Das bittere Schicksal eines ungeliebten Kuckuckskindes

Von Wolfgang Hillnhütter

Kategorien: Schicksale


Datum: 07.04.2015

Warum Sophie A. (55, Name geändert) als Kind in der Familie nur auf Ablehnung stieß, erfuhr sie erst Jahrzehnte später: sie ist ein Kuckuckskind. Erst nach langem Suchen fand sie ihren Vater (79), der jedoch jeglichen Kontakt zu ihr ablehnt. Er leugnete seine Vaterschaft und brachte seine Tochter dazu, keine Erbansprüche zu stellen. Erst ein erzwungener Vaterschaftstest überführte ihn. BrandZeilen.de hat das Kuckuckskind in der Nähe von Bremen besucht.

An den Tag, an dem Sophie A. die Wahrheit erfuhr, erinnert sie sich noch ganz genau. „Ich war 35 Jahre alt und benötigte eine Abstammungsurkunde vom Standesamt, als die Beamtin mich fragte, ob ich denn wüsste, dass meine Eltern schon längst geschieden waren, als ich geboren wurde“, erinnert sich die 55-Jährige. Das wusste sie nicht, es hatte ihr ja auch niemand gesagt. Der Mann, bei dem sie aufgewachsen war und von dem sie glaubte, dass er ihr Vater ist hatte es ihr verschwiegen. Genauso wie ihre Mutter, die Sophie erst kennenlernte, als sie volljährig geworden war.

Dies und ein weiteres Familiengeheimnis erfuhr die gelernte Krankenschwester dann, als sie nach dem Besuch des Standesamtes zu ihrer Tante fuhr, und die auf ihr Drängen hin endlich ihr Schweigen brach: Sophie war das Kind eines anderen, sie war ein Kuckuckskind! Nach seiner Geburt hatte das Jugendamt es der zwanzigjährigen Mutter weggenommen und in ein Heim gesteckt. Da Sophie offiziell als ehelich galt, musste ihr vermeintlicher Vater Wolfgang für die Unterbringung im Heim aufkommen, aus dem er das Kind aber später aus Kostengründen herausholte, um das Kuckuckskind selbst großzuziehen.

„Er hat mich immer spüren lassen, dass ich das Kind von einem anderen bin“, weiß Sophie heute mit Blick auf ihre schlimme Kindheit im Hause ihres vermeintlichen Vaters. Eine Kindheit, die von Gewalt, Liebesentzug und Demütigungen geprägt war. Sie war ein unschuldiges Kind, aber an ihr ließen der vermeintliche Vater und dessen Mutter Tag für Tag die Wut und den Frust über das Fremdgehen seiner Ex und das Scheitern der Ehe aus.

„Als ich nach 35 Jahren diese Wahrheit erfahren hatte, riss es mir förmlich den Boden unter den Füßen weg“, sagt Sophie, die sich mit einem Schlag ihrer Kindheit und ihrer Identität beraubt sah. „Aber in diesem Moment war mir auch klar, dass das, was meine Tante verraten hatte, die Wahrheit sein musste. Es war die Bestätigung dessen, was ich immer gespürt hatte: ich war anders als die Familie meines angeblichen Vaters, ich gehörte einfach nicht zu dieser Sippe, die mich als Kind immer dafür bestraft hat, dass ich das Kind eines anderen bin. Ich habe als Kind immer um seine Liebe und Zuneigung gebuhlt, aber ich bekam nur Schläge, und er ließ mich seinen abgrundtiefen Hass spüren.“

Doch mit dem Tag der Beichte ihrer Tante Karin würde alles besser werden- so die Hoffnung des enttäuschten Kuckuckskindes. Schließlich hatte ihr Tante Karin das verraten, was außer Sophie alle wussten: wer ihr Erzeuger und leiblicher Vater ist. Bence S. (Name geändert). ein heute 79-jähriger steinreicher Mann, der damals in der gleichen Straße in Bremen wie Sophies Mutter wohnte, nach dem Krieg aus Ungarn gekommen war, um im Goldenen Westen sein Glück zu machen. Er war verheiratet und hatte schon ein Kind, als er Renate S. schwängerte, die diesen Bence S. in einem späteren Sorgerechtsverfahren bei den Behörden dann auch als Erzeuger angab. Doch da Sophie offiziell als ehelich galt, musste er nie Unterhalt für sein Kind zahlen. Auch hatte er sich später nie nach seiner unehelichen Tochter erkundigt, zu keiner Zeit hatte er nach ihr gesucht, geschweige denn, versucht, etwas an ihr gut zu machen.

