glück, das sie empfand, wenn sie für zwei Stunden bei ihrem Kind sein und sich mit ihm beschäftigen durfte, spürte sie die Not, in der sich ihr Junge befand. „Der Kleine war völlig verunsichert, die Pflegemutter behandelte ihn, als ob es ihr eigenes Kind wäre. Zudem hatte man ihm in der Pflegefamilie eingetrichtert, dass er jetzt eine neue Mama und einen neuen Papa hätte.“

Dennoch hielt sich Josephine mit Bemerkungen, Kritik oder Beschwerden zurück. Sie ließ sich absolut nichts zu Schulden kommen und kam stets pünktlich zu den festgelegten Mutter-Kind-Treffen. Nur nicht beim Amt anecken oder der Behörde einen erneuten Vorwand für eine weitere negative Beurteilung geben, war ihre Devise. Immer das große Ziel vor Augen, ihren Jungen irgendwann zurück zu bekommen.

Doch das Jugendamt blieb bei seiner einmal getroffenen und von einem Gericht in erster Instanz bestätigten Entscheidung, das Kind bei der Pflegemutter zu belassen. Da nutzte es Josephine nichts, dass sie mittlerweile in einer gefestigten Beziehung mit Thomas Grigat(46), einem gelernten Bankkaufmann, lebte und ein Haus mit großem Garten und Spielwiese am Stadtrand angemietet hatte.

„Es ist absolut nicht nachvollziehbar, dass das Jugendamt der jungen Mutter zu keiner Zeit irgendeine Perspektive aufzeigte, und dass die Rückkehr des Kindes zu keinem Zeitpunkt eingeleitet wurde, zumal der Junge sich in einem Alter befand, in dem nicht nur in Bezug auf die Erziehung Weichen für das ganze Leben gestellt werden“, sagt die Potsdamer Rechtsanwältin Annett Hein (45) die Josephine Pagels juristisch vertritt. „Statt dessen, so auch ihr schwerer Vorwurf an die Behörden, „wurde systematisch die Entfremdung zwischen Mutter und Kind betrieben.“

Plötzlich geht alles sehr schnell

So gingen mehr als zweieinhalb Jahre ins Land. Maik hatte  sich zu einem aufgeweckten und wissbegierigen Kleinkind entwickelt. Seine Mutter hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, ihren Jungen in absehbarer Zeit zurückzubekommen. Zumal das Jugendamt plötzlich und ohne irgendeinen nachvollziehbaren Grund beantragt hatte, ihr das Sorgerecht voll und ganz zu entziehen. Doch dann ging alles plötzlich ganz schnell. Ein zweites Gutachten, das eine Psychologin im Auftrag des Gerichts erstellt hatte, fiel für Josephine Pagels absolut positiv aus. Alles, was im ersten Gutachten gegen sie vorgebracht wurde, wurde widerlegt. Das Gutachten war so eindeutig, dass das in zweiter Instanz nun zuständige Gericht eine „perspektivische Rückführung des Kindes zur Mutter innerhalb von zwei bis sechs Monaten“ anordnete.

Doch das passte wiederum der Pflegemutter nicht. Sie wollte Maik offensichtlich ganz und für immer für sich behalten, das Jugendamt dürfte ihr entsprechende Zusagen gemacht haben. „Wenn man das Kind der Mutter zurückgeben will, betreue ich es ab sofort nicht mehr“, so ihre unfassbare Aussage, als sie von der gerichtlichen Anordnung erfuhr. Sie lieferte Maik am nächsten Morgen noch im  Kindergarten ab, um ihn mittags schon nicht mehr abzuholen. Nach kurzer Rücksprache mit dem Gericht wurde entschieden, dass die leibliche Mutter ihn sofort zu sich holen darf. Der Rest war Formsache.

„Dieser Tag war für Maik und mich ein absoluter Glückstag“, strahlt Josephine. Sie weinte vor Glück, als sie mit ihrem Kind an der Hand nach Hause kam und ihm sein richtiges Zuhause zeigte. „In diesem Augenblick war fast alles vergessen, was man ihm und mir angetan hatte. Das Glück war perfekt.“ Seitdem genießt Josephine Pagels jede Minute dieses zurück gewonnenen Glücks. Behutsam hat sie den Jungen an die für ihn anfangs noch neue Umgebung gewöhnt. An den neuen Kindergarten und an einen geregelten Tagesablauf. Und auch an Thomas Grigat, den Josephine mittlerweile geheiratet ist und der Maik ein liebevoller und verständnisvoller Stiefvater ist.

