„Der Tag, an dem ich meinen Lebensretter traf“

Von Anke Cornau

Kategorien: Happy End, Schicksale


Datum: 12.04.2015

Sandra(23) war unheilbar an Blutkrebs erkrankt. Nur eine Stammzellentransplantation konnte ihr Leben retten. In der Kartei der DKMS gab es den erhofften Treffer, Manfred B.(49) hatte sich als potentieller Knochenmarkspender typisieren lassen. Er wurde zu Sandras Lebensretter. Vom ersten Tag an hatten beide das große Bedürfnis, sich kennen zu lernen. Es war ein bewegendes Treffen. Beide sprachlos vor Freude und Glück, Tränen flossen. Sie wollen in Kontakt bleiben und sich wieder sehen.

  Die Beschwerden kamen über Nacht. Sie fühlte sich müde und schlapp, hatte kaum noch Appetit und verlor sehr schnell an Gewicht. „Da war ich siebzehn Jahre alt“, erinnert sich Sandra Schmidt aus Cröchern bei Magdeburg. Welch heimtückische und Tod bringende Krankheit in ihr steckte, erfuhr die Jugendliche, als sie sich kurz darauf zu Beginn ihrer Friseurinnenlehre einer Routineuntersuchung unterziehen musste: Sie hatte Leukämie. (CML, chronische myeloische Leukämie).

  Damit gehörte der Teenager zu den etwa 11.000 Menschen, die allein in Deutschland Jahr für Jahr an Leukämie erkranken. Eine Erkrankung, die heutzutage jeden treffen kann und auch durch radioaktiven Strahleneinfluss oder Chemikalien hervorgerufen werden kann. Leukämie äußert sich am Anfang oftmals wie ein grippaler Infekt. Unerkannt oder unbehandelt kann die Erkrankung innerhalb weniger Monate zum Tode führen. Das Knochenmark bildet die Blutkörperchen nicht mehr, die für ein funktionierendes Immunsystem und die Blutbildung lebenswichtig sind.

  „Diese Diagnose war für Sandra und unsere ganze Familie ein absoluter Schock, uns zog es förmlich den Boden unter den Füßen weg“, sagt Sandras Großmutter Rita Schott(67), deren Sohn Torsten erst fünf Jahre zuvor an einer Leukämieerkrankung gestorben war. Und es war nicht der einzige Schicksalsschlag, den die Familie aus Sachsen-Anhalt ertragen musste. Innerhalb kürzester Zeit hatte Sandra einen weiteren Onkel, den Opa und ihren Vater durch schwere Krankheiten verloren.

  Nun musste Sandra den Kampf gegen den gefährlichen Blutkrebs aufnehmen. „Nach dem ersten Schock war ich sehr zuversichtlich, ich wollte mich nicht unterkriegen lassen und habe versucht, die Gedanken an die Krankheit und den Tod zu verdrängen“, berichtet die junge Frau. Doch trotz anfänglicher Erfolge – ihre Blutwerte waren dank einer regelmäßigen, leichten medikamentösen Chemotherapie einigermaßen stabil - bekamen die Ärzte die Erkrankung nicht in den Griff.

  Nur eine Knochenmarktransplantation – so die Einschätzung der Ärzte - würde ihr Leben noch retten und ihr eine Chance auf Heilung eröffnen können. Noch einmal fiel Sandra in ein tiefes Loch, zumal niemand aus ihrer Familie als möglicher Spender in Frage kam. Da jeder Mensch ganz individuelle Gewebemerkmale hat, ist es sehr schwer, einen passenden Spender zu finden. Für eine erfolgreiche Transplantation müssen die Gewebemerkmale nahezu völlig übereinstimmen, oftmals kommt nur ein einziger Mensch unter mehreren Millionen überhaupt als Spender in Frage. Der geeignete Spender muss so zu sagen der genetische Doppelgänger des Patienten sein. Zwar sind weltweit mittlerweile über zwölf Millionen Spender „typisiert“, doch die Suche nach dem genetischen Doppelgänger ist immer noch wie eine Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen.

  „Ich habe Tag und Nacht gebetet, dass es irgendwo auf dieser Welt diesen Menschen gibt, und dass man ihn auch findet“, erzählt Sandra Schmidt, für die das Warten auf einen passenden Spender zu einem Wettlauf gegen die Zeit wurde. Denn ihre Blutwerte hatten sich längst dramatisch verschlechtert.

  Das Wunder geschah: ein passender Spender wurde gefunden. Manfred Baumhaier, ein 47-jähriger Familienvater aus Köln, der sich erst kurz zuvor hatte „typisieren“ lassen. „Nach dem Brustkrebstod meiner Schwester war es wie eine Eingebung“, erinnert sich der Busfahrer an den Moment, als er zufällig das Werbeplakat der DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) sah und sich spontan entschloss, einen Wangenabstrich machen und sich in die Spenderkartei aufnehmen zu lassen. Dieser Entschluss sollte Sandras Lebensrettung sein.

  Dann ging alles sehr schnell. Nachdem ein Blutabgleich die nahezu identischen Gewebemerkmale nachgewiesen hatte, wurde Manfred Baumhaier Blut entnommen, aus dem eine ausreichende Menge „Stammzellen“ für die lebensrettende Transplantation herausgefiltert wurde. „Mittels Bestrahlung und einer letzten, schweren Chemotherapie wurde Sandras Immunsystem „auf Null“ gefahren und alle Leukämiezellen zerstört.