So machte sich dann Sophie auf die Suche nach ihrem Vater. „Es bohrte wie verrückt in mir“, sagt sie rückblickend. „Die Fragen, wer ich bin und woher ich komme, ließen mir keine Ruhe mehr. Auch wollte ich wissen, wer er und meine Familie sind, was für ein Mensch mein leiblicher Vater ist, wie sein Leben aussieht und ob ich ihm ähnlich bin.“

Sie erfuhr, dass er ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann gewesen war, allerdings seit dem Verkauf seines Großunternehmens für Elektroanlagen nicht mehr in Bremen lebte. „Ich durchforstete alles, was möglich war, doch ich fand ihn zunächst nicht“, berichtet Sophie. „Eine Einwohnermeldeamtsanfrage ergab, dass lediglich meine vermutliche Halbschwester noch in Deutschland lebte. Ich fasste allen Mut zusammen und rief sie an, aber das einzige, was ich von ihr zu hören bekam, als ich sagte, dass ich vermutlich ihre Halbschwester bin, war, 'wenn dem so ist, dann wird er sich kümmern'. Dann legte sie auf, ohne mir seine Adresse zu geben.“

Für Sophie E. war es dann wie ein Wink des Schicksals, als in ihrem Krankenhaus eine Frau mit dem Namen  ihres Vaters eingeliefert wurde. Es war die geschiedene Frau seines Sohnes, die ihr schließlich seine neue Adresse gab. „Noch am gleichen Tag schrieb ich ihm einen Brief“, berichtet das Kuckuckskind. „Ich schrieb, dass ich ihn endlich kennenlernen möchte und wissen möchte, wo meine Wurzeln sind. Doch statt einer Antwort oder eines Anrufes bekam ich Post von seinen Anwälten. Er stritt ab, dass er mein Vater ist, denn dies könne gar nicht sein und ließ ausrichten, dass jeglicher weiterer Kontakt ausschließlich über seine Anwälte zu erfolgen hätte.“

Ein Schlag ins Gesicht für eine Frau, die nach Jahrzehnten endlich ihren Vater gefunden hatte und nichts anderes wollte, als ihren Erzeuger persönlich kennen zu lernen und Ordnung in ihren Lebenslauf zu bringen. „Auf dieses Schreiben hin bin ich mit dem Motorrad nach Österreich gefahren, um ihn persönlich aufzusuchen und mit ihm zu sprechen“, erzählt Sophie. „Ich war bereit, ihm zu verzeihen, dass er sich all die Jahre nie für mich interessiert hat, mich verleugnet und sich nie gekümmert hat, wenn er denn nur zu mir als seine leibliche Tochter stehen würde.“

Das malerische Ferndorf im Bundesland Kärnten war ihr Ziel. Traumhaft gelegen, mit Blick auf die Berge und den Millstätter See, mit einem großen Geländewagen in der Garage, vor ungebetenen Besuchern mit einem hohen Zaun und Videokameras gesichert, residierte dort der Mann in einem luxuriösen Anwesen, den die Bürger des Ortes nur als Patron bezeichnen. Millionenschwer, das Vermögen vor dem deutschen Fiskus gesichert, gibt sich Bence S. (79) in seiner Wahlheimat als großzügiger Mäzen und generöser Sponsor örtlicher sozialer Projekte. Ansonsten genießt er sein Luxusleben und jettet um den Erdball, um mit seiner zweiten Frau an den schönsten Plätzen der Welt Urlaub zu machen.

