„Ich hatte alle Träume aufgegeben - da traf ich meinen Engel“

Von Bianca von Heyden

Kategorien: Happy End, Schicksale


Datum: 11.04.2015

Marcel (36) ist schwerstbehindert und rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen. Neben den körperlichen Beschwerden machte ihm lange Zeit die Einsamkeit zu schaffen. Bis zu dem Tag, an dem er auf der Straße zufällig Sarah (38) traf. Seitdem besucht sie ihn regelmäßig, sie gehen zusammen ins Kino oder fahren ins Grüne zu ihrem Pferd Rainbow. BrandZeilen.de  berichtet über eine außergewöhnliche Freundschaft.

Er strahlt Lebensfreude und Zuversicht aus. Und wenn Marcel mit Sarah in der Stadt unterwegs ist oder mit ihr aufs Land zu ihrem Pferd fährt, sind Selbstmitleid und Resignation wie weggeblasen. „Sie ist mein Engel, ihre Freundschaft gibt meinem Leben wieder einen Sinn, ich habe endlich wieder eine Perspektive“, freut sich der 36-jährige Berliner. Engel fallen zwar nicht vom Himmel, aber manchmal sind sie am helllichten Tag auf Berliner Straßen unterwegs. Dort zumindest traf Marcel Ehrlich aus heiterem Himmel die Frau, die er heute voller Dankbarkeit seinen Alltagsengel nennt.

 Seit seiner Geburt ist Marcel schwerstbehindert. Eine Sauerstoffunterversorgung aufgrund von Komplikationen während seiner Geburt ist die Ursache seiner schweren körperlichen Behinderung, einer so genannten Cerebralparese. Von Kindesbeinen an ist er an den Rollstuhl gefesselt. „Ich kann oft nur schlecht atmen, auch das Schlucken fällt mir schwer, meine rechte Körperhälfte ist so gut wie unbeweglich“, sagt der Berliner, der seit ein paar Jahren in einer behindertengerechten Wohnanlage in der Nähe des Olympiastadions wohnt. Rund um die Uhr ist er auf fremde Hilfe angewiesen. Pfleger versorgen ihn, sie müssen ihn waschen und rasieren, ihm das Essen zubereiten, ihn an- und ausziehen und zu Bett bringen.

  „Meinen Traum, irgendwann ein normales Leben führen zu können, musste ich schon vor langer Zeit aufgeben“, erklärt Marcel Ehrlich. „Auch fehlten mir die Kraft und der Mut, Freundschaften oder gar eine Beziehung einzugehen. Denn wenn man schwerstbehindert ist, wird auch eine Partnerin schnell zur gesellschaftlichen Randfigur. Und weil ich das keinem lieben Menschen zumuten wollte, habe ich für mich entschieden, dass es besser ist, alleine zu bleiben.“

  Doch neben seiner Hilflosigkeit machte ihm vor allem die Einsamkeit zu schaffen. „Ich war verzweifelt“, sagt Marcel Ehrlich. „Eine solche Last tragen zu müssen, ist grausam. Die tägliche Erkenntnis, dass sich die Situation, in der man sich befindet, nie mehr verändern wird, oder dass man nie im Leben eine eigene Familie haben wird, ist sehr belastend und frustrierend. Es hat etwas endgültiges, mit dem man nur schwer fertig wird.“

  Doch dann kam der, Tag der sein bis dahin tristes Leben von einem Augenblick zum anderen verändern sollte. „Ich war mit meinem Rollstuhl in einer Apotheke, um Medikamente abzuholen, als mir auf dem Rückweg die Tüte auf den Gehweg fiel“, erinnert sich der Rollstuhlfahrer. Es gelang ihm nicht, die Tüte aufzuheben, mehrere Passanten gingen vorbei, ohne sich um das Missgeschick des Behinderten zu kümmern. „Und dann tauchte plötzlich dieser blonde Engel Sarah auf“, lacht Marcel Ehrlich. Für Sarah Adams war es eine Selbstverständlichkeit, dem Rollstuhlfahrer zu helfen. Und weil es regnete, und es kalt war, bot sie ihm spontan an, ihn mit ihrem Auto nach Hause zu fahren. Es war der Beginn ihrer wunderbaren, tiefen Freundschaft.