„Die Transplantation verlief völlig unspektakulär, es war wie eine ganz normale Bluttransfusion“, berichtet die junge Frau, deren Leben nach der Transplantation noch einmal an einem seidenen Faden hing. Völlig isoliert, steril und mit gefilterter Luftzufuhr musste sie auf den Ausgang des Wettrennens warten, das sich ihr neues Immunsystem – dieses wird mit transplantiert - gegen die sich möglicherweise neu bildenden Leukämiezellen in ihrem geschwächten Körper lieferte. Doch die transplantierten Stammzellen wuchsen gut an und begannen sehr schnell mit der Produktion neuer, gesunder Blutzellen. Nach nur 27 Tagen Klinikaufenthalt wurde Sandra entlassen und startete in ihr neues, zweites Leben.

  „Vom Tag der Transplantation an spürte ich eine tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Menschen, der mir durch seine Knochenmarkspende das Leben gerettet hatte“, sagt Sandra. „Ich habe mich immer gefragt, wer er ist, wo er herkommt und wie er aussieht. Ich hatte das große Bedürfnis, ihn kennen zu lernen und ihm zu sagen, wie überglücklich und dankbar ich bin.“

  Doch zwei lange Jahre musste ihr Lebensretter anonym bleiben - so besagt es das Gesetz. Auch Manfred Baumhaier erfuhr in dieser Zeit nicht, wo auf der Welt „seine“ Patientin lebt und wie sie heißt. Anonym schrieb er ihr Briefe, die von der DKMS an Sandra weitergeleitet wurden. Sie schrieb zurück und berichtete ihrem Lebensretter, wie gut es ihr mittlerweile ging, und dass die Ärzte bei den regelmäßigen Nachuntersuchungen keine Krebszellen mehr in ihrem Blut entdeckt hatten.

  Nach zwei Jahren war es dann endlich soweit. Sandra durfte ihren Lebensretter treffen. Wie sehr hatte sie diesen Augenblick herbeigesehnt! Endlich würde der Mensch, an den sie seit zwei Jahren Tag und Nacht gedacht hatte, ein Gesicht bekommen. Zusammen mit ihrer Tante Simone (42) und Oma Rita die während ihrer schweren Krebserkrankung immer an ihrer Seite waren, fuhr sie nach Köln.

  „Ich hatte mir immer wieder überlegt, was ich ihm als erstes sage, ich hatte mir so viel zurecht gelegt“, sagt Sandra, „aber als er dann vor mir stand, brachte ich kein einziges Wort heraus. Ich war sprachlos und absolut überwältigt. Mit zitterten die Knie und Tränen schossen mir in die Augen. Es war ein so überwältigendes Gefühl von Dankbarkeit, wie ich es zuvor noch nie in meinem Leben verspürt habe. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl.“

  Auch Manfred Baumhaier, ihr „genetischer Zwillingsbruder“, war tief berührt. „Und nervös wie vor meiner Hochzeit“, sagt der Kölner. Wortlos standen sich Sandra und ihr Lebensretter Manfred gegenüber, sie schauten sich tief in die Augen, dann fielen sie sich in die Arme. Auch Manfred brachte minutenlang keinen Ton heraus. „Schön, dass er dir gut geht, meine kleine Schwester, ich freue mich so“, waren Manfreds erste Worte. „Danke, lieber Manfred, mein großer Bruder und Lebensretter“, flüsterte Sandra ihm ins Ohr, mehr brachte auch sie in diesem für sie so bewegenden Moment nicht heraus.

  So wurde der Tag in Köln zu einem unvergesslichen Erlebnis. Manfred zeigte Sandra und seiner „neuen Familie“ die Stadt, abends gingen sie zusammen essen. „Für mich war es ein sehr schönes Gefühl, dass ich mit meiner Knochenmarkspende Sandras Leben konnte, der schönste Lohn für mich war die tiefe Dankbarkeit, die ich gespürt und in Sandras Augen gesehen habe“, sagt Manfred Baumhaier, der als nächstes Sandra und ihre Familie in Sachsen-Anhalt besuchen will.

  „Spätestens zu meinem nächsten Geburtstag“, freut sich Sandra, die seit der erfolgreichen Knochenmarktransplantation ihren Geburtstag zwei Mal im Jahr feiert. „Manfred wird jetzt immer dabei sein. „Ihm habe ich mein zweites Leben zu verdanken, er gehört jetzt zur Familie.“

anke.cornau@brandzeilen.de

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Info


Stammzellenspende und Transplantation

Gesunde Männer und Frauen zwischen 18 und 55 Jahren eignen sich als Stammzellen- oder Knochenmarkspender. Jeder in diesem Alterssegment sollte sich typisieren lassen. Dazu reicht zunächst eine kleine Menge Blut oder ein Wangenabstrich. Erst wenn möglichst viele Gewebemerkmale mit denen eines Erkrankten identisch sind, kommt eine lebensrettende Knochenmarkspende in Betracht.


Bei der Stammzellenentnahme wird dem potentiellen Spender wie bei einer Dialyse aus einer Armvene Blut entnommen, das in den anderen Arm zurückfließt, nachdem mittels eines Separators eine für die Transplantation ausreichende Menge (ca. 400 ml) Stammzellen ausgefiltert wurden. Die gewonnenen Stammzellen werden dann dem Patienten intravenös übertragen, nachdem das eigene, kranke Knochenmark mit Bestrahlungen und Chemotherapie zerstört wurde.


Werden Sie Spender oder spenden Sie Geld!

Jede Form der Unterstützung kann Leben retten.

Spendenkonto der DKMS: Kreissparkasse Tübingen, BLZ 641 500 20 , Konto 255 556


Kontakt:

DKMS - Deutsche Knochenmarkspenderdatei

Internet: www.dkms.de

Email: post@dkms.de

Telefon: 07071 943 - 0

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