„Wer hat meinen Jungen gesehen?“

Von Wolfgang Hillnhütter

Kategorien: Vermisst, Schicksale


Datum: 07.04.2015

Seit mehr als zehn Jahren bangt Karola Eberhardt (58) um ihren Sohn Daniel. Der damals 15-Jährige verschwand 2004 auf dem Nachhauseweg von der Schule.  Das Leben der Mutter ist seitdem auf den Kopf gestellt. Sie klammert sich an jeden Hinweis, sie machte sich selbst auf die Suche. Schlaflose Nächte, geplatzte Träume, Hoffen und Bangen und eine quälende Ungewissheit bestimmen ihr Leben. Auf BrandZeilen.de erzählt sie, wie sehr sie ihren Jungen vermisst.

Ihr Leben veränderte sich schlagartig an einem Montagmorgen im Oktober 2004 . Es war der Tag, an dem Karola Eberhardt ihren jüngsten Sohn zum letzten Mal sah. Die Verwaltungsangestellte aus Ulm musste zur Arbeit, Daniel stand in der Küche und schmierte sich das Pausenbrot für die Schule. Ein liebevoller Blick, eine Umarmung, ein freundliches „Bis heute mittag, Mama“ - die Erinnerung an diesen Augenblick ist bis heute nicht verblasst, Karola Eberhardt hütet sie in ihrem Herzen wie einen kostbaren Schatz.

„An diesem Tag habe ich mein Kind verloren, das ist eine bittere Realität auch wenn ich die Hoffnung nie aufgeben werde, ihn irgendwann wieder in meine Arme zu schließen“, sagt die Mutter. „Und nur diese Hoffnung hält mich seitdem am Leben. Denn seit Daniel fort ist, ist mein Leben so unendlich traurig. Aber wie soll ich als Mutter denn auch verkraften, dass mein Kind seit mehr als zehn Jahren nicht mehr da ist?“

  Nach der Schule, das erfuhr Karola Eberhardt später von der Polizei, stieg Daniel(15) an jenem 25. Oktober in Ulm in den Zug und fuhr bis nach Thalfingen. Dort verliert sich seine Spur. Seine Schulsachen, sein Handy, auf dem alle Daten gelöscht worden waren und sogar seinen Ausweis fand die Polizei später in einem Schließfach der Schule. Noch am selben Abend lief eine großangelegte Suchaktion an, die Polizei fahndete tagelang, doch Daniel Eberhardt blieb wie vom Erdboden verschluckt. Daniel gehört damit zu den etwa 100.000 Kindern und Jugendlichen, die jedes Jahr in Deutschland verschwinden, von denen die meisten jedoch schon nach kurzer Zeit wieder auftauchen. Dennoch gelten zur Zeit knapp zweitausend als dauerhaft vermisst.

  Daniel verschwand kurz vor seinem 16. Geburtstag. Über zehn Jahre sind seit seinem Verschwinden ins Land gegangen, bis heute lebt Daniels Mutter in einer quälenden Ungewissheit. Hat sich ihr Junge etwas angetan? Oder ist er einfach weggelaufen, weil er allen beweisen wollte, dass er schon auf eigenen Füßen stehen kann? Doch wohin hatte es ihn dann verschlagen? Wie konnte er sich ohne Geld und ohne Ausweis als Minderjähriger durchschlagen?

  Daniel, der sehr gut zeichnen und malen konnte, war wegen seiner Hilfsbereitschaft sehr beliebt. Obwohl er als Einzelgänger und eigenbrötlerisch galt. „Daniel ging kaum weg, er hatte Probleme mit seinem Selbstbewusstsein und war vor seinem Verschwinden ziemlich verschlossen“, erzählt seine Mutter. „Daniel beschäftigte sich in seiner Freizeit fast nur mit seinem Computer oder surfte im Internet. Zuletzt hielt er sich fast nur noch in Chatrooms auf. Vielleicht hat er dort die Falschen getroffen.“

  Die Suche nach ihrem Sohn wurde für Karola Eberhardt fortan zum Lebensinhalt. Sie klebte Suchplakate, sie klapperte sämtliche Großstädte in Bayern und Baden-Württemberg ab, sie fuhr nach Hamburg, Frankfurt und Berlin, sprach mit Sozialarbeitern, hörte sich in der Obdachlosenszene um. Wie an einen Strohhalm klammerte sie sich an jede Spur und an jeden noch so kleinen Hinweis. Sogar bei der Fremdenlegion forschte sie nach, nachdem ein Zeuge Daniel kurz nach seinem Verschwinden in der Nähe eines Rekrutierungsbüros gesehen haben wollte. Sie suchte auf Bahnhöfen, in Einkaufszentren. Sobald sie einen Menschen sah, der Daniel von weitem auch nur ansatzweise ähnlich sah, zuckte sie zusammen. Sie war berauscht von dem Gedanken, Daniel zu finden oder sein Schicksal selbst aufklären zu können.