Mit zitternden Knien stand Sophie. vor dem herrschaftlichen Anwesens ihres Vaters in der Hoffnung, ihm zum ersten Mal in ihrem Leben in die Augen sehen zu können, ihn zu umarmen und Vater zu ihm sagen zu können. Doch was sie dann erlebte, bezeichnet sie heute als einen der bislang bittersten Augenblicke in ihrem Leben. „Ich stieg vom Motorrad ab und klingelte, mir bot sich ein Bild wie im Kino. Er fragte, durch die Gegensprechanlage, wer ich bin, ich zitterte am ganzen Körper, als ich mich als seine Tochter aus Bremen vorstellte, die um ein Gespräch bittet“, erinnert sich Sophie. „Doch er ließ mich eiskalt abblitzen, er sagte durch die Sprechanlage nur, dass das seine Anwälte regeln werden, um mich dann unmissverständlich aufzufordern, sofort sein Grundstück zu verlassen.“

Erneut hatte Sophie, das Kuckuckskind, offene Abneigung, Ablehnung und eine weitere große Enttäuschung in ihrem Leben erfahren müssen. Jetzt von ihrem leiblichen Vater.„In Tränen aufgelöst und am ganzen Körper zitternd fuhr ich zurück nach Deutschland, ich war am Boden zerstört und maßlos enttäuscht, dass mein Vater mir so die kalte Schulter gezeigt hatte“, sagt Sophie verbittert und voller Unverständnis, darüber, dass ihr Erzeuger nichts von ihr wissen wollte und sie weiterhin verleugnete. „Seine erste Frau, die er damals mit meiner Mutter betrogen hat, ist seit vielen Jahren tot“, weiß Sophie. „Er konnte sie also mit einer späten Beichte, ein uneheliches Kind zu haben, nicht mehr verletzen.“

So war sie fest entschlossen, ihre wahre Identität herauszufinden und ihren Kampf um die Wahrheit und um Gerechtigkeit weiterzuführen. „Mir ging es um Zuneigung und Liebe, um Anerkennung und späte Wiedergutmachung für widerfahrenes Unrecht, aber ihm ging es nur um sein Geld, das er meinte, vor mir retten zu müssen“, so das ungeliebte Kuckuckskind, das schließlich Klage auf Feststellung der Vaterschaft einreichte. „Daraufhin bekam mein mutmaßlicher Erzeuger kalte Füße, denn er machte mir ein Abfindungsangebot. Ich sollte umgerechnet 31.000 Euro erhalten, wenn ich ihn nicht länger als vermutlichen Vater bezeichne und ihn und seine Familie nicht mehr belästige“, berichtet Sophie.

„Ich sollte auf alle Erbansprüche verzichten und es für alle Zeiten unterlassen, die Vaterschaft gerichtlich klären zu lassen. Er hatte in Schriftsätzen mitgeteilt, dass er dafür Sorge tragen würde, sein Vermögen so zu verteilen, dass ich nichts erhalten würde für den Fall, dass ich nicht unterschreiben würde.“ So unter Druck gesetzt, unterschrieb die damals alleinerziehende Mutter von drei Kindern einen Vertrag, den ein Gericht später als sittenwidrig bezeichnete. „Ich war somit gezwungen, den Mund zu halten und keine weiteren Schritte mehr zu unternehmen, insbesondere nicht in Bezug auf die Vaterschaft.“

Als Sophie schließlich vor fünf Jahren erfuhr, dass es schon 2002 ein Urteil gab, in dem nach einem Abstammungsgutachten festgestellt wurde, dass ihr mittlerweile verstorbener „ehelicher“ Vater Wolfgang J. nicht ihr leiblicher Vater und Erzeuger ist und auch nicht sein konnte, kam noch einmal Bewegung in die Sache. Ein Gericht verurteilte Bence S, einem Abstammungstest zur Feststellung der Vaterschaft zuzustimmen. „Daraufhin zeigte dieser eiskalte Mann noch einmal sein wahres Gesicht“, sagt Sophie, während sie durch einen Stapel Aktenordner blättert. „Ich erhielt abartige Schriftsätze, in denen er tatsächlich behauptete, sich und seine Familie vor mir schützen zu müssen. Er schreckte nicht einmal davor zurück, mich auf Zahlung von Schadenersatz zu verklagen, weil ich angeblich den unterschriebenen Vertrag verletzt hätte. Schließlich ließ er mich über seine Anwälte fragen, ob er noch einmal 50.000 Euro drauflegen solle. Ich war einfach nur noch sprachlos.“

