„So quälten mich die Nonnen im Kinderheim“

Von Bianca von Heyden

Kategorien: Schicksale


Datum: 07.04.2015

Carola K. (54) gehört zu den etwa 500.000 Kindern, die in kirchlichen Kinderheimen körperlich und seelisch misshandelt wurden. Die Nonnen und Schwestern, denen Carola  hilflos ausgeliefert war, führten ein grausames Regiment. Auf BrandZeilen.de berichtet das ehemalige Heimkind über ihr Leid und die Qualen, die man ihr im Namen des Herrn zufügte.

Die meisten der etwa vierhundert Kinder im Heim schliefen schon, als Schwester Maria Theofriedis die kleine Carola aus dem Bett riss und sie im strömenden Regen und im Schlafanzug in den Garten zerrte. „Dort drückte sie mir eine Schaufel in die Hand und befahl mir, mein eigenes Grab zu schaufeln“, erinnert sich die heute 54-Jährige. „Ich habe geweint, vor Angst in die Hose gemacht und gefleht, dass sie mich nicht umbringt. Aber ich musste immer weiter graben. Solange, bis meine Finger blutig waren, und die Nonne den Rosenkranz gebetet hatte.“

Das Mädchen, dessen Kindheit in einem katholischen Heim von unbarmherzigen Nonnen wie Maria Theofriedis systematisch zerstört wurde, war damals neun Jahre alt. Über vierzig Jahre sind seit jener kalten, schaurigen Herbstnacht vergangen, aber bis heute leidet Carola K. an der Erinnerung an dieses schreckliche Erlebnis und den psychischen Folgen des Horrors, den sie in ihrer achtzehn Jahre langen Heimunterbringung erlebte. Ihre traurige Kindheit im kirchlichen Heim war geprägt von Demütigungen, Erniedrigungen und körperlichen Misshandlungen. Jeden Tag bezog sie Prügel im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Willkürliche Strafmaßnahmen wie das Ausschaufeln des eigenen Grabes waren im Heim an der Tagesordnung. Die Schwestern und Nonnen führten ein ebenso grausames wie gnadenloses Regiment. Die wehrlosen Kinder waren ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Als Baby der Mutter weggenommen

Schon als Säugling wurde Carola ins Kinderheim St. Josef in Eschweiler gesteckt, eine Einrichtung des katholischen Ordens „Arme Dienstmägde Jesu Christi“. Ihre Mutter kellnerte damals in einer Tanzbar, Anfang der prüden 60er Jahre war dies für das Jugendamt Grund genug, der jungen Mutter sofort nach der Geburt des unehelichen Kindes das Sorgerecht zu entziehen und ihr das Kind wegzunehmen.

Die kleine Carola gehört damit zu den etwa 500.000 Kindern und Jugendlichen, die zwischen 1950 und 1975 in kirchlichen Heimen untergebracht waren. Doch das schützte sie nicht vor Gewalt, Zwangsarbeit und Erniedrigungen. Ganz im Gegenteil. Zucht und Ordnung ersetzten Liebe und Geborgenheit, Barmherzigkeit war ein Fremdwort für die Nonnen. „Deine Mutter ist eine Hure, sie ist schlecht, und du bist auch schlecht“, diese Worte einer Nonne, während sie sie mit rohrer Gewalt in einen Kinderstuhl gezwängt wurde und dabei eine Zahn verlor, sind das erste aus ihrer Kindheit, an das sich Carola K. bis heute erinnert.

„Es lebten ständig um die 400 Kinder und Jugendliche im St. Josef Heim, wir alle haben dort Entsetzliches durchmachen müssen“, berichtet Carola K. „Wir waren Gefangene der Kirche und dem perfiden Repressionssystem frommer Schwestern und Nonnen hilflos ausgeliefert. Wir wurden mit Schlägen zum Beten, zum Arbeiten und zum Schweigen gezwungen. Wir hatten keinerlei Freiheiten und bezogen Prügel und andere drakonische Strafen für jedes noch so kleine Vergehen. Dazu gehörte, uns stundenlang, manchmal sogar tagelang im dunklen und feuchten Keller des Heimes einzusperren. Die Nonnen sahen es als ihre Aufgabe an, uns Zucht und Ordnung beizubringen und uns auf den rechten Weg Gottes zu führen.“

Die Erziehungsmethoden der frommen katholischen Schwestern in der Abgeschiedenheit der Heimmauern erinnern an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Schon um 5.00 Uhr morgens wurden die Kinder aus dem Schlaf gerissen, sie mussten noch vor dem Frühstück die Toiletten und die Fußböden der Säle schrubben. Ab 17.00 Uhr hatten sie Trinkverbot, zur Toilette durften sie nur zu festgesetzten Zeiten. Von früh bis spät waren sie dem Psychoterror der Schwestern und Nonnen ausgesetzt,