  War wieder mal eine Spur im Sande verlaufen, quälten sie diese schrecklichen Selbstvorwürfe. „Ich habe die Schuld für sein Verschwinden bei mir gesucht und mir tausend Vorwürfe gemacht und mir immer wieder dieselben Fragen gestellt“, sagt Karola Eberhardt. „Warum habe ich meinen Jungen an jenem Tag nicht von der Schule abgeholt? Warum habe ich mich nicht für sein Internet interessiert? Warum habe ich sein Schweigen nicht durchbrochen, warum habe ich ihn machen lassen, statt das Gespräch mit ihm zu suchen?“

  Es gab Stunden und Tage, da schienen der Kummer und die Sorge um ihren Daniel sie regelrecht aufzufressen. Wie geht es ihm? Wo ist er? Ist er gesund? Braucht er mich? Seit über zehn Jahren geht sie abends mit diesen Gedanken an Daniel zu Bett, morgens steht sie mit den gleichen Gedanken auf, oft reißt es sie nachts aus dem Schlaf. „Gott sei Dank plagen mich keine Albträume mehr“, sagt sie. „Ich träume nach wie vor sehr oft von Daniel, aber jetzt sind es Gott sei Dank immer nur schöne Träume.“

  Obwohl seit seinem Verschwinden ein echtes, nachprüfbares Lebenszeichen fehlt, verdrängt sie den Gedanken, dass Daniel nicht mehr lebt. Dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte oder sich selbst etwas angetan hat. „Wenn mein Kind tot wäre, würde mir das die Luft zum Atmen nehmen“, sagt Karola Eberhardt. „Dennoch möchte ich Gewissheit haben, was mit Daniel passiert ist. Selbst wenn diese Gewissheit und die Wahrheit für mich schrecklich wären.“ Doch solange man keine Leiche findet, glaubt sie daran, dass ihr Sohn, der jetzt 25 Jahre alt wäre, noch lebt. Sie kauft für ihn Geschenke zu Weihnachten und zum Geburtstag, verpackt sie liebevoll und legt sie in einen Schrank in seinem Kinderzimmer. Es ist der Raum in ihrer Wohnung, den sie seit Daniels Verschwinden unberührt gelassen hat.

  Ein Lebenszeichen, nur ein einziges, winziges, aber echtes Lebenszeichen, betont Daniels Mutter immer wieder, hätte sie „unendlich glücklich“ gemacht – und hätte sie die Jahre der quälenden Ungewissheit mit einem Schlag vergessen lassen. So waren ein paar ominöse Anrufe für sie die ersehnten Lebenszeichen von Daniel“. Hoffnungsschimmer, die ihr die Kraft gaben, weiter daran zu glauben, dass Daniel lebt.

  Der erste dieser Anrufe kam ein paar Monate nach Daniels Verschwinden und dauerte knapp vier Minuten. „Ich hörte am anderen Ende der Leitung den Atem des Anrufers, dann legte er auf, ohne etwas zu sagen“, erinnert sie sich. „Diese Anrufe kamen dann regelmäßig zu Weihnachten und zu Ostern oder wenn ich Mittagspause hatte. Und welcher Fremder weiß schon, dass ich in den Pausen Zuhause bin?“ Den letzten Anruf erhielt sie 2007. „Daniel, bist du das? Daniel sage doch etwas“, flehte sie ins Telefon. Doch der Anrufer legte wieder auf, ohne etwas zu sagen.

Als die Anrufe ausblieben, schöpfte sie ihre Kraft aus der Erinnerung an die schöne Zeit mit Daniel. „Ich habe ihn immer so sehr geliebt, er hatte eine so große Bedeutung für mich“, sagt sie leise, während sie sich Bilder größten Glücks anschaut. Bilder von Daniels Konfirmation, von ihren gemeinsamen Wanderungen im Schwarzwald oder von ihrem Besuch im Disneyland in Paris.

Nach Frankreich führte auch die bislang letzte Spur. Karola Eberhardt hatte einen Anruf einer deutschen Lehrerin erhalten, die ihren Sohn im südfranzösischen Montélimar gesehen haben wollte. Zwar verliefen entsprechende Überprüfungen seitens der französischen Polizei ergebnislos, dennoch war Karola Eberhardt aufgrund der Beschreibung überzeugt, dass es sich bei dem jungen Mann mit den langen blonden Haaren um Daniel handelte. Sie fuhr nach Frankreich und suchte dort selbst nach ihrem Sohn. Aber auch diese Spur verlief im Sande. Es gab zwar tatsächlich einen jungen deutschen Arbeiter auf einem Pferdehof, auf den die Beschreibung passte, und den Karola Eberhardt auch ausfindig machte, doch es war nicht ihr Daniel.

Zurück in Deutschland blieben ihr seitdem nichts als ein paar Bilder und die Erinnerung an den Morgen im Oktober 2004, als sie ihren Sohn zum letzten Mal in den Arm nahm. „Von dieser Erinnerung zehre ich bis heute“, sagt sie mit einem Lächeln, „sie bleibt mein kleines Paradies, aus dem mich niemand mehr wird vertreiben können. Egal, was passiert.“

wolfgang.hillnhuetter@brandzeilen.de

 

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Info


Daniel Eberhardt wird seit mehr als zehn Jahren vermisst!

Wer weiß etwas über das Schicksal von Daniel Eberhardt? Wer hat ihn seit Ende 2004 gesehen ? Wer weiß etwas über seinen Aufenthalt in Frankreich oder eine mögliche Rekrutierung in der Fremdenlegion?


Hinweise an die Polizei in Ulm, Telefon 0731 1880


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