„Weil wir fünf Kinder haben, wurden wir als asozial beschimpft“

Von Frank Jürgensen

Kategorien: Behördenwillkür, Schicksale


Datum: 17.04.2015

Nach einem Wasserschaden war ihre 5-Zimmer-Wohnung unbewohnbar. Als das Bremer Ehepaar Maurice und Tanja E . für sich und seine fünf Kinder eine neue Bleibe suchte, ließen Vermieter und Makler sie offen abblitzen, sie wurden wegen ihrer Kinder sogar als asozial beschimpft. Es dauerte eineinhalb Jahre, ehe sie endlich ein neues Zuhause fanden. BrandZeilen.de berichtet über die skandalöse Diskriminierung einer kinderreichen Familie.

Es ist feucht in der Wohnung, es riecht nach Schimmel und Moder, rund um die Uhr läuft eine Pumpe, die die Feuchtigkeit aus den Wänden und dem Dielenboden über einen Schlauch nach draußen leitet. Das Zuhause der Familie Engelhardt ist nach einem Wasserschaden nahezu unbewohnbar, eineinhalb Jahre spielte sich das Leben der siebenköpfigen Familie in den beiden verbleibenden halbwegs bewohnbaren Räumen ab. René(12) und sein Bruder Maurice (10) konnten ihre Hausaufgaben nicht mehr in Ruhe machen, ihre kleine Schwester Colleen (7) und die Zwillinge Max (3) und Paul (3) wussten nicht, wo sie bei schlechtem Wetter spielen sollten.

„Wir saßen die ganze Zeit, Sommer wie Winter, auf gepackten Umzugskartons und suchten händeringend ein neues Zuhause“, sagt Familienvater Maurice (33, Landschaftsgärtner) gegenüber BrandZeilen.de, „aber weil wir fünf Kinder haben, wollte uns  niemand eine Wohnung oder ein kleines Häuschen vermieten. Wir blitzten überall ab, und das Schlimmste war, dass Makler und Vermieter uns sogar noch als asozial beschimpften und offen sagten, dass sie anderen Mietern im Haus eine Familie mit fünf Kindern nicht zumuten können.“

Mehr als acht Jahre wohnte das Ehepaar mit ihren fünf Kindern in der oberen geräumigen Etage eines Mehrfamilienhauses im Bremer Stadtteil Woltmershausen. „Fünf Zimmer, eine Küche und zwei Bäder auf über einhundert Quadratmetern“, erklärt Tanja Engelhardt(35), die nach der Geburt ihrer Zwillinge ihren Beruf als Restaurantfachfrau aufgab, um sich um ihre Kinder und den Haushalt zu kümmern. „Genügend Platz für alle - bis zu dem Tag, als während unserer Abwesenheit der Druckschlauch der Waschmaschine platzte und die gesamte Wohnung und die Wohnungen unter uns unter Wasser setzte.“

Als ein Gutachter feststellte, dass das gesamte Haus nach dem Wasserschaden aufgrund seines Alters und der baulichen Beschaffenheit von Grund auf saniert werden muss, machten sich die Engelhardts auf die Suche nach einem neuen Zuhause. „Wir haben auf Zeitungsannoncen geantwortet, Makler und Vermieter angerufen und uns per Email Emails auf Wohnungsangebote im Internet gemeldet“, berichtet Tanja Engelhardt, die in der Folgezeit exakt 105 (!) Bewerbungen schrieb – und 105 (!) Absagen erhielt.

„Beim ersten telefonischen Kontakt waren die Makler oder Hausverwalter noch überaus nett und freundlich, schließlich wollten sie ja ihre leerstehenden Wohnungen an den Mann oder die Frau bringen“, erzählt Tanja Engelhardt, „doch sobald wir sagten, dass wir fünf Kinder haben, war Schluss. Wir kamen als Mieter plötzlich nicht mehr in Frage.“

Dabei nahmen die Vermieter nicht einmal ein Blatt vor den Mund. Man sagte den Engelhardts offen ins Gesicht, was man von einer Großfamilie mit fünf Kindern als Mieter hält: Gar nichts! Sie mussten sich anhören, dass man „Asoziale“ nicht wolle, und dass Wohnungen bei so vielen Kindern erfahrungsgemäß zu schnell verwohnt seien. Ein Hausverwalter  ließ sich sogar schriftlich zu der Bemerkung hinreißen, dass man den anderen Mietern im Haus eine Familie mit fünf Kindern nicht zumuten sollte. Ein Schlag ins Gesicht für ein kinderliebes Ehepaar, das sich trotz des Armutsrisikos bewusst für fünf Kinder entschieden hat.