  „Marcel hat sich ein paar Tage später mit einem tollen Frühstück bei mir bedankt“, erzählt die 38-jährige Sachbearbeiterin. „Wir haben zusammen gelacht und Scherze gemacht und uns über Gott und die Welt unterhalten. Schon während dieses ersten Treffens haben wir uns toll verstanden. Und wenn dies der Fall ist, fallen körperliche  Einschränkungen nicht ins Gewicht. Es sind eben doch tatsächlich die berühmten inneren Werte, die zählen. Marcel hat auch mein Leben ein bisschen bunter gemacht.“

  Trafen sich die beiden anfangs sporadisch, sehen sie sich mittlerweile mehrmals pro Woche. Sarah, Marcels Alltagsengel, begleitet ihn ins Kino oder in Ausstellungen, sie gehen zusammen essen oder einkaufen, oder sie fahren zusammen zu Marcels Eltern in Brandenburg.

  Und auch Marcel legte trotz der der vielen schlechten Erfahrungen, die er als Behinderter schon machen musste, seine anfängliche Zurückhaltung schnell ab. „Bei Sarah hatte ich zum ersten Mal seit vielen Jahren keine Angst, ein Klotz am Bein zu sein oder enttäuscht zu werden“, sagt er. „Und ich bin froh und glücklich, aber auch ein bisschen stolz, dass unsere Freundschaft so natürlich gewachsen ist. Seit ich meinen Engel Sarah kenne, lohnt es sich für mich wieder, morgens aufzustehen. Sie hat mir geholfen, wieder nach Zielen Ausschau zu halten und Träume zu verwirklichen.“

  Einer dieser Träume heißt Rainbow, ein 15-jähriger Wallach, den sich Sarah und Marcel gemeinsam zugelegt haben. Fast täglich fahren sie gemeinsam zu ihrem Pferd. „Ich liebe Tiere, schon als Kind hatte ich ein Pony“, erzählt Marcel. „Als nächstes nehmen wir den Bau einer Kutsche in Angriff, auf der man einen Rollstuhl verankern kann, und in der wir dann gemeinsam durch die Gegend fahren wollen.“

  Mittlerweile ist Sarah Adams nicht mehr der einzige Alltagsengel. „Wir haben den Verein ‚Kontakte schaffen Leben’ gegründet“, berichtet Marcel Ehrlich. „Zehn weitere ehrenamtliche Alltagsengel sind bereits im Einsatz. Sie kümmern sich um alte oder behinderte Menschen, um ihnen etwas Licht in ihr oftmals tristes und einsames Leben zu bringen.“

  Tatkräftig unterstützt wird er dabei von Sarah Adams. „Ich bewundere Marcel, wie er mittlerweile den Widrigkeiten des Lebens trotzt, und dass er den Mut aufgebracht hat, einen Verein zu gründen, um auch anderen Menschen etwas Sinnvolles und Gutes zuteil werden zu lassen“, sagt Engel Sarah. „Und ich tue alles dafür, dass Marcel damit Erfolg hat.“

bianca.heyden@brandzeilen.de

 

 

 

 

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Info


Kontakte schaffen Leben e.V.

Marcel Ehrlich gründete vor vier Jahren den Verein „Kontakte schaffen Leben“. Er erfüllt anderen Behinderten oder Bedürftigen den Traum vom Alltagsengel. Zehn ehrenamtliche Helfeinnen und Helfer kümmern sich heute um alte oder behinderte Menschen.


Kontakt:

www.kontakte-schaffen-leben.de

Email:info@kslev.de

Telefon: 030 859 72 057

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