Brutale Erziehungsmethoden

„Wenn ein Kind nachts ins Bett machte, wurde es morgens erst vor den anderen Kindern bloßgestellt, dann von den Nonnen mit dem nassen Bettzeug durchs ganze Heim gejagt und mit Teppichklopfern, Handfegern oder Kleiderbügeln verprügelt“, erinnert sich Carola K. „Jungen, die sich nachts eingenässt hatten, wurde am nächsten Abend einfach der Penis abgebunden, damit sie nicht mehr ins Bett machen konnten.“

Menschliche Wärme, Geborgenheit, Liebe, Zuneigung und Trost waren Fremdwörter für die Nonnen. Wurde ein Kind krank, betrachteten sie dies als Prüfung oder als Strafe Gottes. Den Kindern war jeglicher Körperkontakt untereinander strengstens verboten. Dies galt als schwere Sünde und wurde aufs Schärfste bestraft. „Uns Kindern war es ebenfalls strengstens untersagt, die Hände unters Bettzeug zu legen, egal wie kalt es im Schlafraum auch war“, erzählt das ehemalige Heimkind. „Wenn die Nonnen dies bei einer Kontrolle feststellten, wurde das Kind aus dem Schlaf gerissen, und es musste sich dann neben das Bett stellen, bis es vor Müdigkeit umfiel.“

Die so genannte „Fixierung“ der Kinder in ihren Betten gehörte ebenso zum Heimalltag wie die drakonischen Strafen selbst für Nichtigkeiten. Eer beim Essen redete, bekam schon eine Strafe dafür. „Wenn ein Kind magenkrank war oder sich bei einer Mahlzeit übergeben musste, musste es das Erbrochene unter das Essen mischen und wieder aufessen. Solange, bis der Teller leer war, es war einfach nur schrecklich und grausam“, berichtet Carola K., die heute noch unter den Folgen der brutalen Zustände leidet. Ihr nicht behandelter Keuchhusten, der zu chronischem Asthma führte und die panische Angst vor dunklen Kellern. „Bis zu drei Wochen am Stück wurden wir von den Nonnen für angebliche Vergehen in dunklen, feuchten Kellern eingesperrt“, berichtet Carola. „Außer unserem Pinkelpott durften wir nichts mitnehmen, wir mussten auf dem kalten Boden schlafen. Einmal am Tag brachte uns ein anderes Kind Essen, das man nur als Fraß bezeichnen kann, ins Verließ und nahm unsere Notdurft mit nach draußen.“

Obwohl sie die Heimkinder Tag für Tag psychisch und körperlich quälten und misshandelten und ihren Frust an ihnen ausließen, beschwerten sich die frommen Nonnen sogar noch bei den Behörden über sie. „Die Erzieherinnen stöhnen immer wieder unter der Last des Ertragens dieses Mädchens“, schrieben sie über Carola, die sie als „aufsässig, intrigant und arrogant“ bezeichneten und ihr eine „starke sexuelle Gefährdung“ bescheinigten, da das Mädchen angeblich „jeden Mann mit ihren stechenden Augen bis zur Unerträglichkeit fixiere“.

Obwohl der Orden vor vierzig Jahren schon Monat für Monat vom Staat einen „Pflegesatz“ von umgerechnet 1.247 Euro für jedes Heimkind kassierte, wurden die Heimkinder als jugendliche Zwangsarbeiter missbraucht und ausgebeutet. „Wir mussten waschen und bügeln bis zum Umfallen, Lohn haben wir nie bekommen, nicht einmal Taschengeld, es gab nur Prügel“, sagt Carola mit Tränen in den Augen.

Bis zur Vollendung ihres achtzehnten Lebensjahres musste Carola K. im Heim bleiben. All die Jahre hatte sie davon geträumt, endlich frei zu sein und nach ihrer Entlassung ein normales Leben zu führen. „Aber es war nicht möglich“, sagt sie heute. „Ich war traumatisiert, ein psychisches Wrack. Ich konnte einfach kein Vertrauen zu einem anderen Menschen aufbauen und habe daher auch nie geheiratet.“

