„Ein Arzt hat mir den Rücken gebrochen“

Von Wolfgang Hillnhütter

Kategorien: Ärztepfusch, Schicksale


Datum: 08.04.2015

Schrauben und Nägel halten den Rücken von Brigitte R. zusammen, sie bekommt Morphium und ist auf den Rollstuhl angewiesen. Die 64-Jährige wurde Opfer einer schier unglaublichen Krankenhausbehandlung: Bei einem Einrenkversuch zog ein Arzt so heftig an ihrem Bein, dass er ihr zwei Lendenwirbel brach und einen Bandscheibenvorfall auslöste. BrandZeilen.de hat die bemitleidenswerte Frau besucht.

Regungslos liegt Brigitte R. in ihrem Pflegebett. Obwohl die 64-Jährige aus dem westfälischen Dorsten Morphium bekommt, löst jede noch so kleine Bewegung immer noch unerträgliche Schmerzen aus. Nur unter größten Anstrengungen und mit Hilfe ihres Mannes Eduard (68) schafft sie es in den Rollstuhl, um bei schönem Wetter ein wenig frische Luft auf ihrer Terrasse zu schnappen. An einen Spaziergang im Rollstuhl oder gar einen Stadtbummel ist nicht zu denken - jede Unebenheit auf dem Boden ist für Brigitte R. lebensgefährlich. Schon ein Laie erkennt nach einem kurzen Blick auf das Röntgenbild, wie schlimm es um ihren Rücken steht: Lediglich Schrauben, Nägel und Zement halten den unteren Teil ihres verkrümmten Bewegungsapparates noch notdürftig zusammen. „Ein unfähiger Orthopäde hat mir beim Einrenken den Rücken gebrochen und damit mein Leben und meine Gesundheit zerstört“, klagt Brigitte R. gegenüber BrandZeilen.de, während sie sich die Tränen aus den Augen wischt.

Dabei war die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen ihr Leben lang kerngesund, sie stand immer mit beiden Beinen fest im Leben. Zusammen mit ihrem „Edi“ genoss sie den gemeinsamen Vorruhestand. Tanzen, schwimmen und Fahrrad fahren waren die großen Leidenschaften des sehr sportlichen Ehepaares. Schmerzhaft erinnert sich die Familienmutter an die Frühjahrstage, die ihr Leben dann von einem Tag zum anderen veränderten. „Ich bekam heftige Rückenschmerzen, die ich auch nach einer längeren Schmerztherapie nicht loswurde“. Auf Hilfe hoffend ließ sie sich ins St. Marien-Hospital in Borken einliefern, wo man einen Bruch eines Lendenwirbels diagnostizierte und zu einer sofortigen Operation riet, bei der der gebrochene Wirbel zementiert werden sollte. Es war der Beginn eines bis heute andauernden Leidensweges.

„Der Eingriff verlief erst einmal zu meiner vollsten Zufriedenheit, schon einen Tag später waren die Rückenschmerzen wie weggeblasen“, erzählt Brigitte R. „Lediglich ein Ziehen in der rechten Leiste empfand ich noch als lästig.“ Doch der behandelnde Orthopäde beruhigte sie mit den Worten, „das kriegen wir auch noch hin“ und forderte seine Patientin nach einer Visite auf, sich „mal kurz“ mit dem Bauch auf das Bett zu legen. Und dann geschah das Unfassbare: Der Arzt zog mehrmals an ihrem Unterschenkel, weil er dabei jedoch immer wieder abrutschte, demontierte(!) er kurzerhand das Fußende des Bettes, wickelte seiner Patienten ein Handtuch um den Unterschenkel(!), um dann mit brachialer Gewalt und größter Kraftanstrengung daran zu drehen und zu ziehen!

„Es gab einen regelrechten Knall, es knarrte und krachte so laut, dass meine Bettnachbarin vor Schreck in ihrem Bett zusammenzuckte“, berichtet Birgit R. „Im selben Augenblick verspürte ich einen solch stechenden Schmerz von den Haarspitzen bis in sämtliche Zehen, dass mir die Tränen in die Augen schossen, und ich nur noch laut geschrien habe.“

Obwohl Brigitte R. danach Tag und Nacht vor Schmerzen weinte, wurde sie 48 Stunden später als „lauffähig“ entlassen. „Dabei konnte sie kaum noch aufrecht stehen und sich nur mühsam und vorn übergebeugt mit einem Rollator fortbewegen“, berichtet ihr Mann. Acht Tage später musste Brigitte R. aufgrund ihres Zustandes mit dem Notarztwagen erneut in die Klinik gebracht werden. Doch statt den Beschwerden auf den Grund zu gehen, sprach man davon, dass ihre Schmerzen nach einer OP „normal“ seien, man gab ihr lediglich ein Schmerzmittel. Erst nachdem sie ein drittes Mal eingeliefert worden war, kam nach einer gründlichen Untersuchung heraus, was der Orthopäde durch sein brachiales „Einrenken“ angerichtet hatte: Er hatte den frisch operierten Lendenwirbel gebrochen, ein zweiter Lendenwirbel wies ebenfalls eine Fraktur auf, das rechte Kniegelenk war zerstört, zudem hatte das brutale Einrenken des frisch operierten Rückens einen Bandscheibenvorfall ausgelöst.