„Es war frustrierend und beschämend, es hat uns betroffen und sprachlos gemacht, wie man uns als Menschen zweiter Klasse behandelt und uns ganz offen eine solche Kinderfeindlichkeit spüren ließ“, sagt Familienvater Maurice. „wir haben uns gefragt, was wir denn verbrochen haben, dass man uns als Mieter nicht haben will?“

Dabei haben die Engelhardts liebe und gut erzogene Kinder, die von früh an gelernt haben, auf andere Rücksicht zu nehmen. „Solange die Kinder da sind, hat es von anderen Mietern noch nie eine Beschwerde über unsere Kinder gegeben“, betont Mutter Tanja. „Zudem sind René, Maurice und Colleen bis spätnachmittags in der Schule oder im Hort, und am liebsten halten sich die Kinder draußen auf, oder wir sind mit ihnen in unserem Schrebergarten. Aber das interessiert keinen Makler oder Vermieter.“

Nach monatelanger, vergeblicher Suche und ständigen Absagen hatten die Engelhardts die Hoffnung auf eine neue Wohnung schon aufgegeben, als sich plötzlich ein Makler nach einer zunächst erfolgten Absage doch noch einmal bei ihnen meldete. „Wir haben ihre Bewerbung neu bewertet“, hieß es in dem Schreiben, in dem man ihnen ein Endreihenhaus in einer familienfreundlichen und verkehrsberuhigten Wohnanlage zur Miete anbot. 6 Zimmer, Küche, Bad auf 154 Quadratmeter Wohnfläche zu einem Mietzins von 1160 Euro. Möglicherweise hatte die öffentliche Empörung über die offene Kinderfeindlichkeit der Bremer Makler und Vermieter zu diesem Sinneswandel geführt.

„Meine Frau hatte Tränen in den Augen, als sie das Angebot in Händen hielt, sie ist sofort mit den Kindern dorthin gegangen und hat ihnen gezeigt, wie schön sie schon bald wieder wohnen werden“, erzählt Maurice Engelhardt. „Das Haus war absolut ideal für uns. Es lag nur ein paar Straßen von unserer jetzigen Wohnung entfernt, die Schule und der Hort waren ganz in der Nähe, und auch die Spielkameraden der Kinder und unsere Freunde und unsere Verwandtschaft wären weiterhin in unserer direkten Nachbarschaft gewesen.“

Doch auf die Vorfreude folgte ganz schnell die Ernüchterung. „Als siebenköpfige Familie ist man bei den heutigen Mietpreisen automatisch auf Unterstützung des Amtes angewiesen, daher mussten wir das Mietangebot dem für uns zuständigen Jobcenter zur Genehmigung vorlegen“, erklärt Tanja Engelhardt. Doch die Miete in Höhe von 1.160 Euro überschritt den „Richtwert“ um 135 Euro. „Eine Kostenübernahme ist daher abzulehnen“, hieß es in dem Schreiben, das alle Träume der Familie mit einem Schlag zunichtemachte.

„Ich bin daraufhin beim Jobcenter  vorstellig geworden und habe angeboten, dass wir diese 135 Euro selbst übernehmen, oder unsere Eltern bürgen werden“, sagt Tanja Engelhardt. „Aber das Amt blieb stur mit dem Argument, Vorschrift sei Vorschrift.“ Eine Entscheidung, mit der sich die fünffache Mutter jedoch nicht abfand.

„Ich habe weiter wie eine Löwin darum gekämpft, dass meine Kinder so schnell wie möglich wieder ein Zuhause haben, in dem sie endlich wieder menschenwürdig leben können. Ohne Schimmel und ohne Feuchtigkeit“, so Tanja Engelhardt. „Es kann doch nicht sein, dass man als Großfamilie erst von kinderfeindlichen Vermietern beschimpft wird und keine Wohnung bekommt, und dann vom Amt im Regen stehen gelassen wird.“

Sie sprach immer wieder persönlich bei Vermietern und Maklern vor, sie suchte Rat beim Mieterbund und drohte dem Amt mit einer Klage vor dem Sozialgericht. Dass die Engelhardts nach fast eineinhalb Jahren unwürdiger Wohnverhältnisse dann doch noch ein neues Zuhause fanden, verdanken sie einer Karlsruher Hausverwaltung. „Sie sind auf unsere erneute Bitte hin mit dem Mietzins einfach so weit heruntergegangen, dass er exakt dem vorgeschriebenen Richtwert der Behörde entsprach. Und nach langem hin und her hat dann auch das Jobcenter seinen Segen dazu gegeben“, freut sich Maurice Engelhardt. „Nun haben wir endlich wieder ein ordentliches  Zuhause. Dafür haben wir eineinhalb Jahre kämpfen und viele Schikanen ertragen müssen.“

frank.juergensen@brandzeilen.de

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Interview


Reinhard Josties, Geschäftsführer Mieterverein Bremen. e.V.

Ist es für kinderreiche Familien grundsätzlich schwieriger, eine passende Wohnung zu finden?

Eindeutig ja! Zum einen sind große,bezahlbare Wohnungen rar gesät, zum anderen sehen viele Vermieter kinderreiche Familien tatsächlich als Risiko an.  Man möchte Streit innerhalb der Mieterschaft wegen möglicher Lärmbelästigung oder Ruhestörung möglichst vermeiden und Konflikten mit seinen Mietern aus dem Wege gehen.


Was raten Sie, falls es einer kinderreichen Familie ergeht wie den Engelhardts?

In ausgespochenen Notsituationen wie dieser sollte sich die Familie an die Fachstelle Wohnen bei der Stadt Bremen wenden. Da eine Dringlichkeit vorliegt, wird die Fachstelle versuchen, im Sinne der Kinder schnellstmöglich eine passende Wohnung zu finden.



Kontakt:

Mieteverein Bremen e.V.

www.mieterverein-bremen.de

E-mail: info@mieterverein-bremen.de

Telefon: 0421/32 02 09

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