Ihren Beruf als Erzieherin musste sie aufgrund von Panikattacken und schweren Depressionen schon vor fünfzehn Jahren aufgeben. Wie die meisten ihrer Leidensgenossen hat sie viele Jahre gebraucht, bis sie überhaupt über die schrecklichen Erlebnisse und den Horror im Kinderheim reden konnte. „Man hat uns Kindern Tag für Tag eingetrichtert, dass Heimkinder böse und schlecht und Menschen zweiter Klasse sind“, erklärt Carola. „Wen wundert es dann noch, dass die meisten Heimkinder im späteren Leben ihre Kindheit aus Scham stets verleugnet haben?“

Dabei waren die Zustände im katholischen Kinderheim in Eschweiler kein Einzelfall. „Meine Schilderrungen decken sich mit den Erlebnissen derer, die in anderen kirchlichen Heimen untergebracht waren“, weiß Carola K. aus Gesprächen mit anderen ehemaligen Heimkindern. Leidensgenossen, die ebenso wie sie aus Angst und Scham jahrzehntelang geschwiegen haben. Viele ehemalige Heimkinder leiden bis heute, viele sind noch heute in psychiatrischer Behandlung. Viele wurden Alkoholiker, etliche ehemalige Heimkinder haben sich das Leben genommen oder sind selbst zu Tätern geworden.

Der vom Bundestag eingesetzte „Runde Tisch Heimerziehung“ war sich nach Abschluss der Untersuchungen einig über die Beurteilung des Schicksals der über 500.000 ehemaligen Heimkinder: „In den zumeist von kirchlichen Organisationen getragenen Kinder- und Jugendheimen erlitten sie massives Unrecht - darunter Misshandlungen und Zwangsarbeit“, so die einhellige Auffassung des 21-köpfigen Gremiums unter Vorsitz der früheren Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer.

Nach langen Jahren des Schweigens, des Vertuschens und des Abstreitens hat nach der evangelischen Kirche mittlerweile auch die katholische Kirche das Leid der Kinder und die Verantwortung der Kirche anerkannt. „Die Deutsche Bischofskonferenz bedauert zutiefst, dass damals auch in katholischen Heimen Kindern und Jugendlichen Unrecht sowie seelische und körperliche Gewalt angetan wurde“, so ihr Sekretär, Pater Dr. Hans Langendörfer.

Für Carola K., die schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten ist, reichte diese nicht aus. „Die Nonnen waren als Täterinnen Erfüllungsgehilfinnen und Handlangerinnen der Kirche und haben uns in Gottes Namen und im Namen der Kirche misshandelt, gequält und gedemütigt.“ Sie setzte sich aktiv für eine finanzielle Entschädigung für ehemalige Heimkinder ein. Ein Hilfsfond sah 120 Millionen Euro für die Entschädigung von Heimkindern vor.

„Von 50.000 Euro Entschädigung für jedes Heimkind war damals die Rede, doch was dabei heraus gekommen ist, ist eine Schande“, klagt das ehemalige Heimkind. „Nur wer anhand seiner Akten beweisen konnte, das er ein gequältes Heimkind ist, wurde überhaupt berücksichtigt. Aus den 50.000 Euro wurden dann 10.000 Euro, für die wir uns aber im wahrsten Sinne des Wortes nichts kaufen konnten. Wir wurden mit Sachleistungen abgespeist. Ich hätte mir gerne ein neues Schlafzimmer gekauft aber ich musste mir einen überteuerten Gebrauchtwagen aussuchen, der zwei Jahre später schon nicht mehr durch den TÜV kam udn auf dem Schrott landete.“

Verantwortlich für diese Praxis war das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Carola K. nennt dies eine weitere Verhöhnung der Opfer „Das, was man uns angetan hat, hätte man eh mit keinem Geld der Welt wieder gut machen können. Schließlich hat man uns Heimkinder vorsätzlich und systematisch kaputtgemacht, man hat uns die Kindheit geraubt und damit unser Leben für immer zerstört. Aber als Entschädigung für achtzehn Jahre Horror und Qualen im katholischen Kinderheim einen Gebrauchtwagen zu bekommen, dafür finde ich einfach keine Worte mehr.“

bianca.heyden@brandzeilen.de

 

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Info


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Die Infostelle befasst sich mit den persönlichen Anliegen von ehemaligen Heimkindern, sie ist Ansprechpartner für regionale Initiativen vor Ort, begleitet bei der Gestaltung von reflektierenden Gesprächen mit ehemaligen Betreuungspersonen, organisiert und vermittelt fachlichen Austausch zwischen Beratungsstellen und Organisationen, die Beratungs- und Unterstützungsarbeit leisten.

www.rundertisch-heimerziehung.de

Email: info@rundertisch-heimerziehung.de

Telefon: 030 27576777


Weitere Infos zum Thema:

www.jetzt-reden-wir.org

www.veh-ev.eu (Verein ehemaliger Heimkinder)


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