„Die Ärzte auf der Station schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als ich ihnen erzählte, wie ihr Kollege das Ziehen in der Leiste behandelt hatte“, berichtet Eduard R. „Sie sagten meiner Frau offen ins Gesicht, dass sie warten müsse, bis der Kollege aus dem Urlaub zurück sei, denn die weitere Behandlung müsse derjenige vornehmen, der all dies zu verantworten habe.“

Erneut wurde Brigitte R. am Rücken operiert. „Als ich auf der Intensivstation wach wurde, stand der Orthopäde an meinem Bett und sagte mit einem Lächeln, dass er die Angelegenheit wieder in Ordnung gebracht hätte“, berichtet Brigitte R. Für sie war dies ein klares Schuldeingeständnis des Orthopäden. Doch verbessert hatte sich ihr Zustand nicht. „Ganz im Gegenteil“, sagt ihr Mann mit Blick auf die Krankenakte. „Die Wirbelsäule sah nach dem erneuten Eingriff schlimmer aus als zuvor. Nachdem sie noch weitere fünfmal in einer anderen Klinik operiert werden musste, sagten ihr die Ärzte, dass sie nichts mehr für sie tun können. Ihre Wirbelsäule und ihr Rücken seien total kaputt. Meine Frau wurde als Pflegefall entlassen.“

Seitdem kämpft Brigitte R. mit Hilfe der Patientenanwältin Sabrina Diehl aus Oberhausen um Gerechtigkeit. Die Fachanwältin für Medizinrecht: „Wir fordern Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 200.000 Euro.“

Das St. Marien-Hospital in einer Stellungnahme: „Das Schicksal der Patientin berührt auch uns“, so sein Sprecher Tobias Rodig. „Wir gehen aber nicht davon aus, dass ein Behandlungsfehler vorliegt. Sollte dies durch ein Gutachten jedoch festgestellt werden, stehen wir selbstverständlich zu unserer Verantwortung.“

Das hofften Brigitte R und ihr Mann Eduard jedoch vergeblich. Ihre Klage wurde in Erster Instanz abgewiesen, „Der Orthopäde und die Klinik werden somit  für das, was sie angerichtet haben, nicht zur Verantwortung gezogen“, so die leidgeprüfte Frau, die nicht genügend Kraft verspürt, weiter gegen den Arzt und die Klinik vorzugehen. Ihr bleibt die Hoffnung, dass die Medizin eines Tages so weit ist, dass ihr kaputter Rücken doch noch operiert werden kann, so dass sie zumindest wieder ein paar Schritte schmerzfrei laufen kann. Doch so lange wird sie sich mit ihrem Schicksal und ihren Schmerzen abfinden müssen. „Gott sei Dank ist Eduard rund um die Uhr an meiner Seite, er tut alles für mich“, sagt Brigitte R. „Er ist wie ein Fels in der Brandung, er gibt mir Halt und muntert mich auf, wenn ich auch psychisch mal wieder am Ende bin. Ohne ihn wüsste ich nicht, wie ich weiterleben sollte.“

wolfgang.hillnhuetter@brandzeilen.de

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Interview


Patientenanwältin Sabrina Diehl

Wie erklären Sie sich das Verhalten des Arztes?

Es ist schlichtweg unerklärlich. Er muste wissen, welche Folgen eine solche Behandlung nach sich ziehen kann.


Sind Fälle von Ärztepfusch wie der von Frau R. eine Seltenheit?

Nein.Einer aktuellen Studie der AOK zufolge werden mehr Menschen Opfer ärztlicher Behandlungsfehlers als von Verkehrsunfällen.


Was raten Sie Patienten, die befürchten, Opfer eines Behandlungsfehlers geworden zu sein?

Zunächst sollten Sie den Arzt oder das Krankenhaus um ein Gespräch bitten. Lassen Sie sich Ihre Behandlungsunterlagen aushändigen. Werden ein Gespräch oder die Herausgabe der Behandlungsunterlagen verweigert, sollten Sie sich sofort an einen Anwalt wenden. Gleiches gilt, wenn Sie den Eindruck haben, dass zwar ein Gespräch gewährt wurde, die Sache aber nicht ausreichend geklärt oder gar verharmlost wurde. Ärzte haften genauso wie jeder andere für die Fehler, die sie begehen. In der Regel sind sie hierfür versichert. Sie haben das Recht und die Möglichkeit, eine Entschädigung in Form von Schadensersatz und Schmerzensgeld zu erhalten. Welche Ansprüche Ihnen im Einzelnen zustehen, und wie diese korrekt beziffert werden, weiß ein Patientenanwalt. Das ist ein Fachanwalt  für Medizinrecht, der ausschließlich Patienten vertritt.

Setzen Sie sich mit uns in Verbindung, wenn Sie den Verdacht haben, Opfer eines Ärztepfuschs geworden zu sein!


Kontakt:

www.patientundanwalt.de

E-Mail: post@PATIENTundANWALT.de

Tel.: 02365 / 207160

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