Josephine beschäftigt sich intensiv mit ihrem Kind. Sie liest Maik Geschichten vor, die beiden spielen und toben zusammen im Garten. „Ich spüre in jeder Sekunde, wie sehr er mich vermisst hat, und wie sehr er meine körperliche Nähe sucht“, sagt Josephine. „Wir werden jetzt all das nachholen, was uns mehr als zweieinhalb Jahre verwehrt war. Wir werden zusammen einfach nur noch glücklich sein.“

Inzwischen hat Josephine mit Hilfe ihrer Rechtsanwältin das Sorgerecht zurück bekommen und ist voll rehabilitiert. Und sie hat ihren Thomas geheiratet. Damit ist Josephines Glück endlich perfekt.

niels.pauls@brandzeilen.de

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Interview


Rechtsannwältin Annett Hein

Wie bewerten Sie das Vorgehen des Jugendamtes?

Die anhaltende Inobhutnahme und Fremdunterbringung des Kindes war grob verfassungswidrig. Weder das Familiengericht noch das Jugendamt haben in dem gesamten Verfahren in Betracht gezogen, dass auf Seiten der Mutter erhebliche Ressourcen vorhanden waren, die hätten genutzt werden können. So gab es Familienmitglieder, die die Mutter gestützt haben und die entlastend im Familienkontext hätten einbezogen werden können. Stattdessen ist der Umgang der Mutter mit dem Kind mehr und mehr eingeschränkt worden, so dass bei ungehindertem Verlauf ohne Weiteres das Kind von der Mutter entfremdet worden wäre. Belastungsbeurlaubungen des Kindes im Haushalt der Mutter oder anderer Familienmitglieder fanden schlicht nicht statt.

In der aktuellen Entscheidung des Verfassungsgerichtes des Landes Brandenburg vom 24. Januar 2014 zum Aktenzeichen 13/13 heißt es u.a., dass Kinder nur zum Schutz vor körperlicher oder seelischer Vernachlässigung und Misshandlung von ihren Sorgeberechtigten getrennt werden dürfen. Diese schwerwiegende Eingriffsvoraussetzung ist nicht bei jedem Versagen oder jeder Nachlässigkeit der Eltern erfüllt. Das elterliche Fehlverhalten muss vielmehr ein solches Ausmaß erreichen, dass das Kind bei einem Verbleiben in seiner Familie in seinem körperlichen, geistigen oder seelischen Wohl nachhaltig gefährdet ist.

An dieser verfassungsrechtlichen Vorgabe müssen sich die Fachgerichte und Jugendämter bei der Umsetzung staatlicher Maßnahmen orientieren und messen lassen. Zudem handelt es sich bei einer Fremdunterbringung und Trennung des Kindes von der Herkunftsfamilie um eine freiheitsentziehende Maßnahme, die nur vorübergehender Natur sein darf. Das Jugendamt ist insofern verpflichtet, unverzüglich Rückführungsmaßnahmen einzuleiten. Vorliegend wurden jedoch keine Feststellungen getroffen, ob eine akute Gefährdungslage noch anhaltend besteht. Vielmehr ist die  Fremdunterbringung des Kindes mit Verweis auf die anhängigen familiengerichtlichen Verfahren lediglich verwaltet worden, ohne jedoch die Hilfemaßnahmen dahingehend anzupassen, dass eine baldige Rückführung des Kindes in den Haushalt der Familie ermöglicht wird. Es wurde nicht beachtet, dass auch die Aufrechterhaltung der Trennung nur unter Wahrung strenger Verhältnismäßigkeitsanforderungen erfolgen darf und die zudem mit dem Verfassungsrecht vereinbar sein muss.


Kontakt:

www.hein-pdm.de

Email:anwaltskanzlei@hein-pdm.de

Telefon: 0331 28 0 4461

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