Obwohl kein vernünftiger Zweifel mehr daran bestand, dass Bence S. Sophies leiblicher Vater ist, wehrte der sich mit Händen und Füßen, den von einem Bremer Gericht angeordneten Vaterschaftstest durchzuführen. Obwohl mittlerweile höchstrichterlich festgestellt wurde, dass er „zur Verweigerung seiner Mitwirkung an der angeordneten Erstellung eines Abstammungsgutachtens nicht berechtigt“ ist, wogegen Bence S. tatsächlich eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht einlegte. „Zu groß war offensichtlich seine Sorge, dass sein eigen Fleisch und Blut einen Teil seines riesigen Vermögens beanspruchen könnte“, sagt Sophie. „Aber er hat nie kapiert, dass es mir nicht ums Geld sondern um die letzte Gewissheit ging, dass er mein Vater ist.“

Nach einer Bearbeitungszeit von über drei Jahren machte das Bundesverfassungsgericht dem Spuk dann ein Ende. Bences Beschwerde wurde nicht angenommen, er musste sich dem Vaterschaftstest unterziehen. Und der war eindeutig: mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,99999 %  ist Bence S Sophies leiblicher Vater.

„Ich war am Ziel, ich hatte endlich den lang ersehnten Beweis und die letzte Gewissheit, dass er tatsächlich mein Vater ist, und er mich nicht länger verleugnen kann“, sagt Sophie erleichtert. Doch sie gibt sich nicht der Illusion hin, dass es  noch zu einer ehrlichen Vater-Tochter-Beziehung kommen könnte. „Darauf lege auch ich jetzt keinerlei Wert mehr“, sagt Sophie, das Kuckuckskind. „Dieser Mann hat sein wahres Gesicht gezeigt und seinen Charakter offenbart. Nach dem, was er mir alles angetan hat, kann ich nur sagen: Einen solchen Menschen möchte ich als Vater nicht haben. Mir reicht es, die Wahrheit zu kennen, endlich Gewissheit und auf all die Fragen, die ich mir ein Leben lang gestellt habe, nun die Antworten zu haben.“

In ihrem jetzt erschienenen Buch schildert Sophie ihren langjährigen Identitätskampf als Kuckuckskind:

https://www.amazon.de/Ungewollt-Sophie-Christina-Aichinger/dp/3837015025/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1471805256&sr=8-2&keywords=ungewollt+aichinger

Leseprobe: https://www.yumpu.com/de/document/fullscreen/55865757/leseprobe-yumpu

Weitere Infos auf Sophies Facebookseite: https://www.facebook.com/Kuckuckstochter/

wolfgang.hillnhuetter@brandzeilen.de

 

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Info


Was ist ein Kuckuckskind, und wie viele Kuckuckskinder werden jährlich in Deutschland geboren?

Kuckuckskind ist die Bezeichnung für ein Kind, das nicht weiß, dass der gesetzliche Vater nicht sein leiblicher Vater ist.


Die Auswertung verschiedenster Studien aus der ganzen Welt kommt auf einen Schnitt von 3,7 % Kuckuckskindern bezogen auf  die Neugeburten. Andere Schätzungen besagen, dass in Deutschland jedes zehnte (10%) bis fünfte Kind (20%) ein Kuckuckskind sein dürfte.

Bei einer Geburtenrate von knapp 675.000 im Jahre 2012 wären es somit zwischen 67.000 und 134.000 Kuckuckskinder im Jahre 2012 allein in Deutschland!

Selbst eine Zugrundelegung der „vorsichtigen“ Zahlen der Studien von 3,7% würde immerhin noch knapp 25.000 Kuckuckskinder pro Jahr in Deutschland bedeuten. Somit gibt es statistisch gesehen in jeder Schulklasse mindestens ein Kuckuckskind.

Mehr Informationen zum Thema: http://kuckucksvater.wordpress.com


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